Wissen
Sonntag, 06. Januar 2008

Fundsache, Nr. 263: Bronzezeit-Siedlung

Es ist eine Überraschung für die Archäologen: Auf einem Hügel in Bohra bei Schmölln in Thüringen sind sie knapp unter der Erdoberfläche auf eine größere Siedlung aus der Bronzezeit gestoßen. Eine Himmelsscheibe wie die von Nebra fanden sie zwar nicht, doch haben sie zahlreiche Keramikscherben, Pfosten- und Vorratsgruben und sogar eine Grabstätte freigelegt. "Wir hatten das Areal hier oben eher mit Fragezeichen versehen", sagt Ines Spazier, beim Landesamt für Archäologie für Ostthüringen zuständig. "Deshalb waren wir überrascht, dass hier so viel Fundmaterial aus den verschiedensten Zeiten zu Tage getreten ist."

Mit Schaufel und Spitzhacke bearbeitet das Team von Archäologe Uwe Petzold die gefrorene Erde. Eine dünne Schneeschicht hat sich über das Feld gelegt. Der kleine Bagger ist an diesem Tag ausgefallen, weil die Ketten über Nacht angefroren sind. Der Ausgrabungsleiter zeigt auf eine graue Färbung im lehmigen Boden: "Was an dunklen Verfärbungen sichtbar wird, dokumentieren wir." Diese Stellen geben Hinweise auf Gruben, in die einst Pfosten für die Häuser gerammt oder in denen Lebensmittel aufbewahrt wurden.

"Solche Pfostenlöcher können auch noch nach bis zu 7000 Jahren Rückschlüsse darauf vermitteln, ob hier Bauten standen", erklärt Petzold. An einer Stelle sind gleich drei Reihen mit je drei solcher Löcher sowie angrenzender Vorratsgrube entdeckt worden. "Wir haben hier den fast quadratigen Grundriss eines Gebäudes." Das etwa 16 Quadratmeter große Haus sei vermutlich von einer Großfamilie bewohnt worden. Die Wände bestanden offenbar aus Flechtwerk, dass mit Lehm beworfen wurde. "Das war eine dauerhafte Siedlung", meint der Altertumswissenschaftler überzeugt.

Wegen der fruchtbaren Böden ließen sich schon vor mehreren tausend Jahren Menschen an verschiedenen Orten in der Region nieder. "Aus der frühen Bronzezeit, also aus der Zeit der Aunjetitzer Kultur, gibt es hier in der Gegend zwar zahlreiche Grabfunde, aber relativ wenig Siedlungsfunde", erzählt Spazier. "Das ist eine Besonderheit an diesem Fundplatz." Die Aunjetitzer Kultur ist benannt nach dem Fundort Unetice (Aunjetitz) in Böhmen, nördlich von Prag.

Die Funde in Bohra werden auf die frühe und späte Bronzezeit datiert, einige sogar noch früher. Denn bei ihrer Suche stießen die Experten auch auf ein Grab der Glockenbecherkultur aus der Zeit um 2400 bis 2000 vor Christi Geburt. Zwar fanden sie keine Knochen mehr darin, dafür aber eine Keramikschale, die derzeit von Restauratoren wieder hergerichtet wird.

Das Grab ist mit etwa 1,25 Meter mal 0,9 Meter recht klein. "Das kommt daher, dass die Toten mit angewinkelten Armen und Beinen bestattet wurden", erläutert Petzold und zeigt auf ein weiteres kleines Loch. "Hier sieht man im Profil sehr schön, dass es sich um eine planvoll und regelmäßig angelegte Grube handelt." Darin lagerten die Menschen jener Zeit ihr Getreide. "Man hat bei dieser Erdlagerung in Kauf genommen, dass die Randschichten angeschimmelt sind", erklärt der Archäologe. "Das Getreide im Kern blieb aber gut erhalten und war nach einem Jahr noch gut verwertbar."

Viel Zeit bleibt seinem Team nicht. In Kürze müssen sie fertig sein, denn bald sollen hier Bagger anrücken, um die neue Wasserleitung von Gera nach Großstöbnitz zu verlegen. Bis dahin wird alles dokumentiert, denn das Bodendenkmal wird dann unwiederbringlich zerstört. "Wir graben hier nur die ausgesuchte Fläche, die von den Arbeiten an der Rohrleitung betroffen ist", sagt Petzold. Alle Zeugnisse, die darüber hinaus unter der Erde verborgen liegen, dürfen vorerst weiter dort ruhen.

Bald wird Petzold mit seinem Team einige Kilometer weiter die künftige Trasse entlang nach Großstechau ziehen, wo Keramikscherben und Teile von Klingen gefunden wurden. Zuvor waren sie bereits in Korbußen fündig geworden. Ihre bisherigen Funde wollen sie in dieser Woche der Öffentlichkeit vorstellen.

Von Andreas Hummel, dpa

Quelle: n-tv.de

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