Wirtschaft
Der Kapitalmarkt spielt nicht mehr mit. Doch kann Deutschland sich mit dem Gedanken anfreunden, die Schulden der Eurozone gemeinsam zu stemmen?
Der Kapitalmarkt spielt nicht mehr mit. Doch kann Deutschland sich mit dem Gedanken anfreunden, die Schulden der Eurozone gemeinsam zu stemmen?(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 23. November 2011

Die Krise an der Haustür: Berlin ringt mit Eurobonds

von Diana Dittmer

Brüssel drängt auf Eurobonds, doch die Bundesregierung ist weiterhin strikt gegen eine Vergemeinschaftung der Schulden. Tatsächlich sind Eurobonds nicht unproblematisch. Ökonomisch führt aber kaum ein Weg an ihnen vorbei. Denn die Euro-Krise hat Kerneuropa längst erreicht. Selbst die sicheren "Bunds" zeigen bereits erste Zuckungen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel dürfte sich zu Recht von der europäischen Schuldenkrise umzingelt fühlen. Der Druck hat in der vergangenen Woche noch einmal deutlich zugenommen. Deutschland steht unter Zugzwang. Europa, die ganze Welt schaut auf die letzte Bastion in der europäischen Krise und wartet auf Ansagen, wie die Krise nun endlich bewältigt werden soll. Eurobonds wären eine Option, gegen die sich Deutschland aber immer noch vehement wehrt. Aber was sonst tun?

Die Politik wirbt um das Vertrauen der Kapitalmärkte. EU-Kommissionspräsident, Barroso um das von Kanzlerin Merkel.
Die Politik wirbt um das Vertrauen der Kapitalmärkte. EU-Kommissionspräsident, Barroso um das von Kanzlerin Merkel.(Foto: picture alliance / dpa)

Da sind die erdrückenden Schuldenberge vor allem im Süden Europas, die Ratingagenturen, die ein Land nach dem anderen herabstufen und damit den Zugang zu frischem Geld verstellen, die EU-Kommission, die unermüdlich für Eurobonds trommelt, die Investoren an den Kapitalmärkten, die sich plötzlich sogar auf vermeintlich solide Euroländer mit AAA-Ratings wie die Niederlande oder Österreich einschießen. Nicht nur gefühlt hat sich die Schlinge zugezogen. Die Krise hat sich von der Peripherie Europas an Deutschland herangearbeitet. Und damit werden die umstrittenen Eurobonds immer wahrscheinlicher, in welcher Form auch immer.

Ringt sich Europa zu diesem Schritt durch, ist es eine Zangengeburt. Die Wirtschaft ist strikt dagegen. Die deutsche Politik äußert sich auch immer noch skeptisch. Die Vorbehalte sind zu Recht groß. Eine Solidargemeinschaft für Schulden tut weh. Aber für Rufe aus Deutschland wie "Helft euch doch selbst" ist es zu spät. Zurückhallt nur noch: "Helft ihr uns nicht, dann wird euch übergeholfen". Es könnte sehr gut sein, dass Merkel bald in dieser Frage einknickt.

Die EZB als Staubsauger

Eine Alternative zu Eurobonds wäre eine mächtige Ansage der EZB, ab sofort bereit zu sein, als Staubsauger über die Eurozone zu wirbeln und alle Anleihen am Sekundärmarkt aufzusaugen, die über der offenbar entscheidenden Zinsmarke von 7 Prozent rentieren. Klamme Euroländer könnten sich dann bei der EZB zu vertretbaren Zinsen mit dem nötigen Geld versorgen. Die Ansage allein, so die gängige Meinung oder Hoffnung, sollte genügen, um die Investoren zu überzeugen, dass sie kein Risiko mehr mit ihren Geldanlagen in Europa laufen - wie im Fall von Griechenland.

Der Schuldenschnitt Griechenlands hat eine neue Ära eingeläutet. Das Geld ist in Europa nicht mehr sicher.
Der Schuldenschnitt Griechenlands hat eine neue Ära eingeläutet. Das Geld ist in Europa nicht mehr sicher.(Foto: dapd)

Investoren am Anleihemarkt verlangen zu Recht Kalkulierbarkeit. Anleger wollen wissen, wie sie ihr investiertes Geld zurückbekommen, und nicht, dass ihre Anleihen nur noch halb so viel oder gar nichts mehr wert sind. Die Staaten stehen ihrerseits unter Termindruck. Sie müssen sich regelmäißig mit frischem Geld versorgen, wenn ihre Schulden fällig werden. Der nächste Zahltag kommt. Denn fast täglich werden Anleihetranchen von Euroländern fällig. Nur wenn das Geld, das aus den schwachen Staaten geflohen ist, zurückkehrt, ist der Nachschub gesichert.

Beide Szenarien, Eurobonds und EZB als Staatsanleihenkäufer, sind keine Zaubermittel ohne Nebenwirkungen. Trotzdem wird das eine oder andere wohl kommen müssen - einfach weil es jetzt keine andere Möglichkeit mehr gibt. Für "Wünsch dir was" ist es zu spät. Europa muss große Kaliber auffahren. Warme Worte und Absichtserklärungen reichen nicht. Die Finanzmärkte wollen offenbar nicht mehr warten, bis verschiedene Sparbemühungen in 20 oder 25 Jahren greifen. Kurzatmigen Börsianern dauert das zu lange.

"Krise schwappt in die Bunds"

Die Krise kam Deutschland fast unbemerkt bereits gefährlich nahe. Ende vergangener Woche, als die Renditen der niederländischen und österreichischen Anleihen ausschlugen, dürfte nicht nur für Anleihehändler ein Schreckmoment gewesen sein. Die deutschen Politiker sollte die Nachricht am Ende des Tages ebenfalls nervös gemacht haben. Denn Händler meinten zeitgleich einen Ruck durch die Bundesanleihen gehen zu sehen. Die Krise ist durch die Hintertür ins Haus geschwappt, sagt Mikey Fritz, Portfolio-Manager von der ICN Investmentbank. Dezent, kurz. Aber sie hat ein Zeichen gesetzt.

Auch die Ratingagenturen wirbeln wieder. Diese Woche wurde Frankreich, der wichtigste "Dominostein" in der Eurozone nach Italien von Moody's angezählt. Der zweitgrößte Eurostaat muss damit rechnen, sein AAA-Rating zu verlieren. Die Finanzmärkte reagierten schockiert.

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Es dürfte kein Zufall sein, dass gerade jetzt, wo der Streit  um Eurobonds hochkocht, auch der Druck vom Kapitalmarkt wieder zunimmt. Ein englisches Sprichwort lautet: Im Anleihemarkt ist das klügere Geld. Vielleicht sollte man sich fragen, was Euroland eigentlich will: So weitermachen wie bisher oder alles neu machen? Die Kapitalmärkte seien grundsätzlich bereit, so weiterzumachen wie bisher, sagt Fritz. Die Euro-Retter wollen den Euro eigentlich auch nicht neu erfinden. Also soll wohl alles so bleiben wie es ist. Um genau das zu schaffen, bedarf es aber dieses deutlichen Zeichens, dass das Geld der Investoren in Euroland wirklich sicher ist. Daran führt kein Weg vorbei.

Eurobonds namens "Stabilitätsanleihen"

Der portugiesische EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso, der unermüdlich für Eurobonds wirbt, hat seinen umstrittenen Vorschlag mittlerweile auf den Tisch gelegt. Die von ihm bewusst "Stabilitätsanleihen" genannten Eurobonds sollen die hohen Zinsaufschläge am Kapitalmarkt wieder einfangen. Der Name ist Programm. Merkel will im Dezember einen Gegenvorschlag präsentieren.

Deutschland nimmt sich mit der bereits bekannten stoischen Ruhe im Angesicht des Sturms die Zeit, ein Problem nach dem anderen anzugehen. Möglich ist, dass es eine zeitversetzte Doppel-Lösung geben wird. Vor Eurobonds oder einer gemeinsamen Haftung für Schulden steht für Deutschland auf jeden Fall die deutliche Verschärfung der Stabilitätsregeln.

Über eine stärkere Form der gemeinschaftlichen Haftung könne man in einem zweiten Schritt sprechen, sagte Bundesbankpräsident Jens Weidmann am Dienstag auf dem Arbeitgebertag in Berlin. Merkel sagte auf derselben Veranstaltung: "Wir suchen einen realistischen und schnell umsetzbaren Weg ohne das Risiko von Vertragsänderungen." Bislang hat sich das deutsche Prinzip von "Zuckerbrot und Peitsche" leider nicht bewährt. Diesmal wird es schneller gehen müssen. Denn Zeit bedeutet Geld.

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Quelle: n-tv.de