Wissen
In diesem Stadium geht definitiv keine Gefahr mehr von dem Tier aus. Doch an den Zähnen könnte man sich immer noch verletzen.
In diesem Stadium geht definitiv keine Gefahr mehr von dem Tier aus. Doch an den Zähnen könnte man sich immer noch verletzen.

Frage & Antwort, Nr. 314: Können tote Klapperschlangen beißen?

Von Andrea Schorsch

Ich habe mal gehört, dass eine Klapperschlange, die gerade erst getötet wurde, noch immer gefährlich sein kann. Obwohl sie tot ist, beißt sie angeblich noch zu, wenn man ihr nahe kommt. Ist das wahr? Wie soll das gehen? (fragt Irene L. aus Berlin)

Klapperschlangen gibt es in ganz Amerika, von Kanada bis Argentinien. In Mexiko finden sich Vertreter fast aller der 27 bekannten Klapperschlangen-Arten, in den USA verzeichnet Arizona die größte Vielfalt an den Reptilien. Aber auch in Colorado, Texas, New Mexico und Kalifornien sind Klapperschlangen keine Seltenheit. Entsprechend verbreitet sind in diesen US-Bundesstaaten Merkblätter, die erklären, wie man sich vor Schlangenbissen schützt. Und siehe da: Stets verweisen diese Verhaltensregeln auf die Gefahr, die auch von toten, selbst von enthaupteten Schlangen noch ausgehe.

Das Grubenorgan ist hier mit einem roten Pfeil markiert. Schwarzer Pfeil: das Nasenloch.
Das Grubenorgan ist hier mit einem roten Pfeil markiert. Schwarzer Pfeil: das Nasenloch.(Foto: Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

Oft ist dann von bestimmten Sensoren die Rede, die auch nach dem Tod der Schlange noch mehrere Stunden aktiv sein können. Sie sollen Reflexe auslösen, die unter Umständen zum Biss führen. Dieser Hinweis zielt auf ein bestimmtes Sinnesorgan ab, das Klapperschlangen eigen ist: das Grubenorgan. Es befindet sich in einer kleinen Vertiefung rechts und links am Oberkiefer des Reptils, zwischen Nasenlöchern und Augen. Das Grubenorgan dient Klapperschlangen und anderen Gruppenottern dazu, Infrarotstrahlung zu erfassen. Anders ausgedrückt: Sie können mit dem Grubenorgan Wärme wahrnehmen.

Beute verrät sich durch Körperwärme

Schon kleinste Temperaturänderungen - ab 0,003 Grad Celsius - werden von Grubenottern erkannt. Das hat natürlich Vorteile: Klapperschlangen können in völliger Dunkelheit jagen. Mit dem Grubenorgan sehen sie auch ohne Licht, wo sich die Beute aufhält - denn die strahlt Körperwärme ab.

Sollte das Grubenorgan also tatsächlich – wie es die amerikanischen Merkzettel nahelegen – noch über den Tod hinaus aktiv und zur Wahrnehmung von Beute oder Feind in der Lage sein? Und sollte dann, sobald das Grubenorgan Wärme erkannt hat, ein Reflex ausgelöst werden, der die bereits tote Schlange automatisch zubeißen lässt?

Prof. Dr. Wolfgang Böhme, Herpetologe am Museum Alexander König in Bonn, ist da skeptisch: "Das Infrarotorgan ist nichts anderes als ein Infrarot-Auge", erklärt er im Gespräch mit n-tv.de. "Und wie die richtigen Augen nach dem Tode nichts mehr sehen, so kann zweifellos auch das Infrarotorgan post mortem nicht mehr mit einer so komplexen Nerven-Muskel-Abfolge reagieren, wie sie für einen Biss nötig ist."

Diese Klapperschlange warnt vorbeigehende Wanderer gerade durch ein deutliches Rasseln mit der Schwanzspitze.
Diese Klapperschlange warnt vorbeigehende Wanderer gerade durch ein deutliches Rasseln mit der Schwanzspitze.(Foto: REUTERS)

Zu bedenken ist auch, wie Böhme betont, dass bei einer lebendigen Klapperschlange der Wärmereiz allein keinen spontanen Biss auslöst. Ein solcher Reflex ist also in der Schlange gar nicht angelegt. "Der Wärmereiz", erklärt Böhme, "führt erst zu einem Fixieren und Fokussieren des warmblütigen Objektes – Beute oder Feind –, bevor letztlich zugebissen wird." Auch können die Tiere, solange sie leben, "noch eine lange akustische Warnphase vorschalten, bevor sie schließlich zubeißen". Damit spielt Böhme auf das laute Rasseln an, den deutlichen Warnlaut, dem die Klapperschlange ihren Namen verdankt und den sie mit ihrem Schwanz produziert. Das Aufspüren von Wärme führt also nicht zwangsläufig zu einem Angriff. Und falls doch, so kann dazwischen viel Zeit vergehen. Ein Automatismus sieht anders aus.

Scharfe Zähne ohne Biss

Für Böhme steht fest, dass es nur eine Möglichkeit gibt, sich an einer toten Schlange zu verletzen: Man reißt sich an ihren Zähnen Hand oder Finger auf, weil man "aus Versehen in oder an ihren Kopf fasst, während die Giftzähne aus dem beim Tod mitunter offenen Maul herausgucken."

Wie aber kommt es dann zu den Warnungen in den amerikanischen Merkblättern? Sie sind Folge einer vielzitierten Veröffentlichung im New England Journal of Medicine vom Juni 1999. Zwei Ärzte aus Phoenix, Arizona, berichten hier von Vergiftungen, die auf das Konto totgeglaubter Klapperschlangen gehen. Die Mediziner hatten die Daten von 34 Patienten ausgewertet, die von Klapperschlangen gebissen worden waren. Fünf dieser Patienten hatten das Tier zuvor getötet. Sie hatten die Klapperschlange entweder erschlagen oder erschossen, zwei hatten das Reptil gar enthauptet - und waren dennoch gebissen worden.

Die Mediziner beenden ihren Bericht mit einem eindringlichen Appell: Um Bisse zu vermeiden, sollte auch vor gerade getöteten Schlangen gewarnt werden. Grubenorgan und Reflexe allerdings bleiben in ihrem Text unerwähnt. Mögliche Ursachen für die von toten Schlangen ausgehende Gefahr nennen die Mediziner nicht. Doch schon im ersten Satz ihres Reports beziehen sie sich auf Studien eines berühmten US-amerikanischen Klapperschlangen-Experten: Laurence Monroe Klauber. Er hatte in den 50er Jahren in 13 Versuchen festgestellt, dass eine geköpfte Schlange noch bis zu 50 Minuten nach ihrem Tod gefährlich bleiben kann.

Schlangenkopf reagiert auf Stöcke

Klauber war zu diesem Schluss gekommen, nachdem er unterschiedlichen Klapperschlangen-Arten in den ersten Minuten nach der Enthauptung ein Stöckchen ins Maul gesteckt hatte. Je nachdem, welche Stelle er dort wie stark er mit dem Stock reizte, biss die Schlange in dieser Zeitspanne noch zu, in einigen Fällen schnell und intensiv, in anderen weniger heftig. Dabei wurde auch Gift abgegeben. "(…) die meisten abgetrennten Klapperschlangen-Köpfe sind wahrscheinlich bis zu 15 Minuten noch gefährlich und möglicherweise eine dreiviertel Stunde oder sogar länger", so Klaubers Fazit.

Bestimmte Reflexe können also tatsächlich nach dem Tod der Schlange noch eine Weile aktiv sein. Allerdings werden sie offenbar nicht durch das Grubenorgan und Wärme ausgelöst, sondern durch mechanische Reize tief im Rachen. Ein brennendes Streichholz, zweifellos eine Wärmequelle, führte zu keinerlei Reaktion bei den toten Tieren, deren abgetrennte Körper übrigens noch mehrere Stunden lang Bewegung zeigten - bis schließlich die Totenstarre einsetzte.

Doch wie dem auch sei: Ob man sich nun versehentlich an den Giftzähnen des Tieres verletzt oder ob die Schlange tatsächlich noch reflexartig zubeißt - wer Böhmes Rat befolgt, geht auf Nummer sicher: "Lässt man die Finger von einer toten Schlange, wird sie auf keinen Fall noch jemanden beißen können."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Haben auch Sie eine Frage und suchen nach der Antwort?

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.

Empfehlungen