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Das Beruhigungsmittel Contergan war das größte Unglück der Pharmaindustrie.
Ende der 50er Jahre kamen mißgebildete Kinder zur Welt - ohne Arme und ohne Beine.
Die Hände waren an den Schultern angewachsen.
Die Füße wuchsen an winzigen Gliedmaßen.
Mindestens 2500 Jungen und Mädchen in Deutschland waren so geschädigt, mehr als 10.000 weltweit.
Das Medikament war unter der Leitung von Dr. Heinrich Mückter in der Forschungsabteilung der Stolberger Firma Grünenthal entwickelt worden.
Der Wirkstoff Thalidomid war zunächst als Mittel gegen Allergien erforscht worden. Dass es Schlaf bringt, war zunächst nur eine Nebenwirkung, die die Ärzte aber bald als Hauptwirkung ansahen.
Am 1. Oktober 1957 brachte Grünenthal Thalidomid unter dem Namen Contergan in den Handel. Es war in allen Apotheken als Schlaf- und Beruhigungsmittel frei erhältlich.
Es begann ein beispielloser Siegeszug: Contergan eroberte innerhalb von drei Jahren fast die Hälfte des bundesweiten Schlafmittelmarktes. Zwischen Okober 1957 und November 1961 nahmen ca. 5 Millionen Verbraucher 300 Millionen Tagesdosen ein.
Auch international war Thalidomid ein Verkaufsschlager: in 48 Ländern wurden thalidomidhaltige Medikamente vermarktet. Die Herstellerfirma hatte wesentlichen Anteil an diesem Erfolg. Die Werbung versprach die völlige Ungiftigkeit und Unschädlichkeit des Wirkstoffs.
Seit 1959 wurde von Ärzten und Kliniken eine Häufung von furchtbaren Fehlbildungen bei Neugeborenen bemerkt. Da es jedoch kein Meldegesetz für Fehlbildungen gab, blieb das wahre Ausmaß der Katastrophe zunächst im Dunkeln.
Im Spätherbst 1961 äußerten zwei Mediziner, der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz und der australische Gynäkologe William Griffith McBride unabhängig voneinander den Verdacht, dass Thalidomid für die Missbildungen verantwortlich sein könnte.
Seinen Verdacht teilte Lenz (im Bild) am 15. November 1961 dem Forschungsleiter von Grünenthal mit. Er forderte eine sofortige Rücknahme vom Markt. Doch zunächst reagierte der Arzneimittelhersteller nicht.
Erst als ein Zeitungsartikel den Verdacht gegen Contergan publik machte, zog Grünenthal sämtliche thalidomidhaltigen Präparate aus dem Handel. (Foto: Grünenthal Kupferhof)
Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde erst lange nach der Rücknahme klar: Es stellte sich heraus, dass die Einnahme einer einzigen Tablette während der 4. - 6. Schwangerschaftswoche mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Missbildungen führte.
Schaut man sich die Schwarzweiß-Aufnahmen an, glaubt man trotz der anrührenden Tragik den starken Optimismus der Wirtschaftswunder-Zeit zu erkennen.
Eine Lüge, wie Opfer berichten. Als Kinder mussten sie für solche Bilder posieren, erzählt der Contergan-geschädigte Maler und Fotograf Christian Knabe. (Foto: Knabes Hände)
Ob auf dem Spielplatz oder wie hier auf dem Fahrrad - Hauptsache fröhlich. Die Botschaft sollte lauten: Die gedeihende Republik steckt so etwas weg. Es geht vorwärts, auch Behinderte nehmen am Fortschritt teil.
Gegen Grünenthal wurde Ende 1961 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Als im April 1967 Anklage gegen mehrere Verantwortliche des Unternehmens erhoben wurde, ... waren die geschädigten Kinder zwischen fünf und neun Jahren alt.
Der Prozess zählt zu den längsten Verfahren Europas. Die Anklageschrift umfasste knapp 1000 Seiten, mehr als 1200 Zeugen wurden vernommen.
Im Dezember 1970 endete der Prozess mit einem Vergleich. Kein Verantwortlicher wurde damals verurteilt. Im Foto zwei der Angeklagten: Dr. Günther Sievers (2.v.r) und Dr. Heinrich Mückter (rechts).
Grünenthal verpflichtete sich, 100 Millionen Mark an eine Stiftung zu zahlen, die sich um die Opfer kümmerte. Diese Zahlung löste aber sämtliche Ansprüche ab. (Foto: Grünenthal Werkszentrale heute)
Fritz Pleitgen, ein damals noch unbekannter Reporter (1968): "Ich musste damals darüber berichten, und ich habe erlebt wie diese Firma wirklich alles an Rechtsbeistand aufgeboten hat, was in Deutschland Rang und Namen hatte. Das war eine Armada von Rechtsanwälten."
Die Contergan-Katastrophe hatte erhebliche Konsequenzen für das deutsche Arzneimittelrecht. 1976 wurde ein Arzneimittelgesetz verabschiedet, das erstmals ein geregeltes Zulassungsverfahren für neue Medikamente einführte.
Dieses Gesetz trat am 1. Januar 1978 in Kraft. Seit Bekanntwerden des Zusammenhangs von Contergan und den Fehlbildungen bei Neugeborenen waren 17 Jahre vergangen.
Die Contergan-Kinder von einst sind heute Erwachsene. Je nach Schwere ihrer Behinderung erhalten sie bis zu 545 Euro aus dem Opferfonds. Zu wenig, finden die Betroffenen.
Viele von ihnen leiden unter schmerzhaften Folgeschäden. Die einseitigen Belastungen verlangen viel von Muskeln und Knochen, verschleißen früher.
Ein weiteres Problem ist die seelische Erniedrigung. "Ein Contergan-Opfer muss sich mit all seinen Defiziten zeigen, erst als süßes Conti-Kind, dann als Zirkuspferd, das ja soviel schafft ohne Arme und Beine... (im Foto Bettina Eistel, Europameisterin im Dressurreiten)
- man wird bloßgestellt und das Problem wird bagatellisiert", berichtet eine Betroffene. (Symbolbild)
Eines der bekanntesten Contergan-Opfer ist Thomas Quasthoff. Aber auch der Sänger musste bis zu seinem heutigen Ruhm viele Hindernisse überwinden: "Die Musik hat mir über so viel Schlimmes in meinem Leben hinweggeholfen."
50 Jahre nach der Katastrophe geraten die Contergan-Opfer in Vergessenheit. Aber "der Schaden ist nie wirklich gutgemacht worden" klagt der Bund Contergangeschädigter und Grünenthal-Opfer. (Foto: Der contergangeschädigte Anwalt Ashcroft. Alle nicht gekennzeichneten Bilder dpa, AP)
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