"Heidenangst" durch Found FootageWillkommen in den "Borderlands"

Eine alte abgelegene Kirche in der englischen Provinz, 1260 errichtet, seit 1880 stillgelegt, wird wieder eröffnet. Kurz darauf geschehen bei einer Taufe mysteriöse Dinge. Der Vatikan ist aufgeschreckt und schickt ein Ermittlerteam. Doch was das findet, ist kein Wunder Gottes.
Mit Wundern hat es die katholische Kirche nicht so. Es gibt ein paar, sicher, aber bis sie als solche anerkannt wurden, vergingen Jahre, manchmal Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Da könnte System dahinterstecken oder einfach nur die Tatsache, dass erst alles "Wunderbare" und "Übermenschlich-Göttliche" genauestens überprüft werden muss, bevor es als "wahres Wunder Gottes" deklariert und von den Gläubigen angehimmelt und gefeiert werden darf.
Bruder Deacon (Gordon Kennedy) kennt sich mit Wundern aus. Er muss sie im Auftrag des Vatikans untersuchen, denn er ist ein Ermittler im Zeichen des Kreuzes. Wenn kleine Mädchen plötzlich Stigmata aufweisen, also aus Wunden in Händen und Füßen bluten und die ersten Gläubigen Halleluja rufen, macht sich Deacon auf den Weg, das ganze zu überprüfen. Objektiv, kritisch und von nichts zu beeindrucken - auch ohne jede Angst, denn Gott schützt ihn natürlich.
Für Deacon ist deshalb alles erst einmal Scharlatanerie, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das kleine Mädchen mit den Stigmata? Ihre Mutter hat ihr zehn Wochen lang jeden Tag die Wunden an Händen und Füßen neu zugefügt. Das Mädchen bekam am Ende eine Blutvergiftung und starb. Der Kommentar der Mutter: "Na, dann könnt ihr sie ja jetzt heilig sprechen." Das ist Deacons Alltag.
Ab in die Provinz
Ein neuer Fall führt Deacon in das verlassene Hinterland Englands. Father Crellick (Luke Neal) hat die vatikanischen Ermittler gerufen. Bei einer Taufe geschahen mysteriöse Dinge: Kruzifixe fielen um, Trinkbecher bewegten sich wie von Geisterhand, die Glocken der alten Kirche läuteten plötzlich - irgendwie schien es, als ob nicht alles mit rechten Dingen zugeht.
Deacon vermutet sofort Creddick hinter all dem Spuk, denn der Father predigt noch nicht lange in der Kirche und seine Gemeinde ist vergleichsweise klein. Das Gotteshaus wurde zwar schon 1260 auf einem Hügel erbaut, 1880 dann aber geschlossen und ist noch nicht lange wieder geöffnet. "Das ist seine Chance, berühmt zu werden: Schlagzeilen in den Lokalzeitungen, ein Bericht in den Abendnachrichten. Die Leute rennen ihm die Tür ein, auch wenn der Vatikan das Wunder nicht anerkennt. Der Ruf wird bleiben, so viel ist sicher", sagt Deacon. Er versucht, den an dieser Untersuchung beteiligten Techniker Gray (Rob Hill; "Down Terrace") am Boden zu halten. Gray ist leichtgläubig, hält von der Kirche nicht viel und ist nur wegen der Bezahlung bei diesem Fall mit dabei. "Glaub nicht alles, was du siehst, Gray!" ermahnt ihn Deacon deshalb.
Die beiden schauen sich das Video der Taufe an, sehen die Interferenzen, die Ton- und Bildsprünge, beobachten, wie das Taufwasser offenbar anfängt zu kochen und schauen in die verängstigten Gesichter der Gemeindemitglieder. Als Deacons Chef Mark (Aidan McArdle) ankommt, machen sich die drei auf die Suche nach dem Wunder.
Gott oder Dämon?
Allerdings verläuft diese nicht einfach: Erst beschmiert die Dorfjugend die Wände ihrer Bleibe mit Tierblut. Dann wachen die drei Ermittler mitten in der Nacht auf, weil sie furchterregende und angstgepeinigte Schreie hören (die Dorfjugend wieder, sie hat ein lebendes Schaf angezündet). Als Mark dann auch noch die Ermittlungen abbrechen will, weil der Fall gelöst scheint und von einem Wunder weit und breit nichts zu sehen ist - Mark hält Crellick für den Wunder-Initiator -, bringt sich der Father um. Selbstmord. Für immer Höllenqualen. Warum macht ein Priester so etwas?
Deacon hält wenig später die Antwort in seinen Händen: Uralte Kirchenaufzeichnungen lassen selbst dem furchtlosesten und gottesfürchtigsten Ermittler das Blut in den Adern gefrieren. Unterirdische Gänge und Räume, ein Waisenhaus und ein durchgedrehter Father sind nur der Anfang - vom Ende der Welt?
Gänsehaut ist garantiert
"The Borderlands" von Regisseur Elliot Goldner, der auch das Drehbuch geschrieben hat, beweist wieder einmal gekonnt, dass es für einen stimmigen Horrorfilm kein großes Budget braucht - was zählt, sind Story und Stimmung. Und beides stimmt hier. Dass die katholische Kirche auf päpstliches Geheiß in den alten Heidentempeln einst ihre neuen Kirchen errichtete, ist bekannt. Dass es deshalb Dinge gibt, die noch älter als die Kirche selbst sind, leuchtet ebenso ein. Weshalb also nicht einmal einen Found-Footage-Film rund um dieses Thema drehen?
Das passende Ambiente liefert ein kleines Dorf im Südwesten Englands. Die wenigen Einwohner kommen so verschroben daher, dass man sofort weiß: Du hast hier nichts verloren! Wenn man nach dem Weg fragt, wird man nur angeglotzt und angeschwiegen. Im Dorf-Pub behält sich der Wirt vor, einen zu bedienen oder auch nicht. Und hinter jeder Straßen- und Häuserecke lauert eine handfeste Schlägerei.
Story und Stimmung stimmen also. Fehlen noch die passenden Schauspieler und Charaktere. Hier patzt "The Borderlands" etwas. Die Rolle des Ermittlerchefs Mark, der zu spät anreist und sich immer wieder mit Deacon in die Haare kriegt, obwohl sie beide das Wunder in der Kirche für Scharlatanerie halten, ist fast schon überflüssig. Dass am Ende des Films sogar noch eine Altehrwürdigkeit aus dem Vatikan auftaucht - der alte Lehrer Deacons -, ist auch nicht wirklich von Nöten. Mit dem gottesfürchtigen Deacon und dem ungläubigen Techniknerd Gray ist ein kongeniales Ermittlerduo bereits komplett.
Dennoch: Am Ende wiegen Story und Stimmung schwerer. Düster, gruselig, Gänsehaut ist garantiert, der nächste Urlaub in die englische Provinz abgesagt. So muss das sein, wenn man die "Borderlands" betritt!