Panorama

Neuseelands großer ZigarettenraubAnti-Raucher-Kampf hat blutige Folgen

23.04.2016, 12:20 Uhr
imageVon Julian Vetten, Auckland
7328571
In solchen Stahlschränken lagern die versteckten Schätze. (Foto: Kirk Hargreaves)

Wer in Neuseeland rauchen möchte, muss entweder reich oder verzweifelt sein: Umgerechnet stolze 30 Euro muss man hier für ein Päckchen Tabak berappen. Doch die Rechnung der Regierung geht nicht auf: Statt mit dem Qualmen aufzuhören, lösen die Kiwis das Problem anders.

Anfang Januar hat die neuseeländische Regierung die Steuern auf Tabak das vierte Jahr in Folge um zehn Prozent erhöht und damit ganz offiziell Australien als teuerstes Land für Raucher weltweit abgelöst. Zwischen 46,50 und 50 Neuseeland-Dollar kostet ein 30-Gramm-Päckchen Tabak mittlerweile - umgerechnet rund 30 Euro. In Deutschland, bekanntermaßen auch nicht gerade ein Mekka für Raucher, bekäme man dafür ganze sechs Packungen Drehtabak. Der perfekte Grund also, mit dem Qualmen aufzuhören? Von wegen: Weil Menschen eben Menschen sind, gibt es in Neuseeland jetzt einen ganz neuen Berufszweig - den professionellen Zigarettenräuber.

Ganze zehn Tankstellenüberfälle innerhalb von nur wenigen Wochen gab es alleine im März in Manukau, einer Gemeinde im südlichen Speckgürtel von Auckland. Eine enorme Zahl in dem sonst so harmlosen Land: Die Tageszeitungen überschlagen sich mit Berichten über die immer brutaleren Raubzüge, das Thema ist mittlerweile ein echtes Politikum. Die Vorgehensweise der Räuber ist dabei fast immer gleich: Maskiert dringen sie zu zweit oder dritt in die Tankstelle ein, überwältigen den Kassierer mit einem Brecheisen oder einem Wagenheber, klauben den Schlüssel zum Tabakschrank aus den Taschen des Bewusstlosen und machen sich mit ihrer Beute davon. Die im Geschäftsbetrieb regelmäßig geleerten Kassen lassen die Täter dabei meistens links liegen.

"Wir wissen, dass Zigaretten im Fokus der Überfälle stehen und dann günstig auf dem Schwarzmarkt angeboten werden", sagt die Polizeisprecherin von Manukau, Karen Bright. Wobei günstig natürlich eine Frage der Perspektive ist - eine Packung Tabak kostet selbst unter der Hand noch 25 Neuseeland-Dollar. Der Vertriebsweg ist denkbar simpel: Die Räuber bieten ihre Ware in einschlägigen Online-Foren oder im erweiterten Bekanntenkreis an, während die Gewitzteren unter ihnen das Deep Web für ihre Geschäfte nutzen - in Neuseeland steht Tabak dort gleichberechtigt neben Crystal, Crack und Ecstasy.

Acht Millionen Dollar für Sicherheitskameras

Eine extra ins Leben gerufene Task Force soll den Überfällen und dem Schmuggel zwar nun Einhalt gebieten, noch lassen die Erfolge allerdings auf sich warten: Schwarzmarktähnliche Verhältnisse sind in Neuseeland ein relativ neues Phänomen, das Land ist in der Hinsicht so gut wie jungfräulich. Etwas weiter ist man dafür bei der Suche nach den Gründen für die plötzliche Beule in der Kriminalitätsstatistik: "Es gibt zwar deutlich weniger Raucher als noch vor einigen Jahren - aber die, die heute noch am meisten rauchen, kommen aus ärmeren Gegenden und können sich die Mondpreise schlichtweg nicht leisten", sagt Professor Greg Newbold, der an der Universität von Canterbury Kriminalistik lehrt und sich eingehend mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

Was sich legal nicht zu vernünftigen Preisen erwerben lässt, wird eben auf anderen Kanälen besorgt, ist sich der Professor sicher - "ganz egal, ob es dabei um Zigaretten, Drogen oder Autos geht." Zwar rüsten Tankstellenbesitzer sicherheitstechnisch momentan ganz gewaltig auf, den anhaltenden Trend können aber selbst die acht Millionen Neuseeland-Dollar nicht stoppen, die alleine die Tankstellenkette Z Energy in ein ehrfurchtgebietendes Dickicht an Überwachungskameras steckt.

Der Trend zur gewalttätigen Beschaffungskriminalität lässt daher auch kritische Stimmen zum steuergeführten Anti-Raucher-Kampf der Regierung laut werden, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wären: "Bei uns passiert gerade dasselbe wie vor einigen Jahren in Australien, als dort die Steuern massiv angehoben wurden", sagt Jordan Williams, Chef der Union der Steuerzahler. "Und was da drüben passiert ist, war wirklich schlimm. Wir brauchen dringend einen anderen Denkansatz, denn hohe Steuern halten die Menschen nicht vom Rauchen ab - sie fördern nur das Schlimmste in ihnen zutage." Ob Williams' Argumente die neuseeländische Regierung überzeugen können, darf allerdings bezweifelt werden: Beim Thema Rauchen ist Premier John Key ein echter Hardliner - bis 2025 will er sein Land komplett rauchfrei haben, Qualmen stünde dann sogar unter Strafe. Die Zigarettenhehler dürften sich schon die Hände reiben.

Quelle: ntv.de

NeuseelandRauchen