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Ein Crystal-Fund aus Bayern.
Ein Crystal-Fund aus Bayern.(Foto: picture alliance / dpa)

Einsam und leer: Auf Crystal an den Rand des Abgrunds

Von Solveig Bach

Methamphetamin ist verhältnismäßig billig, leicht zu beschaffen und wirkt unglaublich schnell. Doch eine fröhlich feiernde Masse auf Crystal lässt die psychotisch und abhängig gewordenen Konsumenten allzuleicht vergessen.

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"Es war schrecklich, mir selbst zuzusehen, wie ich langsam Stück für Stück verschwand. Es gab nichts, was mein Leben machen konnte, um mich von der Droge wegzubringen." 15 Jahre lang war Mara S. Crystal-abhängig, ob ihre jetzige Therapie sie wirklich von der Droge wegbringen kann, ist noch nicht entschieden. Zu sehr haben die transparenten Methamphetamin-Kristalle ihr Leben bestimmt.

Auch wenn Crystal Meth im aktuellen Drogenbericht der Bundesregierung eher am Rande bei den Fallbeispielen erwähnt wird, halten es Suchtmediziner für eine der gefährlichsten Drogen, die illegal zu haben ist. Roland Härtel-Petri arbeitet als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie schon seit Ende der 1990er-Jahre mit Crystal-Abhängigen. Ins Bezirkskrankenhaus Bayreuth, wo er die Abteilung für klinische Suchtmedizin leitete, kamen immer mehr Menschen, die die preisgünstige synthetische Droge probiert hatten und innerhalb kürzester Zeit abhängig geworden waren.

Im Gespräch mit n-tv.de beschreibt Härtel-Petri die klassische Crystal-Klientel als "Menschen, die meist mit unserer Leistungsgesellschaft durchaus identifiziert sind. Am Wochenende wollen sie maximal schnell abschalten und Spaß haben, aber auch in den Cliquen, in denen sie unterwegs sind, besondere Leistung erbringen. Sie wollen besonders lange wach bleiben, besonders viel saufen und besonders viel Sexualität haben."

Dafür scheint die Droge, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aus Tschechien vor allem nach Sachsen, Thüringen und Bayern schwappte, ideal. Alles macht plötzlich wahnsinnig viel Spaß; Müdigkeit, Hunger und Schmerz sind wie weggeblasen. Doch sobald die Droge nicht mehr wirkt, fallen die Konsumenten in ein tiefes Loch. Gegen die "chemisch erzeugte Fantasiewelt", wie Mara S. ihr Leben mit der Droge in dem Buch "Crystal Meth - Wie eine Droge unser Land überschwemmt" beschreibt, wirkt jedes normale Glück fade. Crystal "gibt dir für einen Moment alles, dann nimmt es dir bis in alle Ewigkeit alles".

Anfangs kann Mara ihren Konsum noch steuern, nimmt tagelang nichts, geht weiter zur Schule. Doch mit der Zeit werden ihre Eltern stutzig, ihre Tochter schläft nächtelang nicht, der Freundeskreis verändert sich. Da ist die Spirale schon nicht mehr aufzuhalten, Mara ist ein "Druffie", wie sie sich selbst bezeichnet. Wie schnell das geht, hat auch Härtel-Petri immer wieder beobachtet. Wegen der extremen Fallhöhe trete die psychische Abhängigkeit bei Crystal sehr schnell ein. "Das berichten ganz viele, eigentlich war ich beim ersten Mal drauf, ich wollte das immer wieder haben."

Gewaltige Gewinnmargen

Anders als andere Drogen kann Crystal praktisch überall in Laboren hergestellt werden. Batteriesäure, Farbverdünner oder Abflussreiniger sind die Grundlage für das kristalline Methamphetamin. In Tschechien kostet die Herstellung von einem Gramm Crystal gerade mal 12 Euro. Auch die Preise für Käufer sind im Vergleich zu anderen Drogen günstig. In Tschechien zahlen Konsumenten etwa 40 Euro für ein Gramm, in Deutschland kostet die gleiche Menge zwischen 60 und 120 Euro. Die Preise steigen, je weiter man sich von der Grenze entfernt.

Das Buch ist im Riva-Verlag erschienen und kostet 16,99 Euro.
Das Buch ist im Riva-Verlag erschienen und kostet 16,99 Euro.

2009 beschlagnahmten deutsche Sicherheitsbehörden 7,2 Kilogramm Crystal, 2013 waren es bereits rund 77 Kilo. Von diesen Entwicklungen fühlte sich selbst die Drogenbeauftragte Marlene Mortler gedrängt, bei der Vorstellung des diesjährigen Suchtberichts auf die wachsende Ausbreitung der Droge hinzuweisen. Bisher galt das Rauschgift vor allem als Problem des deutsch-tschechischen Grenzgebiets. Die Drogenberatungsstellen auch in deutschen Großstädten berichten jedoch schon länger von sich häufenden Crystal-Fällen. Noch ist es vielleicht kein flächendeckendes bundesdeutsches Problem, doch das könnte es schneller werden, als allen lieb sein kann.

Härtel-Petri verfolgt geradezu erleichtert, dass sich in der Wahrnehmung der Droge etwas zu verändern beginnt. Die heutige Elterngeneration habe oft in ihrer Jugend Erfahrungen mit Drogen gemacht, mal einen Joint geraucht oder auch Ecstasy geschluckt und das überstanden, ohne süchtig zu werden. "Diese Erfahrungen wurden auf die Crystal-User übertragen. Aber das ist eine völlig andere Konsumform, eine völlig andere Substanz, deren Gefahr oft total unterschätzt wird."

Gefühle sterben

"Crystal macht einsam. Crystal macht leer", sagt Mara S, über die Droge, die sie jahrelang "verarscht" hat. Sie raubte Häuser aus, um die nächste Drogendosis zu bezahlen, Freunde waren die Menschen, bei denen sie unterkam und Crystal nehmen konnte. Schließlich bestimmte Crystal ihr ganzes Leben.

Die Droge greift Zellverbände an, die Dopamin und Serotonin als Transporter haben, wichtige Stoffe für die menschliche Emotionsregulation. Wer Crystal nimmt, wird gefühlskalt. "Konsumenten können ihre eigenen Gefühle und auch die anderer Menschen nicht mehr wahrnehmen. Langfristig verlieren sie ihre Erziehungs- und Beziehungsfähigkeit und können sich auch nur in Subkulturen bewegen, in denen alle so sind", sagt Härtel-Petri. In der Therapie dauert es Monate, wenn nicht Jahre, bis sie wieder ihre normale Motivation, ihre normale Freudefähigkeit und ihr normales Selbstbewusstsein erlangen.

Gegen das fehlende Motivations- und Glückgefühl kann man nur schwer gegenhalten, hat Härtel-Petri immer wieder beobachtet. "Durch die Chemie ist im Hirn etwas abgestorben, und die Menschen sind jetzt deutlich schlechter gestellt als die Normalbevölkerung, was die Stimmung, die Emotionen, die Fähigkeit, sich zu regulieren angeht." Von körperlichen Nachwirkungen wie Zahnausfall, Hautentzündungen, Magenproblemen, Herz-Rhythmus-Störungen, Organblutungen oder Gehirnschäden ist da noch nicht die Rede.

Mara S. wäre beinahe an einem Magendurchbruch gestorben, den Entzug danach hat sie trotzdem nicht durchgehalten. Ob es diesmal klappen wird, kann niemand sagen. Studien zu Therapiekonzepten und -erfolgen in Deutschland fehlen noch völlig. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen wies jedoch schon im vergangenen Jahr darauf hin, dass Crystal in besonders fataler Weise zu den "Immer schneller, immer länger"-Anforderungen der Gesellschaft passe. Und schlussfolgerte daraus: "Wenn sich am Konsumverhalten junger Menschen etwas ändern sollte, dann muss sich auch die gesellschaftliche Bewertung und Darstellung von Erfolg und Misserfolg, von Arbeit und Freizeit, von Leistung und Leistungsgerechtigkeit wandeln."

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Quelle: n-tv.de

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