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Frage & Antwort, Nr. 137: Warum steigt der Meeresspiegel?

Leonard Goebel

Nahezu täglich hört man vom Anstieg des Meeresspiegels durch abschmelzende Polkappen. Eis hat aber eine geringere Dichte als Wasser. Wie kann der Meeresspiegel dann steigen? (fragt Johannes Kanski aus Schwerin)

Beginnen wir mit einem kleinen Experiment. Wir nehmen ein gewöhnliches Glas und legen einen Eiswürfel hinein. Dann füllen wir das Glas bis zum Rand mit Wasser. Nun schwimmt der Eiswürfel oben und ragt zum Teil aus dem Wasser heraus. Sobald der Eiswürfel schmilzt - Ungeduldige nehmen deshalb heißes Wasser – sehen wir: es passiert nichts, gar nichts. Noch nicht einmal der kleinste Tropfen Wasser verlässt unser Glas. Der Küchentisch bleibt staubtrocken, sofern wir nicht schon vorher gekleckert haben.

Was passiert, wenn die Eiswürfel schmelzen?
Was passiert, wenn die Eiswürfel schmelzen?(Foto: Pixelio / tt)

Das liegt daran, dass Eis, wie unser Leser in seiner Frage richtig festgestellt hat, eine geringere Dichte als Wasser hat. Das bedeutet, dass das gefrorene Wasser mehr Platz einnimmt als die gleiche Menge an flüssigem Wasser. Der Eiswürfel, der zuvor aus dem Wasser ragt, passt also im flüssigen Zustand genau in das Glas, das deshalb nicht überläuft. Der Beweis ist somit vollbracht: Der Wasserspiegel steigt nicht, wenn Eis schmilzt. Die Frage ist beantwortet. Oder?

Schwimmendes und kontinentales Eis

Nein, leider nicht, sagt Klaus Grosfeld vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung. "Das Eiswürfelexperiment gilt nämlich nur für schwimmendes Eis", erklärt er. Dazu gehört zum Beispiel das arktische Meereis am Nordpol. Der Nordpol ist ganzjährig von einer dicken Eisschicht bedeckt, die auf einem mehr als 4000 Meter tiefen Ozean schwimmt.  Im Winter ist diese Eisfläche beinahe dreimal so groß wie im Sommer. Trotzdem steigt der Meeresspiegel nicht, wenn im Sommer das Eis der Arktis schmilzt.

Meereis kann mehr als 10 Meter dick werden.
Meereis kann mehr als 10 Meter dick werden.(Foto: picture alliance / dpa)

"Anders sieht es allerdings in der Antarktis aus", sagt Grosfeld. Dort liegt das Eis zum größten Teil auf dem Festland und hat keine Verbindung zum Ozean. Gleiches gilt auch für das Eis in Grönland und ebenfalls für abschmelzende Gebirgsgletscher. "Wenn dieses kontinentale Eis schmilzt, fließt Schmelzwasser vom Festland in den Ozean." Da dieses Eis zuvor nicht mit dem Meer verbunden war, handelt es sich dabei um zusätzliches Wasser. Der Meeresspiegel steigt also an. Grosfeld steuert dazu noch eine Zahl bei: "Würde das gesamte Eis der Antarktis und von Grönland schmelzen und in den Ozean fließen, so würde der globale Meeresspiegel um 63 Meter ansteigen." Holland in Not, hieße es dann wohl.

Übrigens: Der Meeresspiegel steigt nicht nur, weil das Eis schmilzt, sondern auch, weil sich das Wasser in den Ozeanen wegen des Temperaturanstiegs ausdehnt. Forschern zufolge überwiegt dieser Effekt momentan sogar. In Zukunft wird aber die Eisschmelze - vor allem in der Antarktis - immer stärker zum Tragen kommen und maßgeblich für den Anstieg des Meeresspiegels verantwortlich sein.

Das Schmelzen des Eises am Nordpol hingegen beeinflusst zwar den Meeresspiegel nicht, hat aber dennoch erhebliche Auswirkungen: Meeresströme können sich ebenso verändern wie das gesamte Ökosystem im arktischen Meer. Manche Tiere werden davon profitieren, andere haben darunter zu leiden. Zudem könnten Luftdruckveränderungen unser Wetter beeinflussen. Seit 1978 ist das Eis der Arktis im Durchschnitt um elf Prozent pro Jahrzehnt zurückgegangen. Wann die globale Erwärmung erstmals für einen eisfreien Nordpol sorgt, bleibt abzuwarten.

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Quelle: n-tv.de

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