Wissen
Dienstag, 04. Dezember 2007

Fundsache, Nr. 249: Muschel kehrt zurück

Reinhard Altmüller steht bis zu den Knien in einem Bach und sucht seinen Schatz. Der Biologe drückt einen Eimer mit Glasboden ins Wasser und schaut auf den Gewässergrund. Mit einer Taucherlampe leuchtet der Wissenschaftler die Bachsohle ab. Und dann hat seine Suche Erfolg: "Ha! Das ist das letzte alte Exemplar hier in der Ecke", ruft Altmüller und langt ins Wasser. An die Oberfläche befördert er eine fast ausgestorbene Tierart eine Flussperlmuschel.

Alter Schatz

Der Schatz in Altmüllers Händen ist rund 80 Jahre alt, groß wie eine Hand, nierenförmig und schimmernd schwarz. Ein Greis im Wasser. "Früher gab es hier Millionen Flussperlmuscheln", sagt Andreas Thiess vom Umweltamt im niedersächsischen Celle. Auch er ist heute an die Lutter gekommen, ein Flüsschen, das sich durch die Lüneburger Heide schlängelt. Dort hätten 1939 noch 50.000 Flussperlmuscheln (Margaritifera margaritifera) gelebt, erklären die Forscher. 1989 drohte die Zahl unter 2000 zu sinken das Tier wäre hier beinahe für immer verschwunden. Die Muschel steht weiterhin auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Darin heißt es: "Das Überleben ist unwahrscheinlich, wenn die verursachenden Faktoren weiterhin einwirken oder bestandserhaltende Schutz- und Hilfsmaßnahmen nicht unternommen werden."

Feine Fracht als tödliches Problem

Das tödliche Problem der Flussperlmuschel ist die feine Fracht, die die unzähligen Entwässerungsgräben der Landwirtschaft in die Lutter - oder andere Flüsse - spülen. Diese Feinsedimente unterbrechen den komplizierten Fortpflanzungskreislauf der Muschel. Für ihre Vermehrung stößt sie Millionen Larven ins Wasser. Staubkorngroß müssen sie sich an die Kiemen der Bachforelle heften. "Dort leben sie dann zehn Monate als Parasit", erklärt Altmüller. Danach fallen die Muscheln ab - einen halben Millimeter klein - und müssen am Grund des Baches wachsen. Wird der aber mit den feinen Sedimenten aus den Ackergräben verstopft, erstickt das junge Tier. "Das legt sich wie ein Leichentuch über das Flussbett", sagt Thiess. "Es ist ein schleichender Infarkt am Gewässergrund", nennt es Altmüller.

Den Muscheln setzen aber auch andere Probleme zu: Zerstörung des Lebensraumes durch Begradigungen sowie Ufer- und Sohlbefestigungen, Verschlechterung der Gewässergüte durch Nährstoffeinträge, Einschwemmung von Düngemitteln, Eintrag von Pestiziden, Anlage von Fichtenmonokulturen im Umfeld der Gewässer, weil die Nadeln die Versauerung des Bodens und der Gewässer fördern, Freizeitnutzung mit mechanischer Gefährdung durch Kanuten und Sportfischer, Veränderung der ursprünglichen Fischfauna oder Verluste durch Bisamratten (Ondatra zibethica), die die Muscheln fressen.

Alte Umweltsünden

1989 drohte der Infarkt am Gewässerboden überall. Dann lief in Niedersachsen ein in Deutschland einzigartiges Naturschutzprojekt an, für das Bund, Land sowie die Landkreise Gifhorn und Celle 33 Millionen Mark gaben. Damit sollten die Landkreise, unterstützt von Altmüller und seinen Kollegen der Naturschutzbehörde, jahrzehntealte Umweltsünden beseitigen.

Zunächst wurden Voruntersuchungen unternommen. In einem kleinen Bach, der in die Lutter mündet, wurde die Menge des mitgeschleppten Sedimentes gemessen. Das Rinnsal führte Wasser aus den umliegenden Feldern ab. Eine oben offene Holzkiste wurde so ins Bachbett eingelassen, dass ihr Rand genau mit dem Boden abschloss. Der mitgeführte Sand rutschte in die Kiste und wurde von Zeit zu Zeit herausgeschaufelt. So sammelte sich ein riesiger Sandberg am Ufer - dabei maß die Kiste nur zwei mal einen Meter und war einen halben Meter tief. Die jährliche Sediment-Menge schwankte zwischen 3 und 19 Kubikmetern und wäre anderenfalls in die Lutter gespült worden. Im Zuge des Projektes wurden die Experten später aber noch mit viel größeren Schlamm- und Sandmassen fertig: Aus einem Staubecken vor einer alten Wassermühle wurden über die Jahre fast 7000 Kubikmeter abgepumpt. Auch diese verstopften den Bodengrund flussabwärts nicht mehr.

Entlastung für den Fluss

Später kauften die Naturschützer 1800 Hektar Land. An strategisch gewählten Stellen ließen sie die Gräben ausbaggern, um die Fließgeschwindigkeit zu verringern. In der Folge sanken die feinen Teilchen, die für die Muschel tödlich gewesen wären, früher zu Boden. Die Lutter wurde entlastet. Vor wenigen Wochen, rund 20 Jahre nachdem die Hilfe für die Flussperlmuschel begann, rollten die Bagger das letzte Mal, erläutert Heiner Harting, Leiter der Betriebsstelle für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz in Verden. In der Lutter half die Naturschutz Gruppe der Muschel auch mit der künstlichen Infizierung von Bachforellenkiemen. "Und hilft man einer Leitart des Ökosystems, hilft man allen", weiß Altmüller. Kranich, Fischotter, seltene Vögel und Libellen kehrten an die Lutter zurück.

Vorbildliches Projekt

J ürgen Geist, Biologe an der Technischen Universität München, schätzt den Erfolg seiner Kollegen hoch ein: "Mit Ausnahme der Lutter gibt es in ganz Deutschland kein anderes Gewässer, in dem die Entwicklung so vorbildlich verlief." Geist leitete ein Projekt, das die Muschel in 15 europäischen Ländern untersuchte. Deutschlands größtes Vorkommen gebe es im Dreiländereck Bayern-Böhmen-Sachsen. "Es ist unrealistisch, alle Bestände erhalten zu können", sagt Geist. Im Süden ist der Kampf härter - die Sedimente seien noch feiner, die Sauerstoffprobleme der Muschel noch massiver.

In der Lutter gibt es inzwischen ersten Anlass zur Hoffnung. Im Schein seiner Lampe findet Reinhard Altmüller neben dem 80 Jahre alten Muschel-Greis noch etwas: Drei etwa streichholzlange Jungmuscheln. 7500 sollen es mittlerweile sein. "Ein Lebenswerk", sagt Altmüller.

Alte Muscheln

Au ßer dem Erhalt der Artenvielfalt seien die Resultate auch in anderer Hinsicht interessant, erläutert Geist. Ihm zufolge wachsen und altern Muscheln extrem langsam. Die Gene dafür zu finden, könne dem Menschen viel über das Altern verraten. Tatsächlich ist eine vor Island im Meer entdeckte Muschel mit einem Alter von rund 400 Jahren das bislang älteste bekannte Tier. Forschern um Paul Butler und James Scourse von der britischen Universität von Bangor war das Weichtier im Jahr 2006 während einer Forschungsfahrt vor der Insel ins Netz gegangen. Es sei wahrscheinlich, dass es sogar noch ältere Exemplare gebe, ergänzten die Forscher: 200 Jahre alte Muscheln seien zuvor bereits in der Irischen und der Nordsee gefunden worden. Das Alter der nun beschriebenen Islandmuschel (Arctica islandica) lässt sich an den Wachstumsringen ihrer Schale abzählen - ebenso wie bei den Flussperlmuscheln. Die Forscher vermuten, dass Muscheln im Lauf der Evolution einen Weg gefunden haben, besonders gut mit schädlichen Stoffwechselprodukten umzugehen und daher so alt werden.

Von Heiko Lossie, dpa

Quelle: n-tv.de

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