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Pommes und ein gegrilltes Steak. Darunter eine umstrittene, aber leckere Soße.
Pommes und ein gegrilltes Steak. Darunter eine umstrittene, aber leckere Soße.(Foto: R_by_KFM_pixelio.de)

Blasse Tussi und sieben Personen kleiner Größe: Lasst bitte die Kirche im Dorf!

Von Heidi Driesner

"Viel Lärm um nichts" ist nicht nur eine Shakespeare-Komödie von 1600 um Liebeswirren, sondern auch eine zeitgenössische Debatte um ein Politikum, was keines ist. Bei political correctness geht es wie bei Fairness um Sauberkeit, und das macht Sinn. Doch wie immer und überall kann man aus einer Mücke einen Elefanten machen, und es entsteht Unsinn.

Eigentlich wollte ich nicht meinen Senf dazugeben zu einer Pseudo-Aufgeregtheit über eine poplige Soße. Da ich aber von Hinz und Kunz zu genau diesem Vorgang befragt werde, obwohl es tatsächlich wichtigere Dinge und Vorkommnisse im öffentlichen und in meinem persönlichen Leben gibt, tue ich es nun doch.

Der Vorsitzende des Forums für Sinti und Roma in Hannover hat recht, wenn  er sagt, dass das Wort "Zigeuner" rassistisch und diskriminierend ist. Das ist seit dem 19. Jahrhundert so und gipfelte in der Ermordung eben jener Minderheit in den deutschen Konzentrationslagern. Das sollten wir nie vergessen. Nun aber hinter einer zwar fragwürdigen, aber harmlosen Bezeichnung für eine rote Tunke Unheil zu wittern, halte ich für übertrieben und unangebracht. Und ich bezweifle, dass Regardo Rose den Mitgliedern seiner Volksgruppe damit einen großen Gefallen getan hat. Jene Sinti und Roma, die in Bulgarien, Rumänien, Ungarn und der Slowakei in Ghettos vegetieren (leben kann ich das nicht nennen), deren Recht auf Menschenwürde mit Füßen getreten wird, und denen es, sollten diese EU-Bürger (!!!) es wagen, in Deutschland nach einem besseren Leben zu suchen, hierzulande nicht viel besser geht, dürfte es sehr wenig interessieren, was auf einer deutschen Grillsoße steht.

So "lustig" ist das Zigeunerleben im EU-Beitrittskandidaten Serbien: Roma-Siedlung inmitten Belgrads auf der Nordseite des Flusses Save.
So "lustig" ist das Zigeunerleben im EU-Beitrittskandidaten Serbien: Roma-Siedlung inmitten Belgrads auf der Nordseite des Flusses Save.(Foto: Julian Nitzsche_pixelio.de)

Wahr ist, dass es einen Zusammenhang zwischen rassistischer Gewalt und rassistischem Sprechen gibt. Wahr ist aber auch, dass anderes Sprechen die Realität nicht ändert. Eine Umbenennung der "Zigeunersoße" ändert in keiner Weise etwas an den diskriminierenden Lebensumständen dieser Menschen oder an dem Hass, der ihnen mancherorts entgegenschlägt. Und Liebhabern dieser Soße rassistisches Gedankengut zu unterstellen, ist reichlich übertrieben. Roma und andere ethnische Minderheiten als gleichberechtigte Bürger zu integrieren wäre viel wichtiger als die derzeitige Soßen-Debatte.

Der Name "Zigeunersoße" kann meiner Meinung nach genau so wie "Zigeunermusik" ertragen werden. Denn das eine hat so wenig mit den Roma oder den Sinti oder ähnlichen Volksgruppen zu tun wie das andere. Allerdings gehen Musikproduzenten schon vorsichtiger zu Werke und greifen flugs zur englischen Bezeichnung "gypsy music", obwohl es das gleiche ist. Nur zu einem Bruchteil sind zum Beispiel Roma an dieser Musikrichtung beteiligt, viele Musiker und Komponisten kommen aus anderen gesellschaftlichen Gruppen und so ist "Zigeunermusik" eher ein Sammelsurium vieler musikalischer, stilähnlicher Strömungen. Übrigens wird "Lustig ist das Zigeunerleben", entstanden im 19. Jahrhundert, immer noch als Volkslied bezeichnet, in diversen Verzeichnissen geführt  und ist auch nicht umbenannt worden. Dabei sollte uns der Inhalt zu denken geben, denn lustig war das Zigeunerleben noch nie. Und das ist bis heute leider so geblieben. Zigeunerromantik findet nicht in den armseligen Behausungen oder bei der vergeblichen Arbeitssuche statt, sondern nur auf der Bühne beim "Zigeunerbaron".

Umbenennungen sind an der Tagesordnung, damit man in (fast) jedem Lebensbereich pc bleibt. Mohr oder Neger wird wegen seiner kolonialen beziehungsweise rassistischen Verwendung nicht mehr gebraucht und so heißen die süßen Schaumdinger heute Schaumkuss oder Schokokuss; in Österreich aus mir unerfindlichen Gründen übrigens "Schwedenbombe". Und kein Schwede regt sich auf.

Muss man Lindgren verschlimmbessern?

So richtig konsequent sind wir in unserem Streben nach political correctness aber nicht. In historischen Zusammenhängen bleibt’s mitunter nicht nur bei Zigeunern wie beim Baron, in "Carmen", beim "Glöckner von Notre Dame" und Puschkins Ballade "Zigeuner", sondern auch der "Mohr" existiert weiter wie im "Mohr von Venedig" oder in  der Oper "Aida" beim "Tanz der kleinen Mohrensklaven". Oder würde Sie lieber sagen "Tanz der kleinen Menschen mit dunkler Hautfarbe"? Der Sarotti-Mohr musste jedoch daran glauben, er wurde aufgehellt und nennt sich jetzt Magier. Auch Pipi Langstrumpf wurde "modernisiert", zumindest in Neuauflagen wurden "Neger" und "Zigeuner" aus dem Werk von Astrid Lindgren gestrichen. Meinen die Verantwortlichen, Kinder seien zu blöd, entsprechende Erklärungen von Eltern und Lehrern zu verstehen? 

Unausrottbar ist das geflügelte Wort von dem Mohren, der seine Schuldigkeit getan hat, dem aber nicht gedankt wird - so jedenfalls wird es allgemein gebraucht. Kein Mensch denkt da an einen Menschen schwarzer Hautfarbe, wenn er enttäuscht in sich hineinmurmelt: "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen", weil er den Abwasch gemacht hat und dennoch nicht von der Hausfrau geküsst wird. Die Anwender jenes Zitats stört es auch in keiner Weise, dass es falsch gebraucht wird, denn bei Schiller heißt es: "Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen". Was aber beim Abwasch aufs Gleiche hinausläuft.

Uups, ist ja gar kein Zwerg, hat aber Nase.
Uups, ist ja gar kein Zwerg, hat aber Nase.

Auch andernorts treibt die Umbenennungssucht Blüten. So las ich dieser Tage, dass in einer französischen Zeitschriftenredaktion das Märchen von Schneewittchen wegen der sieben Zwerge zu Bauchschmerzen führte. Das Ergebnis der verbalen Blähungen lautete "Schneewittchen und die sieben Personen kleiner Größe". (Kleinwüchsige ging wohl auch nicht, da wäre Protest vorprogrammiert gewesen.) Dann sollte man konsequenterweise auch Schneewittchen ins Aus schicken, damit Pubertätsgestörte in der Schule keine blöden Reime mehr vor sich her grölen. Mein Vorschlag: "Blasse Tussi und die sieben Personen kleiner Größe". "Zwerg Nase" käme kürzer weg: "Winzling Zinken".

Bestimmte Wörter sind out. Neger sagt man nicht, Zigeuner sagt man nicht, Zwerg nicht und Krüppel auch nicht. Das ist beleidigend. Aber Krücke sagt man ebenfalls nicht, wie ich erfahren musste. Als ich wegen einer Fußverletzung im Sanitätshaus eine "Krücke" haben wollte, bedeutete mir die Verkäuferin mit spitzer Stimme und hochgezogenen Augenbrauen, dass der Stock (?) Gehhilfe heiße. Mir war es wurscht. Übrigens lache ich auch über Blondinenwitze, obwohl ich auch mal blond war. Zumindest als Kind.

Zurück zur Soße oder Sauce. Die als beleidigend verstandene Charakterisierung ist in anderen Zusammenhängen in vielen Gaststätten bereits der erwähnten politischen Korrektheit gewichen, aus Zigeunerschnitzel und -spießen wurden meistens Balkanspeisen. Kinderschnitzel und Seniorenteller sind geblieben, ebenso wie Bauernfrühstück und Tatarensoße. Aber Bauer ist kein Schimpfwort und Tataren fallen nicht gleich bei uns ein, weil sie sich angegriffen fühlen. So richtig fein sind einige Namen für durchaus beliebte Speisen wirklich nicht, aber niemand regt sich auf: Tote Oma, Nonnenfürzchen oder Fummeln. In Amerikaner wird weiter herzhaft hineingebissen, ebenso in Kameruner oder Berliner oder Wiener. Schwabenleder ist dagegen nicht zum Kauen geeignet, dafür gibt’s aber Penis-Pasta. 

Ich höre jetzt auf mit den blödsinnigen Beispielen, sonst blasen Sie mir noch den Marsch, womöglich den Türkischen. Besinnen wir uns auf die sehr vernünftige Auffassung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, der aus aktuellem Anlass zwar einen kritischen Umgang mit der Sprache befürwortet, vor einer dogmatischen Sprachregelung aber warnt. Deshalb heute für Sie meine ganz persönliche scharfe Soße zu allem Gegrillten. Wie Sie sie nennen, bleibt Ihnen überlassen:

Heidis Grillsoße

Zutaten:

500 g vollreife Tomaten
6 - 8 St  dickfleischige rote Paprika
1 Zwiebel
2 Knoblauchzehen
100 ml trockener Weißwein
1 TL scharfes Senfpulver
1 TL scharfes Paprikapulver
1 TL Paprika edelsüß
½ Bd glatte Petersilie
1 Chilischote
1 TL Thymian oder Bohnenkraut
1 Lorbeerblatt
2 Salbeiblätter
2 EL Olivenöl
Salz, Pfeffer

Zubereitung:

Die Paprikaschoten im heißen Ofen backen, bis die Haut dunkel wird und Blasen wirft. Die Schoten in einem Topf mit Deckel etwas ruhen lassen und dann die Haut abziehen. Stielansatz und Samen entfernen. Das Paprikafleisch in Stückchen schneiden. Die Tomaten blanchieren, enthäuten und ebenfalls in Stückchen schneiden. Zwiebeln und Knoblauch fein würfeln. Thymian bzw. Bohnenkraut, Salbei und Petersilie fein hacken.

Zwiebel- und Knoblauchstückchen in dem Öl andünsten, bis die Stückchen glasig sind. Mit Wein ablöschen, das Lorbeerblatt und die Chilischote zufügen und den Wein fast einköcheln lassen. Die Tomaten- und Paprikastücke zufügen und unter Rühren einkochen. Die frischen Kräuter zufügen und die Soße mit dem Senf- und Paprikapulver, Salz und frisch gemahlenem schwarzen Pfeffer kräftig abschmecken. Noch eine Viertelstunde ziehen lassen. Schmeckt heiß und kalt.

Entspanntes Grillen an den letzten schönen Sommertagen wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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