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Die politische Aufarbeitung der Missbrauchsfälle hat gerade erst begonnen.
Die politische Aufarbeitung der Missbrauchsfälle hat gerade erst begonnen.(Foto: REUTERS)

Missbrauch und Vertuschung: Acht Rotherham-Täter stehen vor Gericht

Von Solveig Bach

Tausendfache Vergewaltigungen, systematisch operierende Banden - der Missbrauchsskandal von Rotherham sprengt jede Vorstellung. Der Name der Stadt steht für die organisierte sexuelle Ausbeutung von Kindern unter den Augen der Behörden.

Die Vorgänge begannen wohl in den 1990er Jahren. Junge Männer machten sich an Teenager aus schwierigen sozialen Verhältnissen heran, um sie zunächst mit kostenlosen Drogen, Alkohol, Handys oder auch vorgespielter Liebe in Abhängigkeit zu bringen. Später wurden die Mädchen dann auch anderen Männern überlassen, um sie schließlich gezielt an Freier weit über Rotherham hinaus zu verkaufen. Ein unabhängiger Untersuchungsbericht belegt, dass die jüngsten Opfer erst elf Jahre alt waren. Wenn die Opfer ausbrechen wollten, wurden sie und ihre Familien massiv bedroht.

Die Wissenschaftlerin und Sozialarbeiterin Alexis Jay spricht in ihrem Bericht vom August 2014 von "grooming", dem systematischen Heranziehen der Mädchen zu Sexsklavinnen. Sie hat mit vielen Opfern Interviews geführt. Bei den verübten Taten handelte es sich um Entführung, Vergewaltigung, sexuellem Missbrauch, Menschenhandel und Prostitution.

Die Täter unterbanden systematisch den Kontakt zu den Herkunftsfamilien, bis die Opfer nur noch soziale Beziehungen zu ihnen unterhielten. Es regierten Brutalität und Angst. Nachdem die Vorwürfe ans Licht kamen, berichteten Opfer, sie seien mit Benzin übergossen worden. Hätten sie nicht gehorcht, wären sie angezündet worden. Andere wurden mit vorgehaltenen Waffen bedroht, Geschwister wurden entführt oder zusammengeschlagen.

Klassendenken und politische Korrektheit

Diese Vorgänge blieben den örtlichen Sozialarbeitern keineswegs verborgen, zumal viele der Opfer wegen ihrer prekären Lebensverhältnisse in der Obhut der Behörden waren. Entsprechende Berichte an die jeweiligen Vorgesetzten wurden jedoch heruntergespielt und unterdrückt. Wer allzu nachdrücklich auf die Missstände hinwies, wurde zum Schweigen gebracht. Aus den Jahren 2002, 2003 und 2006 liegen trotzdem Untersuchungsberichte vor, die das Ausmaß der Vorgänge mehr als ahnen lassen. Aber der massenhafte Missbrauch ging weiter, ohne dass die Behörden etwas unternahmen.

Das könnte nicht nur daran gelegen haben, dass die meisten der Opfer aus Problemfamilien stammten. Offenbar versagten die Behördenmitarbeiter auch, weil sie fürchteten, als "rassistisch" oder "islamophob" zu gelten. Denn die meisten Täter waren pakistanischer Abstammung. Würde man dies aussprechen, so die Befürchtung, könnte dies fremdenfeindliche Vorurteile nähren und den Zusammenhalt der Gemeinschaft gefährden. So wurden die Vorgänge weiter vertuscht. Nicht einmal mit der pakistanischen Gemeinde in der Stadt nahmen die Ratsmitglieder Kontakt auf. Man hoffte, das Problem würde sich von selbst erledigen. Doch das tat es nicht.

Stattdessen schüchterten Polizisten Vergewaltigungsopfer ein, Anzeigen wurden nicht aufgenommen. Bei Razzien wurden minderjährige Mädchen festgenommen, nicht aber deren Zuhälter. Jay zitiert eine 16-Jährige, die eine Vergewaltigung anzeigen wollte und auf dem Polizeirevier gefragt wurde: "Und was soll ich da jetzt machen?" Ein Opfer lieferte eine Liste mit 250 Namen von Männern bei der Polizei ab, die sie regelmäßig missbraucht hatten. Es geschah nichts.

Eine junge Frau fasste ihre Erfahrungen so zusammen: "Mir haben diese Verbrecher gesagt, ich solle mich damit abfinden, was mit mir passiert, so sei nun mal das Leben und ich sei völlig wertlos - als ich mich bei der Polizei gemeldet habe, da haben mir die Beamten das gleiche gesagt - und ich hab mir gedacht, vielleicht bin ich einfach wirklich zu empfindlich." Nicht einmal die Tatsache, dass laut britischen Medienberichten etwa 100 Kinder nach den Vergewaltigungen minderjähriger Mädchen geboren wurden, änderte daran etwas.

Gewaltiger Verbrechenskomplex

Erst 2010 wurde eine fünfköpfige Bande wegen Kindesmissbrauchs zu langen Haftstrafen verurteilt. Auch wenn der systematische Missbrauch selbst nach diesem Prozess weiter ging, ließen sich die Vorgänge in Rotherham kaum noch verbergen. Ein Journalist der "Times" begann in der früheren Zechenstadt zu recherchieren und konnte kaum glauben, was er dabei zu Tage förderte. Als Folge der "Times"-Recherchen, die 2012 veröffentlich wurden, wurde bei Jay eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben, die schließlich im August 2014 das ungeheuerliche Ausmaß der sexuellen Ausbeutung von Kindern in Rotherham belegte. Aus zunächst 58 vermuteten Opfern ist inzwischen die bestätigte Zahl von mindestens 1400 geworden. Die meisten sind Mädchen.

Im Juni teilte die zuständige Ermittlungseinheit bei der National Crime Agency mit, es werde Jahre dauern, alle Fälle aufzuklären. Bisher seien 300 Verdächtige identifiziert worden, die Zahl der möglichen Täter wachse jeden Tag. Man gehe von Tausenden von Straftaten aus.

Ab Montag stehen acht Angeklagte aus der Grafschaft Yorkshire vor einem Gericht in Sheffield. Den  sechs Männern und zwei Frauen werden Sexualverbrechen an unter 16-jährigen Kindern und Jugendlichen vorgeworfen, die sie zwischen 1998 und 2002 begangen haben sollen. Die Anklage listet 74 Punkte an 14 Opfern auf. Mindestens acht Wochen soll der Prozess dauern. Nach Jahren des Wegsehens und Schweigens, in denen organisierte Banden gezielt Jagd auf gefährdete Kinder machen konnten, ist die neue Linie: Kein einziger Täter soll davonkommen. Auch wenn die Taten zum Teil Jahre zurückliegen und nur noch schwer aufzuklären sein dürften.

Quelle: n-tv.de

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