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Wer kann da schon widerstehen...
Wer kann da schon widerstehen...(Foto: Henry Keßler_pixelio.de)

Tränen der Aphrodite : Zwischen Segen und Fluch

Von Heidi Driesner

Auch die Göttin der sinnlichen Liebe kennt Kummer: Sie weint heiße Tränen um ihren Geliebten Adonis. Ob das alles so stimmt, weiß niemand, denn von uns war schließlich keiner dabei. Doch die verflixten Tränen der Aphrodite sind für die Menschheit Wohl und Wehe zugleich. Grund genug, der Dame mal die Augen zu wischen.

Landauf, landab zermartern sich mehr oder minder kreative Muttis stets vor dem Wochenende die grauen Zellen: Was koche ich denn nun wieder??? Das kommt ganz darauf an, wer sich durchsetzt: Papa mit seinen ständigen Steak-Ambitionen oder die Sprösslinge, die nichts auf dem Teller haben wollen, was mal Vater und Mutter und braune Kulleraugen hatte. Bleibt wieder nur der Geflügel-Kompromiss, weil Hähnchen keine Kulleraugen haben? Zeit für ein wenig Aufwand fürs Essen hat man ja am Wochenende, und weil’s am zurückliegenden so gut mit den Klößen geklappt hat, bleiben wir einfach dabei - nur anders.

Medikamente, Drogen und süße Sachen liefert der Schlafmohn.
Medikamente, Drogen und süße Sachen liefert der Schlafmohn.(Foto: Manfred Brückels cc-by-sa)

Fast unendliche Variationen fürs Kochen und Backen bieten uns kleine blau-graue Körnchen: Mohnsamen. Die meisten von uns dürften Mohn im Kuchen oder auf dem Brötchen kennen, aber Mohn kann mehr. Er passt sehr gut zu Auberginen, Blumen- und Wirsingkohl, grünen Bohnen, Kartoffeln und Zucchini. In herzhaften Gerichten verträgt er sich bestens mit Ingwer, Curry, Koriander, Kreuzkümmel und Safran, in der süßen Küche mit Vanille und Zimt. Mit ein bisschen Mut zum Experimentieren entsteht eine überraschende Geschmacksvielfalt. Röstet man die Mohnsamen vor der Verarbeitung leicht an und zerreibt sie im Mörser, verströmen sie noch mehr Aroma.

Weltweit gibt es zwischen 50 und 120 Mohnsorten; die uns bekanntesten sind der Schlafmohn - der sich auch auf dem Brötchen befindet - und der Klatschmohn, der wild auf Getreidefeldern und Böschungen wächst. Als Lebensmittel, zur Ölgewinnung und in der Pharmazie ist nur der Schlafmohn (Papaver somniferum) von Bedeutung. Leider auch als Unheilbringer: Heute wird der größte Teil des weltweit angebauten Schlafmohns illegal zu Heroin verarbeitet.

Linderung und Verderben nah beieinander

Vor Jahrtausenden war Mohn vor allem ein Mittel zur Schmerzlinderung sowie zur Förderung süßer Träume und natürlich zur Anregung der Libido. Erwähnt wird der Mohn erstmals in einer sumerischen Keilschrift vor über 5000 Jahren - als "Pflanze des Glücks". Im Papyrus Ebers, dem bedeutendsten "Rezeptbuch" des alten Ägypten, finden sich zahlreiche Rezepturen auf Opiumbasis als Betäubung- und Beruhigungsmittel sowie als Aphrodisiakum. Dem griechischen Dichter Theokrit zufolge soll es sich beim Milchsaft unreifer Samenkapseln, aus denen das Opium gewonnen wird, um Tränen der Aphrodite handeln, die ihren toten Geliebten Adonis beweinte. Was dem Kummer der Liebesgöttin entspross, wurde zum Aphrodisiakum. Der botanische Name Papaver somniferum bedeutet schlafbringender Mohn und bezieht sich auf die narkotisierende Eigenschaft seines Milchsaftes. Der berühmteste Arzt des Altertums, der griechische Gelehrte Hippokrates, verwendete bereits den Saft zur Schmerzlinderung. Darin liegt auch noch heute die pharmazeutische Bedeutung von Morphium.

Die Wiege des Opiumgebrauchs stand übrigens nicht wie lange angenommen in Südostasien, sondern eher in unseren Breiten. Bereits in der Jungsteinzeit  wurde hier Mohn angebaut, das beweisen archäologische Funde vom Niederrhein und aus Sachsen.

Zarte Schönheit, aber unbedeutend: Klatschmohn wächst an fast jedem Wegesrand.
Zarte Schönheit, aber unbedeutend: Klatschmohn wächst an fast jedem Wegesrand.(Foto: Mussklprozz cc-by-sa)

Um Missbrauch zu vermeiden, muss heutzutage in Deutschland ein Mohnanbau von über zehn Quadratmeter staatlich beantragt werden, denn Schlafmohn fällt schon seit vielen Jahren unter das Betäubungsmittelgesetz. Da auch die reifen Samen Spuren der Alkaloide enthalten, dürfen in Deutschland nur zwei besonders morphinarme Sorten angebaut werden. Das Gros des hierzulande verarbeiteten Backmohns wird importiert, jährlich etwa 10.000 Tonnen aus der Türkei, Tschechien, Ungarn und Österreich, wobei aufgrund qualitativer Schwankungen unterschiedliche Mengen an Morphin und Codein enthalten sein können. Auch die Art der Mohnpflanze, Erntezeitpunkt und geographische Herkunft könnten die Gehalte beeinflussen. Zudem können durch maschinelle Erntetechniken opiathaltige Kapselbruchstücke und Milchsaft zwischen die Samenkörnchen gelangen.

Kein Brötchen-Rausch

2005 kam es zu einem Zwischenfall mit einem Säugling, dem eine unbedarfte Mutter nach einem alten Hausrezept (Milch mit Honig und Mohn aufkochen) einen Schlaftrunk gemischt hatte. Der aus Australien importierte Mohn hatte eine abenteuerliche Dosis Morphin enthalten und das Baby fiel ins Koma.

Der Milchsaft der unreifen Mohnkapsel liefert das Opium.
Der Milchsaft der unreifen Mohnkapsel liefert das Opium.(Foto: Wikipedia)

Zudem zeigte sich bei Tests, dass selbst 48 Stunden nach dem Verzehr von bis zu drei Stücken Mohnkuchen bei den Probanden im Urin, Blut und Speichel Rückstände nachzuweisen waren wie bei Drogensüchtigen. Für einen Rauschzustand hatte die konsumierte Menge allerdings nicht ausgereicht, aber das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) sah sich in der Pflicht, vor möglichen gesundheitlichen Schäden durch Backmohn zu warnen. Gab es bis dato keinen Grenzwert für den Opiatgehalt von Mohn, legte das BfR nun einen "vorläufigen Richtwert" von höchstens 4 Mikrogramm Morphin pro Gramm fest, abgeleitet von einer angenommenen maximalen täglichen Aufnahmemenge von 6,3 Mikrogramm Morphin pro Kilogramm Körpergewicht. Außerdem stoppten deutsche Firmen den Mohn-Import aus Australien. Produzenten von Mohnfüllungen und Mohngebäck führten eine regelmäßige Morphinkontrolle aller importierten Mohnsaatchargen ein. Mohnbrötchen- und Mohnkuchen-"Süchtige" dürfen jetzt also beruhigt weiteressen: Stiftung Warentest fand bereits 2006 in Mohnprodukten keine gesundheitsschädlichen Morphinwerte - man müsste mehr als sechs Kilogramm vom Kuchen verspeisen, um die gesundheitliche Sicherheitsgrenze zu erreichen.

Übrigens verringert jeder Verarbeitungsschritt - Mahlen, Dämpfen, Trocknen, Backen - eine mögliche Morphinbelastung. Recht drastisch reduzieren lässt sich der Morphingehalt ganz einfach durch das Waschen der Samen mit heißem Wasser. Solange Sie keine Extrakte für Säuglinge gewinnen, können Sie also gefahrlos weiter heiß auf Mohnbrötchen und Mohnkuchen sein - oder auf eine Wiener Spezialität, die allerdings für Ihre Hüften nicht ganz gefahrlos ist:

Germknödel

Zutaten (4 Pers):

250 g Mehl
12 g frische Hefe (Germ)
120 ml Milch
2 Eidotter
200 g Butter
1 EL Kristallzucker
1 TL Vanillezucker
1 Bio-Zitrone
100 g Mohn
100 g Staubzucker
Salz
150 g Pflaumenmus (Zwetschkenmus)

Zubereitung:

Grundsätzlich sollen alle Zutaten Zimmertemperatur haben. Für den Hefeansatz die Hefe mit 1 TL Kristallzucker verrühren und in 80 ml lauwarmer Milch auflösen. 2 EL Mehl darüber stäuben und zugedeckt an einem warmen Ort gehen lassen, bis sich das Volumen verdoppelt hat.

Die Schale einer halbe Zitrone abreiben. Das Mehl mit dem restlichen Kristallzucker, dem Vanillezucker, 1 Prise Salz, den Eigelben, dem Zitronenabrieb und 50 g Butter mit dem Hefeansatz zu einem glatten Teig verkneten. Abgedeckt an einem warmen Ort 45 Minuten gehen lassen. Danach aus dem Teig Kugeln formen, flach drücken und jeweils in die Mitte etwas von dem Mus geben. Den Teig wieder zu runden Knödeln formen, mit der zusammengedrückten Naht nach unten auf ein bemehltes Brett setzen und zugedeckt nochmals 20 bis 30 Minuten gehen lassen.

Den Mohn in einem trockenen Tiegel leicht anrösten und in einem Mörser zerstoßen. Mit dem Staubzucker vermengen und beiseite stellen.

In einem geräumigen Topf (die Knödel brauchen zum Aufgehen viel Platz) Wasser aufkochen und leicht salzen. Die Knödel einlegen, kurz aufkochen lassen und bei geschlossenem Deckel nahe dem Siedepunkt 10 Minuten ziehen lassen. Dann die Knödel umdrehen und auf der anderen Seite nochmals 5 Minuten ziehen lassen. Herausnehmen und sofort mit einem Zahnstocher einige Male einstechen. Damit wird verhindert, dass der Knödel zusammenfällt.

Die restliche Butter zerlassen. Die Germknödel heiß auf Teller legen, mit der Mohnmischung bestreuen, mit der flüssigen Butter beträufeln und rasch servieren. Wem das noch zu wenig Kalorien sind, darf Vanillesauce dazu reichen.

Viel Erfolg wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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