Panorama
Dieter K. beim Prozess in Paris.
Dieter K. beim Prozess in Paris.(Foto: dpa)

Kalinkas Tod vor fast 30 Jahren: 15 Jahre Haft für Stiefvater

In Frankreich wird der deutsche Arzt Dieter K. für den Tod der 14-jährigen Kalinka vor fast 30 Jahren nun zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Er soll seine Stieftochter mit Medikamenten betäubt haben, um sie zu vergewaltigen. Der Angeklagte bestreitet die Tat, seine Anwälte wollen Berufung einlegen.

Was genau in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1982 in dem Haus des Arztes Dieter K. in Lindau am Bodensee passierte, wird wohl keiner mehr erfahren. Zwischen 22.30 Uhr und 00.30 Uhr starb in jener Nacht die 14-jährige Kalinka Bamberski, nachdem K. ihr am Abend eine Spritze gegeben hatte. "Vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge" sah ein Pariser Schwurgericht darin und verurteilte den inzwischen 76-Jährigen nun zu 15 Jahren Haft. Zudem soll er insgesamt 400 000 Euro an Hinterbliebene zahlen. Als erschwerende Umstände sah das Gericht die Minderjährigkeit von Kalinka und ihr Abhängigkeitsverhältnis zu Dieter K. an.

Kalinka stirbt 1982 im Haus ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in Lindau am Bodensee unter unklaren Umständen (undatiertes Privatfoto).
Kalinka stirbt 1982 im Haus ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in Lindau am Bodensee unter unklaren Umständen (undatiertes Privatfoto).(Foto: picture alliance / dpa)

Der Anwalt von Dieter K., Yves Levano, kündigte an, sofort Berufung gegen das Urteil einzulegen. "Wir sind enttäuscht, das ist sicher", sagte er. Aber der Fall werde weitergehen. Das Gericht gab Dieter K. für die Berufung zehn Tage Zeit. Die Verteidigung hatte einen Freispruch für den Arzt gefordert.

Vergewaltigt vom Stiefvater?

Die drei Richter und neun Geschworenen folgten mit dem Urteil im Wesentlichen der Staatsanwaltschaft, die 15 Jahre Haft für Dieter K. gefordert hatte. Staatsanwalt Pierre Kramer war in seinem Plädoyer davon ausgegangen, dass Dieter K. geplant habe, seine Stieftochter zu vergewaltigen. Um sie gefügig zu machen, habe er ihr Beruhigungsmittel gespritzt - die Medikamente hätten das Mädchen jedoch getötet. Dieter K. habe sich der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht, ohne dass ein Tötungsvorsatz vorgelegen habe, hatte Kramer in seinem Plädoyer gesagt. Kalinka hatte im Sommer 1982 mit ihrer Mutter Danielle Gonnin im Haus von Dieter K. am Bodensee gelebt. Das Mädchen war an Erbrochenem erstickt und hatte mehrere Einstiche am Arm.

"Das Recht wurde in Erinnerung an Kalinka gesprochen", zeigte sich ihr leiblicher Vater André Bamberski nach dem Urteilsspruch erleichtert. "Nun kann ich endlich um sie trauern". Der weißhaarige Mann, der sich während des dreiwöchigen Prozesses säuberlich Notizen machte, ist überzeugt, dass der Kardiologe seine Tochter durch die Injektion tötete, nachdem er sie vergewaltigt hatte. Der Wunsch, den Arzt endlich für seine Tat büßen zu lassen, war so groß, dass Bamberski K. vor zwei Jahren brutal zusammenschlagen und nach Frankreich entführen ließ. Bamberski muss sich wegen der Entführung noch selbst vor Gericht verantworten.

Entführung nach Frankreich

Grund für seine Tat war, dass die deutsche Justiz das Verfahren 1987 eingestellt hatte, ohne dass es zur Anklageerhebung kam. Das Oberlandesgericht München kam damals als letzte Instanz zu dem Schluss, dass die Spritze nicht zum Tod Kalinkas geführt hatte. Acht Jahre später wurde der Kardiologe dann zwar in Abwesenheit in Frankreich verurteilt, doch Deutschland lieferte K. nicht aus, schließlich hatten schon deutsche Richter über den Fall entschieden. Und ein internationaler Rechtsgrundsatz besagt, dass keiner zweimal für dieselbe Tat verurteilt werden darf.

Kalinkas leiblicher Vater André Bamberski.
Kalinkas leiblicher Vater André Bamberski.(Foto: dpa)

1997 folgte dann aber eine andere Verurteilung in Deutschland: wegen der Vergewaltigung einer 16-Jährigen unter Betäubung erhielt K. zwei Jahre auf Bewährung. K.'s Anwalt Philippe Ohayon betonte aber, 1997 habe "nichts mit 1982 zu tun". Zwar sagten während der Verhandlungen mehrere weitere Frauen aus, dass der Arzt sie ebenfalls vergewaltigt habe, doch eine Vergewaltigung Kalinkas konnte das Gericht daraus nicht ableiten.

Generalstaatsanwalt Kramer räumte am Freitagabend nun ein, dass für eine versuchte Vergewaltigung nicht genügend Beweise vorlägen. Er gehe aber davon aus, dass K. die Absicht gehabt habe, sich an dem Mädchen zu vergehen. 15 Jahre Haft forderte Kramer und sprach von einem "kleinen Lebenslänglich" für einen Mann, der bereits 76 Jahre alt ist.

"Kalinka nie etwas angetan"

Die Verteidigung von Dieter K. hatte im Vorfeld des Prozesses vergeblich argumentiert, dass er widerrechtlich in Frankreich sei und dort nicht für etwas verurteilt werden könne, für das er in seiner Heimat nicht belangt werde. Doch Kalinka war französische Staatsbürgerin - und damit sah sich Frankreichs Justiz zuständig.

Mit zittriger Stimme sprach der Angeklagte am Samstag sein Schlusswort, das nur aus einem Satz bestand: "Ich habe Kalinka nie etwas angetan". Der Mediziner ist noch heute von der Entführung so mitgenommen, dass er sich beim Gehen auf eine Krücke stützt und nur leise spricht. Ein erster Prozess musste im Frühjahr vertagt werden, weil der 76-Jährige einen Schwächeanfall erlitt. Das Urteil nahm er äußerlich gefasst entgegen. Deutlich bewegter reagierte dagegen K.'s Tochter Diana G., die mit Tränen in den Augen ihrem Vater minutenlang die Hand hielt.

Ganz ohne Kommentar verließ die Mutter von Kalinka, Danielle Gonnin, nach dem Urteil den Gerichtssaal. Sie bekam wie ihr Ex-Mann Bamberski 100.000 Euro "moralische Entschädigung" zugesprochen. Dabei hatte die stille Frau mit der runden Brille wohl vor allem eines von dem Prozess erwartet: die Wahrheit. "Ich würde Dir gerne in die Augen schauen und versuchen zu verstehen, was wirklich passiert ist", sagte Gonnin am Donnerstag zu K. Doch die Geschehnisse der Nacht auf den 10. Juli 1982 bleiben auch nach dem Prozess im Dunkeln.

Quelle: n-tv.de

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