Panorama

Bahn will Notbremssystem ausbauenAlle Unglücksopfer identifiziert

01.02.2011, 16:40 Uhr
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Die eingleisige Strecke zwischen Magdeburg und Halberstadt ist wieder befahrbar. (Foto: dpa)

Beim Zusammenstoß eines Güter- und eines Regionalzuges in Sachsen-Anhalt sind vier Frauen und sechs Männer ums Leben gekommen. Alle Opfer sind mittlerweile identifiziert. Nach einem Bericht soll der Lokführer des Güterzuges zwei Haltesignale ignoriert haben. Bahnchef Grube verspricht derweil den Ausbau eines Notbremssystems.

Nach dem Zugunglück in Sachsen-Anhalt will die Bahn beschleunigt eingleisige Strecken mit einem automatischen Notbremssystem ausrüsten. "Wir möchten als Deutsche Bahn diese Strecken entsprechend ausstatten. Und dafür nehmen wir auch Geld in die Hand", sagte Bahnchef Rüdiger Grube in der ARD. Auf der Unglücksstrecke war der Ausbau des Sicherheitssystems ab März geplant. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer hatte der Bahn nach dem Unfall eine falsche Investitionspolitik vorgeworfen.

Grube betonte, die Trasse entspreche aber auch so den Vorschriften. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konzentrieren sich auf den Lokführer des Güterzuges, der auf der Strecke frontal mit einem Regionalzug zusammengeprallt war. Nach einem Bericht des Verkehrsministeriums hat er offenbar zwei Signale ignoriert und auch noch per Funk einen Stopp-Auftrag erhalten.

Alle Opfer identifiziert

Inzwischen sind alle zehn Todesopfer des Unglücks in der Nähe von Hordorf bei Oschersleben identifiziert. Es handele sich um vier Frauen und sechs Männer, teilte die Polizei in Magdeburg mit. Neun Opfer kommen aus dem Landkreis Harz. Hinzu kommt der 35 Jahre alte Lokführer des Personenzugs, der aus Schwerin stammt. Das jüngste Todesopfer ist ein zwölfjähriges Mädchen, bei dem ältesten Opfer handelt es sich um einen 74-Jährigen.

Dem Bericht des Ministeriums zufolge wurden 18 Reisende schwer und 25 leicht verletzt. Sieben Verletzte werden noch im Krankenhaus behandelt, davon sind zwei in weiterhin kritischem Zustand. Darunter ist eine Zehnjährige, sie ist die Schwester der toten Zwölfjährigen. Auch die Mutter der beiden Mädchen und deren Lebensgefährte kamen ums Leben. Der Lokführer des Güterzugs erlitt nur leichte Verletzungen. Sein Zug der Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter war mit Kalk beladen.

Trauerfeier am Samstag

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Der Harz-Elbe-Express bringt die Pendler zur Arbeit. (Foto: dapd)

Für die Todesopfer wird es an diesem Samstag im Halberstädter Dom eine Trauerfeier geben. Dies hätten die Landesregierung, der Landtag sowie die evangelische und die katholische Kirche vereinbart, teilte die Staatskanzlei in Magdeburg mit. Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und Regierungschef Wolfgang Böhmer wollten der Opfer gedenken und den Helferinnen und Helfern für ihren Einsatz danken. Im Hauptbahnhof in Halberstadt liegt ein Kondolenzbuch aus. Drei Tage nach dem Zusammenprall fuhren auf der Strecke Magdeburg-Halberstadt wieder die ersten Züge des Harz-Elbe-Expresses (HEX).

Die Strecke durfte in dem eingleisigen Abschnitt nur mit maximal 100 Stundenkilometern befahren werden. Daher war dort auch das automatische Bremssystem PZB (Punktförmige Zugbeeinflussung) nicht vorgeschrieben. Das System sorgt dafür, dass ein Zug bei Überfahren eines Stopp-Signals automatisch gebremst wird. In Ostdeutschland gibt es besonders viele eingleisige Strecken, da die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Zone die zweiten Gleise demontierte und als Reparation auf ihrem Territorium wieder einsetzte.

Zwei Signale ignoriert

Ein erster Bericht des Verkehrsministeriums zum Zugunglück verstärkt den Verdacht gegen den Lokführer, gegen den die Staatsanwaltschaft Magdeburg bereits wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und der Gefährdung des Bahnverkehrs ermittelt. Demnach habe der Güterzug bei er Einfahrt auf den eingleisigen Abschnitt sowohl das Einfahrvorsignal "Halt erwarten" als auch das anschließende Halt zeigende Hauptsignal ignoriert.

Der Fahrdienstleiter des Stellwerks Hordorf hat laut dem Bericht ausgesagt, dass er noch einen Nothalteauftrag per Zugfunk abgegeben habe. Nach erster Auswertung des Fahrtenschreibers habe der Fahrzeugführer des Regionalzuges diesen noch von fast 100 Stundenkilometer auf 66 Stundenkilometer beim Zusammenprall abgebremst. Ob der Güterzug ebenfalls gebremst habe, sei noch unklar. Er sei nach dem Zusammenstoß nach 500 Metern zum Stehen gekommen, heißt es in dem Bericht.

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Ein Holzkreuz erinnert an die Opfer. (Foto: dpa)

Aus dem Bericht geht ferner hervor, dass bei Überprüfung des Stellwerks festgestellt wurde, dass Weichen und Signale auf den Vorrang des Personenzugs gestellt waren. Am Güterzug seien keine technischen Mängel beobachtet worden. Die Salzgitter AG bestätigte unterdessen Informationen der "Bild"-Zeitung, wonach der Güterzug mit zweistündiger Verspätung unterwegs war. "Das ist ein normaler Vorgang, der mit der DB Netz abgestimmt war", sagte Konzernsprecher Bernd Gersdorff.

Die Staatsanwaltschaft in Magdeburg zeigte sich erstaunt über den Bericht des Bundesministeriums. "Es befremdet uns ein wenig, dass Ergebnisse bekanntgegeben werden, die den Ermittlungsbehörden noch nicht vorliegen", sagte Behördensprecherin Silvia Niemann. Indizien deuteten aber darauf hin, "dass es so gewesen sein könnte".

Minister: Ermittlungen abwarten

Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre warnte vor voreiligen Spekulationen. Bei solch einem schweren Unglück sollte man sich zurückhalten und "abwarten, bis die Unfallursache eindeutig von der Staatsanwaltschaft bekanntgegeben wird", sagte Daehre im MDR. Die Staatsanwaltschaft sei "sehr zurückhaltend" in ihren Äußerungen. Sie spreche lediglich von einem Anfangsverdacht gegen den Lokführer des Güterzuges und dem "mutmaßlichen Überfahren eines Haltesignals".

Grube sagte, er habe bereits eine Untersuchung aller kritischen Bahnstrecken in Auftrag gegeben. "Da ist Handlungsbedarf. Und ich meine, wir sollten hier einen Schlag zulegen und diese Schwachstellen so schnell wie möglich beseitigen." Grube rechnet mit einem schnellen Beginn der Sicherheitsmaßnahmen, die die Bahn selbst finanzieren will. "Sobald das Ergebnis feststeht, werden wir von uns aus ein Programm auf die Schiene setzen, da werden wir gar nicht auf Bundesministerien warten." Investitionen in das Schienennetz werden normalerweise im Wesentlichen vom Bund bezahlt, wenn sie auch vom Netz-Eigentümer DB in Auftrag gegeben und umgesetzt werden.

Den Angehörigen sagte das Bahnunternehmen Veolia Verkehr seine Unterstützung zu. Der verunglückte Harz-Elbe-Express ist ein Tochterbetrieb von Veolia Verkehr in Sachsen-Anhalt. Nach einem Besuch der Unglücksstelle sicherte die Geschäftsleitung zu, "den Angehörigen der Todesopfer unbürokratisch und kurzfristig Unterstützung zukommen zu lassen, um ihnen über die erste sehr schwere Zeit hinweg zu helfen".

Quelle: rts/dpa/AFP