Wirtschaft
Symbol Amerikas: Ein McDonald's-Schild in Chicago.
Symbol Amerikas: Ein McDonald's-Schild in Chicago.(Foto: AP)

Inside Wall Street: Ausbeutung an der Fritteuse

Von Lars Halter, New York

"McDonald's – I'm loving it." Diesen Slogan hört man immer seltener. Vor allem Angestellten des Fastfood-Riesen kommt er nicht mehr über die Lippen, denn die werden unter den "Golden Arches" zunehmend ausgebeutet.

"Golden Arches", die goldenen Bögen, nennt man in den USA gerne das große gelbe "M" der Kette McDonald's, und vor allem bei langen Überlandfahrten durch die Weite Amerikas kann man nachvollziehen, was damit wohl einmal gemeint war. Vielversprechend thront der Buchstabe meterhoch über jeder Tankstelle, mitten in der Wüste gibt es Burger, Pommes Frites und Milkshakes. "Ich bin für dich da", scheint das große "M" zu rufen. Fast passt es in ein Roadmovie.

Doch die alten Versprechen der Kette zählen nichts mehr. Längst hat man es aufgegeben, mit gesünderen Produkten gegen den schlechten Ruf des Fastfood anzukämpfen. Fette Burger bringen mehr Geld, und um Geld geht es. Um Geld allein, um Gewinnmargen – und die erhöht man notfalls auf dem Rücken der Angestellten. Die verdienen in US-amerikanischen Filialen meist nur den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, schlappe 7,25 Dollar pro Stunde. Und jetzt hat McDonald's einen Weg gefunden, auch beim Mindestlohn zu knausern – Angestellte werden in immer mehr Filialen nicht mehr mit dem traditionellen Scheck oder per Überweisung bezahlt, sondern mit Geldkarten großer Banken. Die sind mit dem jeweiligen Betrag geladen – doch fallen bei jeder Transaktion mit der Plastikkohle Gebühren an.

Für eine Barabhebung ab Geldautomaten sind 1,75 Dollar fällig, für eine mündliche Auskunft zum Kontostand 50 Cent, für einen schriftlichen Kontoauszug 2,95 Dollar. Satte 25 Dollar sind fällig, wenn die Karte überzogen wird und 10 Dollar kostet es, ein Kartenkonto zu schließen. Wer seine Karte sechs Wochen nicht benutzt, zahlt eine "Inaktivitäts-Gebühr" von 7 Dollar. Experten haben ermittelt, dass Kunden bei normaler Kartenbenutzung im Monat zwischen 40 und 50 Dollar an Gebühren zahlen – wer den Mindestlohn verdient, der spürt so etwas schmerzlich.

Provisionen für den Arbeitgeber

McDonald's ist nicht die einzige Kette, die ihre Mitarbeiter in Plastik ausbezahlt. Auch Taco Bell, Walgreen und Wal-Mart sind auf den Zug aufgesprungen – von den Banken bekommen sie Provisionen für jedes neue Kartenkonto. Den Unternehmen ist es gelungen, vom mickrigen Gehalt ihrer Mitarbeiter noch einmal etwas abzuschöpfen. Dass damit für Hunderttausende der eigentliche Lohn unter den Mindestlohn fällt, dürfte die Arbeitgeber nicht stören. Den Gesetzgeber auch nicht, jedenfalls hat man bislang keine Initiative gegen die unverschämte Praxis gestartet.

Dringend nötig wäre das allerdings: 2012 liefen nach Informationen der "New York Times" 34 Milliarden Dollar über 4,6 Millionen Karten – bis 2017 sollen bereits 10,8 Millionen Karten Löhne von rund 68,9 Milliarden Dollar verwalten. Da kommen Millionen an Gebühren zusammen. Die "New York Times" zitiert Bintou Kamara, eine Angestellte, die in der Hauptfiliale von Victoria's Secret in Manhattan arbeitet – auch die Dessouskette zahlt seit einiger Zeit mit Plastikkarten. Kamara zahlt eine Gebühr von 1,50 Dollar, wenn sie Geld von der Karte auf ihr Konto überweisen will. "Ich verdiene überhaupt so wenig, dass mir solche Gebühren wirklich teuer erscheinen", sagt die 23-Jährige.

Bei den Banken wiegelt man ab. Die meisten Karten gingen an Leute, die keine Bankkonten hätten und daher alternative Angebote bräuchten. Tatsächlich ist die Zahl der US-Amerikaner, die keine Bankgeschäfte tätigen, in den letzten vier Jahren von 9 auf 10 Millionen gestiegen. Das an sich ist ein deutliches Zeichen für den finanziellen Verfall der Unter- und Mittelschicht.

McDonald's widerlegt sich selbt

Den großen Ketten in Corporate America macht das alles keine Sorgen – und McDonald's zu allerletzt. Der Fastfood-Riese hat gerade mit dem Finanzpartner Visa eine Webseite angelegt, die Angestellten beim Aufstellen eines Haushaltsplanes behilflich sein soll. Klares Ziel: auch den schlecht Verdienenden zu zeigen, dass sie mit ihren Mindestlöhnen locker klarkommen. Der Haken bei der Sache: Die Webseite zeigt in manchen Beispielen genau das Gegenteil - dass es nämlich nahezu unmöglich ist, von den Minilöhnen vernünftig zu leben.

Eine Beispielrechnung: McDonald's erklärt, dass sich ein Monatslohn 1105 Dollar – das entspricht für Arbeiter mit Mindestlohn einem Vollzeit-Job – recht schnell mit einem Zweitjob von 955 Dollar auf satte 2060 Dollar addieren könne. Ein schneller Griff zum Taschenrechner: beim aktuellen US-Mindestlohn fallen für die beiden Jobs 74 Wochenstunden an. – Und wie lebt man davon? Laut den Berechnungen von McDonald's und Visa recht gut. Nach Abzug von Miete, Nebenkosten, Krankenversicherungen, Tilgung diverser Kredite und so weiter bleiben 25 Dollar pro Tag. Vorausgesetzt, man schafft es, sich für 20 Dollar monatlich zu versichern. Im Branchenmittel ist in dieser Höhe nicht einmal eine Mindestdeckung für Notfälle gewährleistet. Auch haben die Finanzberater zwar die Ratenzahlung für das Auto berücksichtigt, aber nicht das Benzin. Lebensmittel stehen in der Auflistung auch noch keine ... Punkt für Punkt beweist der Burgerkonzern letztlich, dass er seine Arbeiter wirklich ausbeutet.

Kein Wunder, denn die Politik hat sich – auf Druck der Wirtschaftslobbyisten – längst davon verabschiedet, dem kleinen Mann zu helfen. In den 1970er Jahren begann sich der Mindestlohn bereits von der Produktivität im Land abzukoppeln. Will heißen: Die Unternehmer verdienten an jedem Arbeitnehmer mehr, zahlten aber nicht mehr – die Schere ging auf und hat heute erschreckende Ausmaße angenommen. Wäre der Mindestlohn seit den 70ern an die Produktivität gekoppelt gewesen, läge er heute bei 21 Dollar pro Stunde – rund dreimal so hoch, wie er in Wirklichkeit ist.

Quelle: n-tv.de