Panorama

Studie zu Tschernobyl: 93.000 statt 4.000 Tote

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 20 Jahren hat nach einer Untersuchung der Umweltorganisation Greenpeace weltweit sehr viel dramatischere Folgen für die menschliche Gesundheit als bisher angenommen.

"Neue Studien der Russischen Akademie der Wissenschaften kommen für Weißrussland, Ukraine und Russland alleine auf 270.000 zusätzliche Krebserkrankungen, von denen voraussichtlich 93.000 tödlich enden werden", sagte Greenpeace-Experte Thomas Breuer bei der Vorstellung eines "Tschernobyl-Gesundheitsreports" in Berlin.

Breuer kritisierte zugleich die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO), die lediglich 4.000 Todesfälle erwartet und knapp 50 Todesfälle gezählt hat. Anders als die "verniedlichenden" Angaben der IAEO seien die Schätzungen von Greenpeace realistisch, sagte Breuer. Hinzu kämen Lungen- und andere Krankheiten wie Erbschäden-Übertragungen auf neue Generationen sowie immer noch nicht abschätzbare Todesfälle auch in Westeuropa. Ähnliche Kritik an den Zahlen der IAEO hatte bereits die Ärzte-Vereinigung IPPNW geübt (siehe Link).

"IAEO soll Ausstieg statt Atomkraft fördern"

Wie Greenpeace forderte auch das Freiburger Öko-Institut, weltweit aus der Kernenergie auszusteigen. "Die Bundesregierung soll sich dafür einsetzen, dass die IAEO die Förderung der Atomkraft aufgibt und stattdessen den weltweiten Atomausstieg beaufsichtigt", sagte Breuer.

"Wir verstehen den Atomausstieg gerade jetzt, wo sich Tschernobyl jährt, als eine besondere Mahnung an die nachfolgende Generation", erklärte die Energie-Expertin des Öko-Instituts, Bettina Brohmann. "Eine Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken ist hingegen eine energie- und umweltpolitische Rolle rückwärts." Weder werde dadurch der Strompreis gesenkt noch der Ausstoß des schädlichen Kohlendioxids verringert. Vielmehr seien weder nukleare Entsorgung noch Sicherheitsprobleme wie terroristische Bedrohungen gelöst.

"Unsere Generation hat gesehen, wie diese Katastrophe begann, doch wird sie wohl kaum ihr Ende erleben", heißt es in dem Greenpeace-Bericht. "Die internationale Staatengemeinschaft sollte diesen Unfall zum Anlass nehmen, weltweit aus der Atomenergie auszusteigen." Dann erübrige sich auch der Atomwaffen-Streit mit Iran und Nordkorea.

Bei dem Unglück am 26. April 1986 war der Reaktorblock 4 in Tschernobyl explodiert. Auch weite Teile Deutschlands und weiterer westlicher Staaten waren von dem Unglück betroffen.

Deutliche Kritik an der IAEO

Wie kürzlich die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) griff Greenpeace die IAEO frontal an. Mit der Angabe von zu erwartenden 4.000 Toten habe die UN-Behörde die niedrigste Zahl einer von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) genannten Bandbreite bis 8.900 Tote im Jahr 2005 als Obergrenze verbreitet. "Selbst die IAEO geht in ihren Schätzungen eigentlich von mehr Todesopfern aus, als sie öffentlich erklärt", meinte Breuer. Dazu müsse man das Kleingedruckte ihrer Studie lesen. "Was die Behörde da betreibt, ist bewusste Verharmlosung."

Quelle: n-tv.de

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