Vorwurf KindesentführungAnklage gegen US-Bürger in Haiti

Gegen die in Haiti inhaftierten US-Bürger wird Anklage wegen Entführung Minderjähriger und Bildung einer kriminellen Gruppe erhoben. Die Zahl der Toten steigt nach dem Beben derweil weiter: Die Regierung spricht von mehr als 200.000 Opfern.
Gegen die zehn in Haiti inhaftierten US-Bürger ist Anklage wegen Kindesentführung erhoben worden. Sie seien wegen der Entführung Minderjähriger und der Bildung einer kriminellen Gruppe angeklagt, teilte ihr Anwalt Edwin Coq in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince mit. US-Außenministerin Hillary Clinton hatte zuvor von einer "unglücklichen" Angelegenheit gesprochen. Bei den Verdächtigen handelt es sich um eine Gruppe von US-Baptisten, die 33 haitianische Kinder im Alter zwischen zwei Monaten und 14 Jahren ohne Genehmigung außer Landes bringen wollten. Sie wurden vor knapp einer Woche an der Grenze zur Dominikanischen Republik festgenommen.
Die US-Organisation New Life Children's Refuge betonte die guten Absichten ihrer Mitglieder. Die Kinder seien nach dem Erdbeben vor rund drei Wochen Waisen geworden oder auf sich gestellt. Inzwischen stellte sich allerdings heraus, dass viele der Kinder noch Eltern oder Angehörige haben.
Clinton hatte vor der Anklageerhebung in Washington gesagt, ungeachtet der Beweggründe der US-Bürger sei es bedauerlich, dass die Gruppe in diese Sache verwickelt sei. Die US-Regierung rede mit den haitianischen Behörden darüber, welche Maßnahmen angemessen seien.
Mehr als 200.000 Tote
Mehr als drei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben hat die haitianische Regierung derweil die Zahl der Todesopfer erneut nach oben korrigiert. Jüngsten Schätzungen zufolge kamen über 200.000 Menschen ums Leben, teilte Premierminister Jean-Max Bellerive in Port-au-Prince mit. Darin seien aber noch nicht die Opfer enthalten, die noch immer unter den Trümmern liegen oder die bereits von ihren Verwandten bestattet worden sind. Unterdessen gewannen die Vereinten Nationen den früheren US-Präsidenten Bill Clinton als Chefkoordinator aller Hilfen für das vom Erdbeben zerstörte Land.
Clinton "wird die Soforthilfe und den langfristigen Wiederaufbauprozess strategisch führen", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Er habe ihn gebeten, die Aufgabe zu übernehmen, "und Clinton hat zugestimmt", erklärte Ban. Clinton war schon vor der Erdbeben-Katastrophe als UN-Sondergesandter für Haiti tätig. In diplomatischen Kreisen in New York hieß es, er sei der ideale Mann für den Posten, weil er sowohl die Erfahrung aus den Jahren im Weißen Haus als auch das Ansehen als etablierter UN-Repräsentant mit sich bringe.
Das Erdbeben der Stärke 7,0 hatte Port-au-Prince und Gebiete westlich der Hauptstadt am 12. Januar zerstört. Über eine Million Menschen wurden obdachlos. Die Regierung in Port-au-Prince geht davon aus, dass mehr als 300.000 Menschen verletzt wurden. Etwa 4000 von ihnen seien Gliedmaßen amputiert worden. Hilfsorganisationen hatten die Zahl der Amputierten zuvor bereits auf 6000 geschätzt. Die tatsächliche Zahl der Toten und Verletzten wird sich nach Meinung von Experten allerdings nie ermitteln lassen.
Noch immer Probleme bei Hilfe
Nach Angaben von UN-Generalsekretär Ban ist der Aufbau von Notunterkünften jetzt das Wichtigste, da in der Region der Beginn der Regenzeit erwartet werde. UN-Angaben zufolge haben bisher 10.000 Familien Zelte und weitere 15.000 große Planen erhalten. 15.000 Zelte lägen bereit zum Verteilen und 40.000 seien auf dem Weg. Laut Ban wird Ex-Präsident Clinton schon am Freitag nach Haiti fliegen, um seine neue Rolle zu übernehmen. Darüber hinaus werde er wie bisher nach Sponsoren suchen, die das schon vor dem Erdbeben ärmste Land der westlichen Hemisphäre beim Aufbau unterstützen.
Unterdessen mehren sich Proteste von Erdbebengeschädigten, die bei der Verteilung von Hilfsgütern bislang leer ausgingen. Sie werfen der haitianischen Regierung vor, nichts zur Linderung ihrer Not unternommen zu haben. Im Stadtteil Petionville demonstrierten etwa 300 Menschen vor dem Rathaus und beschuldigten die Bürgermeisterin, Lebensmittelgutscheine der ausländischen Hilfsorganisationen verkauft zu haben statt sie gratis abzugeben.