Wirtschaft

Griechenland und die EU: Ein Rauswurf ist Unsinn

Nikolas Neuhaus

Dann werfen wir sie doch einfach raus! Wirklich lange hat es nicht gedauert, bis die scheinbar unausweichliche Ultima Ratio Stammtische und Seminarräume gleichermaßen in Beschlag nimmt. Dabei wäre ein Rauswurf alles: rechtlich eine Unmöglichkeit, politisch eine Kapitulation und wirtschaftlich ein Desaster.

Nach der Zeit des Denkens kommt die Zeit des Handelns.
Nach der Zeit des Denkens kommt die Zeit des Handelns.(Foto: dpa)

Kein Vorschlag Richtung Athen scheint zu dummdreist, um nicht dieser Tage von einem Schreiberling oder Hinterbänkler auf den medialen Boulevard geschickt zu werden. Sei es der Verkauf griechischer Inseln, Staatshilfen gegen Gratis-Urlaub oder freies Olivenöl für alle. Das macht Laune - und lenkt wunderbar davon ab, dass ein konstruktiver politischer Beitrag zur Lösung des griechischen Schuldenproblems schwierig und unpopulär ist. Außerdem wird in wenigen Wochen im größten Bundesland der Republik gewählt - wer möchte da seinen Wählern Milliardenhilfen verkaufen?

Keine Idee ist jedoch so knackig und brandgefährlich zugleich wie die Forderung nach einem Rausschmiss der Griechen aus der Euro-Zone. "Griechen raus" – das versteht jeder. Auf die griechische Tragödie müssen wir unbedingt noch eine deutsche draufsetzen.

Griechenland soll "ernsthaft erwägen, aus dem Euro-Raum auszutreten". Das fordert CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich. Mit dem filigranen Winkelzug, Athen nicht selbst vor die Tür setzen zu wollen, sondern nur freundlich-bestimmt Richtung Ausgang zu deuten, umschifft der Bajuware eine juristische Klippe. Den Rauswurf eines Landes aus dem Euro sieht das Staaten-Regelwerk schlicht nicht vor.

Abwertung hat zwei Gesichter

Hinter dem CSU-Vorschlag steckt das Argument, es sei das ureigene Interesse Griechenlands, sich aus der Gemeinschaftswährung zu verabschieden. Ist die Drachme erst wieder eingeführt, dann kann die Griechen-Währung abgewertet werden und damit, so die Idee, die Hellenen wieder wettbewerbsfähiger machen. Griechische Produkte würden damit im Ausland billiger, ohne dass die Griechen selbst weniger Drachmen dafür bekämen. Läuft die Wirtschaft erst wieder rund, löst sich das Schuldenproblem gleich viel entspannter.

Die Wiedereinführung der Drachme würde auch den Euro aushöhlen.
Die Wiedereinführung der Drachme würde auch den Euro aushöhlen.(Foto: dpa)

Falsch ist beides nicht, aber nur die halbe Wahrheit: Im Umkehrschluss verteuern sich für die Griechen nämlich alle importierten Waren auf einen Schlag. Auch für Energie wie Öl oder Gas müssten Bürger und Unternehmen auf einen Schlag mehr Geld auf den Tisch legen. Das wohl ungleich größere Problem sind jedoch die Schulden Griechenlands: Die griechischen Staatsanleihen schreiben die Schulden des Landes in Euro fest - und daran ändert sich auch durch die Einführung einer neuen alten griechischen Währung nichts. Wertet die Währung beispielsweise um 20 Prozent ab, müsste Griechenland ein Viertel mehr Drachmen zur Schuldentilgung auf den Tisch legen als ohne eine Abwertung.

Wer einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone fordert, treibt das Land deshalb unvermeidlich in die Pleite. Schon heute liegen die Renditen griechischer Staatsanleihen an der Schwelle um zehn Prozent. Dabei stufen alle drei großen Kreditratingagenturen die Papiere und auch das Land noch als grundsätzlich investitionswürdig ein. Fällt jedoch die Zinszahlung der ersten Anleihe aus, ist auch damit Schluss. Griechische Staatspapiere würden als Junk Bonds nur noch von Zockern gehandelt - zu entsprechenden Wucherzinsen. Ein wertvoller Beitrag zur Sanierung eines Landes sieht anders aus.

Euro zum Abschuss freigegeben

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Und wir? Auch für die verbliebenen Euro-Länder würden harte Zeiten anbrechen. Denn allem Katzenjammer zum Trotz zeigt ein Blick auf den langfristigen Verlauf des Euro zum US-Dollar, dass es der Gemeinschaftswährung gut wie selten geht - noch. Senden die Euro-Länder nämlich das Signal an die Devisenmärkte, dass Schulden- und Wachstumsprobleme eines Mitgliedslandes nur mit einem Ausscheiden aus dem Währungsverbund gelöst werden können, ist der Euro Freiwild.

Was sollten Investoren auch von der Stabilität des Euro halten, wenn nach Griechenland schon die nächsten Südstaaten auf der Liste für einen Austritt stehen? Eine Währungsunion, die derart unsolidarisch und verfahren mit Sorgenkindern umgeht, ist nicht das Vertragspapier wert, auf dem sie beschlossen wurde.

Wenn erst die Spekulationen gegen Portugal oder gar große Mitgliedsländer wie Spanien oder Italien starten, entwickelt der Euro einen Abwärtssog, der auch die relativ starken Staaten wie Deutschland schwer treffen wird. Es ist deshalb das ureigenste Interesse deutscher Politik, den europapolitischen GAU zu verhindern.

Quelle: n-tv.de