Wirtschaft

Inside Wall Street: Unmut über die "Flash Boys"

Von Lars Halter, New York

Michael Lewis sorgt mit seinem Buch "Flash Boys" an den Finanzmärkten für Aufregung. Im Fernsehen diskutiert er intensiv mit dem Chef der BATS Exchange, William O'Brien. Dieser setzt auf den Hochfrequenzhandel.

Michael Lewis
Michael Lewis(Foto: REUTERS)

HFT - drei Buchstaben sorgen für Wirbel an der Wall Street. Denn "High Frequency Trading", der immer mehr ausufernde Hochfrequenzhandel, mag den einen Rekordgewinne bescheren, doch für die anderen ist er eine Gefahr, die das Herz der Wall Street trifft. So etwa für Michael Lewis, dessen Buch "Flash Boys" die Finanzmärkte in Aufruhr versetzt.

Eine Szene wie am Dienstag gab es an der New York Stock Exchange selten. Eine halbe Stunde lang waren Trader auf dem Parkett um die Fernseher geschart, keiner machte einen Piep. Auf CNBC diskutierte Autor Lewis über sein Buch: Am Tisch - mitten auf dem Parkett - saßen William O'Brien, Präsident der BATS Exchange, auf der Hochfrequenzhandel mit allen Schikanen läuft, und Brad Katsuyama, Präsident und CEO von IEX, einer Plattform, die einen gerechteren Handel propagiert.

Auf dem Parkett gab es letztlich nur einen Kommentar zur Diskussion: Epic! Ganz großes Kino. "Schande über euch", hatte HFT-Fan O'Brien das Gespräch begonnen - er wirft vor allem Katsuyama Panikmache vor und dass er vor HFT nur warne, um Kunden auf seine angeblich sicherer Plattform zu locken. Katsuyama parierte: Das Spiel an der Börse sei nicht fair - "die Karten sind gezinkt, und Sie sind Teil des Problems", klagte er O'Brien an. Auf dem Parkett gab es Applaus und Jubel - da sprach einer aus, was viele längst wissen. Die Finanzmärkte sind unfair, und letztlich gefährdet das ihre Zukunft.

Kleinanleger ohne Chance

Worum geht's? Letztlich um Millisekunden. Im Hochfrequenzhandel arbeiteten Spezialisten zunächst mit Glasfaserleitungen, mittlerweile auch mit Mikrowellen und Laser, um schneller kaufen und verkaufen zu können. Wenn der Kaufauftrag eines Kunden eintrifft, können sich Flash-Programme blitzschnell in den geplanten Deal einschalten. Sie kaufen selbst die Aktien, die der Kunde wünscht und verkaufen sie mit minimalem Preisaufschlag an den Kunden weiter, von dessen Kaufinteresse sie vorher erfahren hatten. Das macht dem HFT-Trader einen sicheren Gewinn, und treibt für den anderen Investor den Kaufpreis minimal in die Höhe.

Noch schlimmer: Je mehr Leute von diesem Flash-Trading erfahren, desto mehr bricht das Vertrauen in die Märkte ein. Längst weiß man, dass der Kleinanleger gegen die Profis keine Chance hat und dass die großen Gewinne bei den institutionellen Anlegern, etwa bei den Hedgefonds gemacht werden. Je abenteuerlicher aber die Praktiken werden, mit denen Anleger abgezockt werden, desto mehr Anleger drohen aus dem Markt zu verschwinden - oder im schlimmsten Fall sogar eine Reform zu fordern.

Goldman Sachs positioniert sich

Längst ist an der Wall Street der Ruf nach neuen Spielregeln nicht mehr zu überhören. Die SEC beschäftigt sich seit Jahren mit HFT, und auch in Washington dürfte das Thema jetzt wieder interessant werden. Selbst auf der Finanzseite Marketwatch, die zum Wall Street Journal gehört und ein eher konservatives Publikum hat, gibt es in der jüngsten Diskussion zum Thema nur Stellungnahmen, die verschärfte Regeln fordern, die den Mittelsmann schwächen und für einen gerechteren Markt sorgen. Für zahlreiche Spieler wäre es das Ende des schnellen Geldes.

Der Stimmungswandel reicht bis in die höchsten Etagen. Zu den Investoren in Brad Katsuyamas Plattform IEX gehört sogar Goldman Sachs. Der Investmentriese, der bisher noch bei jedem krummen Spiel dabei war und auch an der letzten Finanzkrise massiven Anteil hatte, bemüht sich allem Anschein nach, sich auf der richtigen Seite zu positionieren - auf der Seite die profitiert, wenn die Börsenaufsicht tatsächlich gegen das Flash-Trading vorgeht und dem Spiel mit gezinkten Karten ein Ende bereitet.

Quelle: n-tv.de