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Mit zunehmendem Alter können die Schlafgeräusche deutlich an Lautstärke zunehmen.
Mit zunehmendem Alter können die Schlafgeräusche deutlich an Lautstärke zunehmen.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Dienstag, 17. April 2012

Frage & Antwort, Nr. 221: Wieso weckt Schnarchen nur die anderen?

von Andrea Schorsch

Ich bin sicherlich nicht die einzige Frau, die darunter leidet, dass ihr Mann jede Nacht aufs Neue ganze Wälder abholzt. Eines ist für mich unerklärlich: Das Schnarchen kann noch so laut sein, mein Mann wacht nie selbst davon auf. Wie kommt das? (fragt Anne M. aus St. Peter-Ording)

Eines sei vorweggeschickt: Es sind nicht immer nur die Männer, die schnarchen. Allerdings sind sie von den sonoren Schlafgeräuschen besonders betroffen, erst recht in fortgeschrittenen Jahren. Unter Männern im mittleren bis höheren Lebensalter ist das Schnarchen am meisten verbreitet. Fast jeder zweite von ihnen ist dann eine nächtliche Lärmquelle. Bei den Frauen ist es etwa jede vierte. Auch bei ihnen spielt das Alter eine Rolle.

Dass Männer häufiger schnarchen als Frauen, hängt mit den Hormonen zusammen. Weibliche Sexualhormone, das haben Forscher herausgefunden, halten das Gewebe der oberen Atemwege straff und schützen auf diese Weise vor dem Schnarchen. Darüber hinaus könnte es sein, dass Männern das Schnarchen in den Genen steckt. Denn in der Steinzeit erfüllte es einen Sinn: Der geräuschvolle, laute Schlaf der Männer hielt Feinde und wilde Tiere wirkungsvoll auf Abstand. Das Schnarchen diente also dem Schutz der ganzen Sippe. Es war nützlich – und damit vielleicht sogar willkommen.

Könnte das erklären, warum Frauen auch heute noch zurückhaltend sind, wenn es darum geht, dem Lärm ein Ende zu bereiten? Nach einer Studie der britischen Universität Surrey verzichten nämlich viele Frauen darauf, den schnarchenden Partner zu wecken. Eher ziehen sie aufs Sofa im Wohnzimmer um. Männer sind da im umgekehrten Fall weniger zimperlich. Schnarchende Frauen werden gnadenlos wachgerüttelt. Welche Tiere sollte man mit dieser Geräuschkulisse heutzutage auch vertreiben wollen?

Laut wie ein Jumbo-Jet

Weeß ist im erweiterten Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Er leitet das Schlafzentrum des Pfalzklinikums Klingenmünster.
Weeß ist im erweiterten Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Er leitet das Schlafzentrum des Pfalzklinikums Klingenmünster.(Foto: Charité / Weeß)

Schnarchen schlägt am ehesten die nachhaltig in die Flucht, die in unmittelbarer Nähe nächtigen - je nach Lärmpegel auch weiter entfernte Mitmenschen. In jedem Fall aber eher Freunde als Feinde. Und wenn die ihre Sachen packen, dann geht es tatsächlich nicht um leises Schnorcheln, sondern eher um ein Wände durchdringendes Dröhnen. "Schnarchen kann", so die Erfahrung des Schlafforschers Hans-Günter Weeß, "eine Lautstärke erreichen, die einem LKW oder sogar Jumbo-Jet nahekommt." Weeß ist Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum in Klingenmünster. "Ich hatte zwei Patienten", erzählt er, "die aufgrund ihres Schnarchens aus dem Mietshaus geflogen sind. Die Mitbewohner konnten wegen der lauten Schnarchgeräusche trotz geschlossener Fenster nicht schlafen." - Auch in diesem Fall also waren es die anderen, die immer wieder aufwachten. Die Schnarchenden selbst schliefen weiter.

Der Somnologe weiß, woran das liegt. Letztlich ist es doch die ursprüngliche Schutz-Funktion des Schnarchens, die eine Antwort auf die Leserfrage liefert. "Das Gehirn desjenigen, der schnarcht", sagt Weeß, "hat sich über die Zeit hinweg an die Geräuschkulisse gewöhnt. Es blendet die eigentlich störenden und im evolutionären Sinne warnenden Geräuschsignale aus, weil es sich für den Schlafenden um ein selbst erzeugtes und damit nicht bedrohliches Signal handelt."

Da wird die Hoffnung wach, auch der Bettpartner könne sich vielleicht irgendwann an diese Signale gewöhnen. Doch diesen Gedanken muss Weeß im Keim ersticken. "Nein, das tut er nicht", sagt er. "An externe Geräusche, die es im Rahmen der Evolution zur Erhaltung der Art als bedrohlich oder warnend erleben musste, kann sich das menschliche Gehirn nämlich nur schwer anpassen."

Anekdote am Rande

An dieser Stelle sei mir als Autorin dieses Textes eine Geschichte aus dem eigenen Nähkästchen erlaubt, denn auch diese ist – ganz unerwartet – mit der Antwort von Weeß nun erklärt: Vor zig Jahren machte ich auf einer Reise kurz Station in Berlin und übernachtete in der Ein-Zimmer-Wohnung eines Freundes. Der schnarchte, dass die Wände wackelten. Ich war Gast, und nein, ich wollte ihn nicht wecken. Ich wollte nur, dass die Schnarcherei aufhörte, wenigstens für einen kurzen Moment. Wundersamerweise wurde es immer dann still, wenn ich wie ein Ozeandampfer ein lautes "tuuuut" durchs Zimmer tönen ließ. Dann hatte ich ein Zeitfenster von gut fünf Minuten, um selbst einzuschlafen. Natürlich wachte ich irgendwann durch die neu gestarteten Sägearbeiten wieder auf. Der Ozeandampfer musste in dieser Nacht ganz schön oft tuten.

Am nächsten Morgen fragte mich der Freund, ob ich denn gut geschlafen hätte. Da ich nur auf der Durchreise war und nicht länger bleiben wollte, sagte ich höflich "Ja". Dass man neben ihm kein Auge zudrücken kann, wird ihm schon noch jemand erzählen – dachte ich. Doch dann die Antwort des Freundes: "Es war ganz komisch, Andrea. Du hast die ganze Nacht 'tuuut' gemacht!" Das fremde Geräusch also hatte er gehört, sein klangvolles Schnarchen jedoch überhaupt nicht wahrgenommen. Das war eben nicht bedrohlich. Das war Musik in seinen Ohren.

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Quelle: n-tv.de

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