Wirtschaft
Die neuen Fördergebiete liegen fernab von Raffinerie-Zentren und Seehäfen: Die Verlegung neuer Pipelines dauert Jahre.
Die neuen Fördergebiete liegen fernab von Raffinerie-Zentren und Seehäfen: Die Verlegung neuer Pipelines dauert Jahre.(Foto: Reuters)

Risiken im US-Ölförderboom: Analysten fürchten Preisanstieg

Die US-Energiewende hin zu Öl und Erdgas aus heimischen Lagerstätten fördert unverhoffte Schwierigkeiten zu Tage. In den Regionen des Fracking-Booms fehlt es an Infrastruktur. Experten warnen: Engpässe im Schienentransport könnten Rohöl verteuern.

Der Ortskern von Lac-Megantic in den Tagen nach der Katastrophe: Fragen der Transportsicherheit beim massenhaften Einsatz von Tankwaggons könnten den US-Ölpreis verteuern.
Der Ortskern von Lac-Megantic in den Tagen nach der Katastrophe: Fragen der Transportsicherheit beim massenhaften Einsatz von Tankwaggons könnten den US-Ölpreis verteuern.(Foto: REUTERS)

Die Ölpreise ziehen sich vor dem Wochenende zurück. Nach den Aufschlägen vom Vortag sprechen Händler zunächst nur von einer leichten Gegenbewegung. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im März kostet am Morgen 107,82 US-Dollar. Das sind 13 Cent weniger als am Vortag. Das Fass der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) verbilligt sich um 32 Cent auf 97,91 Dollar.

In den vergangenen Tagen war der Preis für Rohöl aus den USA deutlich gestiegen. Marktbeobachter verwiesen in diesem Zusammenhang auf freundliche Konjunktursignale, die auf ein robustes Wirtschaftswachstum in den USA hindeuten. Allerdings tun sich Analysten zunehmend schwerer damit, eine klare Prognose zur Entwicklung der Ölpreise zu entwickeln.

Ein Grund für die unklaren Aussichten: Der nordamerikanische Ölmarkt steht vor großen Umwälzungen, die vorübergehend zu einem Überangebot, aber auch zu einer Verknappung des Schmierstoffs für die größte Volkswirtschaft der Welt führen könnten.

"Es gibt ziemliche Umbrüche", bestätigte Vikas Dwivedi, Ölstratege bei Macquarie Capital in Houston. Dank der Erschließung von Schieferöl-Feldern wird in den USA einerseits derzeit so viel Öl wie seit 25 Jahren nicht mehr gefördert. Auf der anderen Seite hinkt die Infrastruktur dem Fracking-Boom hinterher. Es mangelt es aber an der Logistik für den Transport. Neue Pipelines, die vom Mittleren Westen das Öl an die Golfküste pumpen sollen, werden erst mit deutlicher Verspätung in Betrieb genommen. Zugleich wird der Transport von Schieferöl auf der Schiene nach einer Häufung teils katastrophaler Unfälle mit Tankwagen zunehmend kritisch gesehen.

Im vergangenen Sommer war im Osten Kanadas ein führungsloser Güterzug mit 72 Kesselwagen in das Zentrum eines Städtchens am gleichnamigen See Lac Mégantic entgleist. Bei dem bislang schlimmsten Eisenbahnunglück Nordamerikas waren mitten in der Nacht große Mengen Rohöl ausgelaufen. Eine verheerende Flutwelle brennenden Öls schlug eine Schneise der Verwüstung durch die idyllisch gelegene Kleinstadt. 47 Menschen verloren ihr Leben. Das Stadtzentrum brannte nahezu komplett aus.

Kilometerlange Züge

An den internationalen Ölmärkten sind die Folgen dieser Engpässe beim Abtransport der geförderten Schieferölmengen schon seit langem spürbar. Das qualitativ hochwertige WTI-Öl ist wegen der unübersichtlichen Lage schon seit Jahren nicht mehr richtungsweisend für die Finanzmärkte. Mittlerweile hat in den Augen vieler Analysten die Nordseesorte Brent diese Rolle übernommen.

Das Verkehrsaufkommen im nordamerikanischen Schienennetz schwillt dramatisch an, die Unfallberichte häufen sich (hier eine glimpflich verlaufene Zugentgleisung bei  Edmonton in der kanadischen Provinz Alberta).
Das Verkehrsaufkommen im nordamerikanischen Schienennetz schwillt dramatisch an, die Unfallberichte häufen sich (hier eine glimpflich verlaufene Zugentgleisung bei Edmonton in der kanadischen Provinz Alberta).(Foto: REUTERS)

Brent notiert derzeit knapp unter der Marke von 108 Dollar je Barrel. WTI kostet dagegen mit rund 98 Dollar gute 10 Dollar darunter. Für die Preisgestaltung an den Terminmärkten ist das Angebot im Verladehafen Cushing in Oklahoma entscheidend, heißt es. Und dort konnte das Öl viele Jahre nicht so schnell abfließen, wie es an der Golfküste hätte verarbeitet werden können. Dies drückte den WTI-Preis unter den für Brent. Zuletzt floss das Öl aber wieder stärker ab, was den WTI-Preis anschob, obwohl der US-Markt mit Öl überschwemmt ist.

Demnächst könnten den US-Preisen noch stärkere Turbulenzen bevorstehen, fürchten Analysten. Denn einige Raffinerien an der Golfküste werden dieses Jahr womöglich wegen Wartungsarbeiten das Öl nicht verarbeiten können. Dann dürfte der Golf der neue Engpass werden. Zunächst aber sollen über die neue Pipeline der TransCanada Corp in diesem Jahr 520.000 Fässer Öl täglich von Cushing nach Port Arthur in Texas gepumpt werden. Danach sollen die Inbetriebnahme der Seaway Twin und die Ausweitung der Magellan-Pipeline folgen.

Sicherer Bahntransport kostet Geld

Unübersichtlich ist auch die Lage im Norden der USA. Dort wird bislang vor allem die Bahn zum Transport des Schieferöls aus dem gigantischen Bakken-Feld in Nord-Dakota benutzt. Etwa 75.000 alte Tank-Waggons sind im Einsatz, um 10 Prozent der US-Ölproduktion - rund 800.000 Fässer täglich - zu transportieren. Die Waggons vom Typ "DOT-111" sind relativ flexibel einsetzbar, um die steigenden Mengen an Schieferöl zu den Verbrauchern zu bringen. Das Problem: Sie wurden überwiegend vor 2011 gebaut. Mehrere Unfälle stellen nun die Sicherheit des Typs DOT-111 in Frage.

Von den neueren Tanks, die dickere Stahlplatten haben, gibt es Schätzungen von Branchenexperten zufolge erst etwa 14.000 Einhieten. Nach Einschätzung von Beobachtern müssten daher eine große Zahl der alten Waggontypen kostspielig nachgerüstet werden. Am wahrscheinlichsten sei, dass die Regulierer die Sicherheitsbestimmungen nach und nach erhöhten, erklärte Energie-Analyst Michael Wittner von der Societe Generale.

"Das könnte den Transport verteuern. Sollte man aber kurzfristig die alten gegen neue Tank-Waggons austauschen, würde sich das Öl in Nord-Dakota stauen", sagte Wittner. Bahn-Vertreter vermuten, dass eine Nachrüstung der alten Tanks etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen würde. Denn die Waggon-Hersteller kämen, so heißt es, mit der Arbeit schon jetzt nicht mehr hinterher.

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Quelle: n-tv.de

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