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Die Behandlung nimmt nur wenige Minuten in Anspruch, muss allerdings nach einigen Monaten wiederholt werden. Für die Beziehung kann sie unbeabsichtigte Folgen haben - zeigen Studien.
Die Behandlung nimmt nur wenige Minuten in Anspruch, muss allerdings nach einigen Monaten wiederholt werden. Für die Beziehung kann sie unbeabsichtigte Folgen haben - zeigen Studien.(Foto: picture alliance / dpa)

Frage & Antwort, Nr. 318: Hemmt Botox die Gefühle?

Von Andrea Schorsch

Eine Freundin erzählte mir, dass man weniger Mitgefühl entwickelt, wenn einem Botox gegen Falten gespritzt wurde. Mir kommt das komisch vor. Wie soll Botox auf Gefühle wirken? (fragt Jessica L. aus Espelkamp)

Eines ist klar: Botox ist kein Psychopharmakon. Es wirkt nicht auf Botenstoffe und kann daher weder stimmungsaufhellend noch dämpfend eingesetzt werden. Und doch kann Botox die Gefühlswelt beeinflussen - auf einem ganz anderen, indirekten Weg.

Botox, ursprünglich Botulinumtoxin, ist ein Nervengift. Unter die Gesichtshaut gespritzt, behebt es Falten. Anders als manch anderes Mittel füllt es diese Falten nicht. Vielmehr glättet Botox die Haut, indem es die Gesichtsmuskulatur lähmt. Eine Signalübertragung vom Nerv zum Muskel findet nicht mehr statt. Das hat eine leicht nachvollziehbare Konsequenz: Das Gesicht lässt sich nach Botox-Spritzen nicht mehr verziehen, Grimassen werden zum Teil unmöglich. Das verärgerte Stirnrunzeln bleibt dann ebenso aus wie das zufriedene Lächeln – je nachdem, wo gespritzt wurde. Kurz: Emotionen lassen sich nach Botox-Spritzen mimisch nicht mehr gut ausdrücken.

Zornesfalte drückt auf die Stimmung

Die Mimik beeinflusst unsere Gefühle. Wer nicht mehr grimmig gucken kann, wird daher auch nicht mehr so grimmig.
Die Mimik beeinflusst unsere Gefühle. Wer nicht mehr grimmig gucken kann, wird daher auch nicht mehr so grimmig.(Foto: Reuters)

Das kann Vorteile haben. Denn nimmt man einen Teil des Gesichtsausdrucks weg, dann verschwindet damit auch ein Teil der emotionalen Erfahrung - bei schwierigen Gefühlen mag das durchaus erstrebenswert erscheinen. "Es gibt eine Studie, die zeigt, dass Patienten, deren Zornesfalte mit Botulinum behandelt wurde, auch weniger Zorn verspüren", sagt Dominik von Lukowicz von der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie gegenüber n-tv.de. "Das gilt für Zorn, aber auch für Gefühle wie Stress oder Verbissenheit", fährt er fort. Ein künstlich entspannter Gesichtsausdruck kann also den Menschen insgesamt entspannen.

Es ist ein interessanter psychologischer Mechanismus, der da zum Zuge kommt: Nicht nur nämlich bestimmt unsere Gefühlswelt unseren Gesichtsausdruck, sondern es nimmt auch umkehrt unsere Mimik Einfluss auf unsere Gefühle. Fachleute sprechen von der Facial-Feedback-Theorie. Wenn also im Falle von großer Traurigkeit das Gehirn den Befehl gibt für hängende Mundwinkel, müde Augenpartien und eine leicht verkrampfte Stirn, das Gesicht aber gar nicht mitmachen kann und einfach glatt bleibt, dann nimmt auch die Stärke der empfundenen Trauer ab. Zu diesem Schluss kam auch eine 2012 veröffentlichte Studie deutscher Mediziner: Die Symptome einer Depression waren nach einer Botox-Spritze um bis zu 47 Prozent schwächer.

Das kann als Erfolg gewertet werden. Doch was in Verbindung mit unerwünschten Emotionen verheißungsvoll klingt, verliert an Charme, sobald es um Freude und Glück geht. Auch da greift - Forschungen weisen darauf hin - eine Botox-Behandlung ins Erleben ein. "Vorstellbar ist, dass sich bei einer kompletten Entspannung der Lachmuskulatur ein trauriger Gefühlszustand einstellt", sagt von Lukowicz. Doch er betont: "Diese Behandlung wird in der Regel so auch nicht durchgeführt."

Mitlächeln erleichtert das Verständnis

Was das Mitgefühl anbelangt, so ist ein weiterer Mechanismus am Werk, der bereits Forschungsgegenstand war: Wenn wir die Gefühlslage anderer Menschen zu deuten versuchen, spielt deren Gesichtsausdruck für uns dabei eine zentrale Rolle. Wir schauen uns die Mimik des anderen an und interpretieren sie dabei. Aber nicht nur das. Um sie gut zu verstehen, imitieren wir diese Mimik unbewusst ein bisschen. Das hilft uns nämlich dabei, sie einzuordnen und nachzuvollziehen. Wenn nun aber die eigenen Gesichtsbewegungen durch Botox gelähmt sind, ist eine solche Nachahmung nicht möglich. Das Mienenspiel des anderen lässt sich dann nicht mehr spiegeln. Das geht zu Lasten des Verständnisses und damit auch des Mitgefühls – so das Ergebnis einer US-amerikanischen Studie von 2011.

Es ist "irgendwie ironisch", folgerte Studienleiter David Neal damals: Menschen lassen sich Botox spritzen, um ihr Sozialleben zu verbessern. Doch das genaue Gegenteil kann eintreten, weil man die Gefühle anderer Menschen nicht mehr so gut erfassen kann wie vorher. Auf die Frage, ob Botox zu Beziehungsproblemen führen könne, sagte Neal 2011 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "Nicht zwangsläufig. Aber es kann definitiv passieren. Weil jemand nach einer Botox-Behandlung die Gefühle des Partners nicht mehr so exakt deuten kann wie zuvor." Gleichzeitig räumt er ein: "Es könnte auch gut sein, dass die Vorteile - die Behandelten sehen attraktiver und jünger aus, fühlen sich besser - gegenüber dem Nachteil, dass sie nicht mehr so gut mitfühlen, überwiegen."

So sieht es auch Experte von Lukowicz: "Man kann mit Botox sehr wohl eine positive Stimmung erzielen", sagt er. "Denn die Patienten, die sich einem entsprechenden Eingriff unterzogen haben, sind sehr viel zufriedener." Forscher David Neal jedoch war es wichtig, auf die unerwarteten Folgen, die Botox für eine Beziehung haben könnte, hinzuweisen. Mit den Falten schwindet eben offenbar auch eine wichtige soziale Fähigkeit.

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Quelle: n-tv.de

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