Per SaldoDes Kaisers neue Kleider

Mit staunenden Augen sehen Börsianer, wie General Motors dem Tod von der Schippe springt und kraftstrotzend den größten Börsengang der Welt auf das Parkett legt. Fehlt da nicht etwas? Richtig, aber das grelle Partylicht blendet beim Blick auf das ganze Bild.
"Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich!" rief das Volk seinem nackten Herrscher in dem Märchen von Hans Christian Andersen zu. Weder Hofstaat noch fremde Staatsmänner wagten zu sagen, dass sie die vermeintlichen edlen Stoffe am Körper des Kaisers nicht sehen konnten, denn sie glaubten, damit ihre angebliche unverzeihliche Dummheit preisgegeben.
Unter großem Jubel der Börsianer wird der einst unangefochtene Autogigant General Motors zurück auf das Börsenparkett getragen. Nicht einmal zwei Jahre nach seiner spektakulären Insolvenz scheinen die Geschäfte für GM besser zu laufen denn je, unter dem Strich stehen wieder tiefschwarze Zahlen. Die Begeisterung der Investoren für die "neue GM" und ihre Nachfrage nach den Aktien des Konzerns ist so groß, dass der vormalige Mehrheitseigner und Retter in der Not, die US-Regierung, mehr Aktien an die Börse bringen muss als ursprünglich geplant. Die Wiedergeburt der US-Autolegende auf dem Börsenparkett, das will und kann sich kaum ein Investor entgehen lassen.
50.000.000.000 US-Dollar Hilfe
Um den endgültigen Niedergang von General Motors zu verhindern, hatte Washington einst rund 50 Mrd. US-Dollar in die Hand genommen - eine Summe mit zehn Nullen und eine Summe, die früher oder später die US-amerikanischen Steuerzahler aufbringen müssen, sei es über höhere Steuern, weiter schrumpfende öffentliche Ausgaben oder spätestens mit der schleichenden Entwertung des eigenen Ersparten. Geflossen ist das Geld an einen Konzern, der konsequent an den neuen automobilen Bedürfnissen des 21. Jahrhunderts vorbeiproduziert hat.
Mehr als eine Million Jobs wurden nach einer Studie des Center for Automotive Research durch den Staatseingriff geschützt. Fast 50.000 US-Dollar hätte die US-Regierung damit für jeden geretteten Arbeitsplatz aufs Spiel gesetzt. Wie lange diese Jobs jedoch Bestand haben werden, steht in den Sternen. Denn der Börsengang von GM ist keine Unendlichkeitsgarantie für die Beschäftigten, sondern lediglich ein Schritt hin zur Normalität marktorientierter Unternehmensfinanzierung. Börsianer kaufen Aktien, doch um Arbeitsplätze zu sichern, müssen Autos verkauft werden, auch morgen und übermorgen.
Bedeutend leiser als der Börsengang verläuft indes auch die Abwicklung all dessen, was die alte GM jenseits von 50.000 verlorenen Jobs hinter sich gelassen hat. Rund 200 Immobilien, in denen früher der Stolz Amerikas produziert wurde, müssen samt ihres veralteten Inventars wie Großpressen, Schweißmaschinen oder Gabelstaplern verkauft werden. Dass viele der alten Produktionsstätten mit Chemikalien und anderen Stoffen verseucht sind, macht diese Aufgabe nicht gerade einfacher. Die Abwicklungsgesellschaft GM Liquidation wird damit noch auf Jahre zu tun haben.
Milliardenrisiko bleibt
So unerwartet hoch die Nachfrage nach den GM-Papieren auch ist, bleibt die US-Regierung vorerst ein großer Aktionär mit rund einem Drittel der Anteile. Und so hoch der Erlös aus dem Börsengang auch ausfällt, steht GM noch mit vielen Milliarden bei den US-Steuerzahlern in der Kreide. Um die restlichen 26,4 Mrd. Dollar ebenfalls zurückzuzahlen, müsste Washington seine verbliebenen Anteile für 53 Dollar das Stück an den Mann bringen, ganze 20 Dollar mehr als bei diesem größten Börsengang der Welt. Der Börsenwert von GM entspräche in diesem Fall fast dem augenblicklichen Wert des weltweiten Branchenprimus Toyota. Man darf gespannt sein.
Den nackten Kaiser konnte übrigens bekanntermaßen ein Kind bloßstellen, frei von jeder Eitelkeit. Erst da wagte auch das ganze Volk auf einmal zuzugeben, dass niemand die besonderen Kleider des Kaisers sehen konnte. Der Herrscher durfte sich nun jedoch nichts mehr anmerken lassen und setzte seinen Weg unbeirrt fort - mitsamt seiner Kammerherren und seiner vermeintlichen Schleppe in ihren Händen.