Wirtschaft
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Dienstag, 22. Februar 2011

Per Saldo: Inflation: Das gefühlte Desaster

von Samira Lazarovic

Das Wetter und das liebe Geld: Bei kaum einen anderen Thema reagieren wir so empfindlich. Und mit der gefühlten Teuerung ist es wie mit den gefühlten Temperaturen – es kommt einen immer noch eisiger vor, als es ist. Machen wir uns doch ein paar warme Gedanken, dann erträgt man beides besser.

Meine Mutter hat Fragen. Viele Fragen. Sie lauten etwa: "Warum kostet mich ein Bus-Ticket heute 2,60 Euro? Ich hätte doch früher niemals mehr als fünf DM für einen Fahrschein bezahlt. Und wo bleibt eigentlich das ganze Geld, das wir jetzt mehr ausgeben müssen? Wer hat das Riesengeschäft mit dem Euro gemacht? Kriegen wir jetzt eigentlich eine Inflation? Und hast Du Dir auch was Warmes angezogen? Es soll wieder kalt werden."

Viele Fragen auf einmal. Fangen wir mit der Inflation an. Die Inflationsrate in Deutschland hat im Januar mit 2,0 Prozent das höchste Niveau seit Oktober 2008 erreicht und wird wohl weiter nach oben klettern. Angesichts der steigenden Preise für Energie und Nahrungsmittel halten Ökonomen mittlerweile Inflationsraten von bis zu vier Prozent möglich, selbst zweistellige Teuerungsraten mag niemand mehr ausschließen. Der Eindruck trügt also erstmal nicht: Das Leben wird teurer, während bei dem aktuell niedrigen Zinsen das Sparguthaben auf der Bank mühsam darum kämpft, seinen Wert zu erhalten.

Verklärte Erinnerung

Aber war es zu Zeiten der DM sonniger? Nein, da spielt uns die Erinnerung einen Streich. Sicher, in der Einführungsphase des Euro nutzten besonders Restaurants und Supermärkte die Gelegenheit für saftige Aufschläge, aber das ist auch schon eine Weile her. Und auch die harte DM hat harte Zeiten durchgemacht. 1992 lag die Inflation bei 5,1 Prozent, 1992 waren es immer noch 4,4 Prozent. Blickt man noch weiter zurück, findet man noch höhere Raten. "Erzähle mir nichts. Ich sehe doch selbst, wie teuer alles beim Einkaufen geworden ist. Milch, Brot, Kaffee – was früher in DM ausgezeichnet war, steht heute in Euro da!" Das stimmt oft. Und schon sind wir bei dem Anstieg der Lebensmittelpreise und der gefühlten Inflation. Was das Preisklima in Deutschland aktuell nämlich empfindlich abkühlt, sind die enorm gestiegenen Energiekosten und Nahrungsmittelpreise. Das sind dummerweise genau die Sachen, die sich besonders im Geldbeutel spürbar machen. Betrachtet man nämlich nur häufig gekaufte Produkte, wie eben Lebensmittel, Benzin, Kleidung, liegt die gefühlte Teuerung deutlich über der offiziellen Inflation, derzeit bei etwa 4,5 Prozent.

Doch für den amtlichen Verbraucherpreisindex packen die Statistiker auch Dinge in den Warenkorb, die nicht auf der täglichen Einkaufsliste stehen, wie etwa Elektrogeräte. Seit der Zeit als der Grundig-Röhrenfernseher noch auf der Anrichte stand, sind hier die Preise deutlich gesunken. Zudem spielt uns die Psyche einen Streich – über die 3 Cent mehr für ein Liter Benzin ärgern wir uns mehr, als das wir uns darüber freuen können, dass die neue Digitalkamera 20 Euro weniger kostet, als gedacht. In der Volkswirtschaftslehre ist das als Verlustaversion bekannt.

Der Konsum

Gleichzeitig spielt aber auch die Höhe des Einkommens eine Rolle. Schlägt sich die Inflation vor allem in den Kosten für Nahrungsmittel und Grundversorgung nieder, können Geringverdiener das kaum ausgleichen – sie können eben nicht die Kostenvorteile bei den günstigen Flatscreen-TV-Geräten oder günstigeren Flugtickets mitnehmen. Im Gegenteil: Höhere Kosten für etwa Lebensmittel führen in der Regel dazu, dass die Verbraucher größere Anschaffungen nach hinten verschieben.

Aber wie passt das zu den aktuellen Umfragen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) wonach die Kauflust der Deutschen ungemindert ist? Wurden nur Großverdiener befragt? Unwahrscheinlich. Der Anstieg des GfK-Konsumbarometers hängt damit zusammen, dass dank der sinkenden Arbeitslosigkeit und der steigenden Einkommen die meisten Verbraucher ihre finanzielle Lage wieder deutlich positiver einschätzen, als noch vor einem Jahr. Da kann man sich gerne wieder etwas mehr gönnen.

Wo bleibt das Geld?

"Schön und gut, die Inflation ist also gar nicht so schlimm. Aber trotzdem muss doch irgendjemand an den Preiserhöhungen verdienen." Richtig. Es sind nämlich nicht wenige Unternehmen, die gut daran verdienen. Und zwar die, die Preiserhöhungen an den Kunden weitergeben können. Dank der gesalzenen Preise an den Zapfsäulen verbuchte etwa der Ölriese ExxonMobile Milliardengewinne. Bei anderen Unternehmen reagieren die Kunden jedoch empfindlicher und so leidet beispielsweise H&M spürbar unter den gestiegenen Baumwollpreisen, denn teurere T-Shirts wird der Bekleidungsriese nicht los.

Wer noch von einer Inflation profitiert? Der Staat. Denn die Inflation hilft dabei, die hohe Staatsverschuldung abzutragen. Auf der anderen Seite steigen mit der Inflation auch die Zinsen, und gerade bei den stabilen Euro-Ländern kommen die Staatshaushalte sehr gut mit den niedrigen Zinsen aus.

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Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, dass vor allem die Sparer unter der Inflation leiden werden, während die Schuldner feiern. Die Immobilienmakler dürften in nächster Zeit auch gut verdienen: Steine statt Scheine, lautet ein altes Rezept gegen Inflation. Und gegen die Kälte hilft warm anziehen. Ja, ich habe noch eine Mütze eingepackt.

Quelle: n-tv.de