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Fühlen Kinder sich sicher, können sie überall schlafen.
Fühlen Kinder sich sicher, können sie überall schlafen.(Foto: imago/Westend61)
Sonntag, 03. Juli 2016

Ruhige Nächte mit Kindern: "Beim Schlaf geht es nicht um Erziehung"

Das Leben mit Kindern ist anstrengend, dafür braucht man Kraft und die sammelt man im Schlaf. Doch an dem mangelt es seit der Geburt des Nachwuchses. Bei vielen Eltern dreht sich irgendwann alles um das leidige Schlaf-Problem und wie man es lösen kann. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und vierfacher Vater, kennt das Problem und seine Unlösbarkeit. Aber es bringe nichts, den Kindern Unmögliches abzuverlangen.

n-tv.de: Eltern würden sagen, Babys schlafen immer nur ganz kurz und niemals, wenn sie sollen. Sie haben sich den Kinderschlaf grundsätzlich angesehen. Was sagen Sie?

Herbert Renz-Polster: Kinder haben ein an ihre Entwicklungsbedürfnisse angepasstes Schlafverhalten. Sie schlafen wie Babys, nicht wie der Opa und auch nicht, wie wir uns das wünschen. Sondern sie schlafen so, wie das für ihre Entwicklung am besten ist. Mit diesem Schlafprogramm sind sie von Natur aus ausgestattet. Als Eltern kommen wir oft in Stress, weil wir den Schlaf als Erziehungsfeld sehen. Dahinter steht die Sichtweise: Wenn wir das Kind dazu bringen, so oder so zu schlafen, dann macht es einen Entwicklungsschritt. Das ist aber falsch.

Was ist daran falsch?

Es geht gar nicht um Erziehung oder darum, dass die Kinder möglichst schnell ein bestimmtes Verhalten erlernen, sondern es geht darum, als Eltern die Zeit zu überstehen, während die Kinder ihr Babyding machen.

Was ist denn das Babyding beim Schlafen?

Herbert Renz-Polster gilt als eine der profiliertesten Stimmen in der Erziehungsdebatte.
Herbert Renz-Polster gilt als eine der profiliertesten Stimmen in der Erziehungsdebatte.(Foto: Judith Polster)

Ich glaube, dass es sehr hilfreich für Eltern ist, wenn sie nicht nur in die Zukunft schauen und sich fragen: Was will ich vom Baby? Eltern sollten schauen, was bringt das Baby schon mit? Wir sind alle aus der langen Vergangenheit der Menschheitsgeschichte geprägt. Darin wäre das Baby zu 99 Prozent in eine ganz andere Umwelt geboren, nämlich in eine jagende und sammelnde Kleingruppe, die draußen lebte. Da gab es Raubtiere und auch klimatisch waren die Menschenkinder nicht gut gesichert. Es gab keine Zentralheizung und keine abschließbare Wohnung. Wäre ein Kind damals allein und ohne Protest unter einem Baum eingeschlafen, hätte es den nächsten Morgen nicht erlebt, es wäre erfroren oder gefressen worden. Die direkte Nähe der Bezugspersonen war absolut lebenserhaltend.

Woran merken wir dieses Programm heute noch?

Sobald kleine Kinder müde werden, spannt sich bei ihnen ein unsichtbares Gummiband zu den vertrauten Erwachsenen. Die wollen sie bei sich haben. Kleine, müde Menschen werden nähebedürftig. Ich kenne keine Eltern, die dieses uralte Programm der Kinder nicht sehr rasch kennenlernen.

Bei Eltern gibt es aber eher den umgekehrten Impuls, nämlich das Kind am Abend hinzulegen und ein bisschen ohne Kind zu sein.

Das stimmt. Aber ich kann den Eltern dazu gar nicht viel sagen, außer: Da ist Protest programmiert. Die Kinder sind so. Das ist kein böser Wille, sie wollen auch nicht verwöhnt werden, sondern das ist ganz normales Verhalten. Wenn man diesem Nähebedürfnis nachgibt, versagt man nicht in der Erziehung.

Aber das beantwortet noch nicht die Frage, wie die Kinder nun schlafen.

Renz-Polsters Buch ist bei GU erschienen und kostet 19,99 Euro.
Renz-Polsters Buch ist bei GU erschienen und kostet 19,99 Euro.

Wenn die Kinder sich entspannen können, finden sie in den Schlaf. Das ist bei Erwachsenen auch nicht anders, auch wir können den Schlaf ja nicht erzwingen. Aus einem ganz simplen Grund: Schlafen macht uns komplett wehrlos. Die Natur hat es deshalb so eingerichtet, dass wir nur dann einschlafen können, wenn wir uns sicher fühlen. Wer kann schon schlafen, wenn da eine Diele knackt oder man denkt, dass man die Tür nicht abgeschlossen hat? Für kleine Kinder ist das genauso. Entspannung stellt sich bei ihnen erst ein, wenn sie sich geborgen fühlen. Und da beginnt die Gemeinheit: Ein Baby fühlt sich nicht deshalb geschützt, weil die Haustür gut verriegelt ist oder weil ein Babyphone läuft – es fühlt sich sicher, wenn seine vertrauten Erwachsenen bei ihm sind. Auch das ist ein vernünftiger Trick der Natur: Wie soll ein Baby denn selbst für seine Sicherheit sorgen können? Es kann ja noch nicht einmal eine Fliege in seinem Gesicht verjagen.

Müssen Eltern also nachgeben und immer beim Kind sein?

Ich kann nur die Möglichkeiten aufzeigen. Wenn Eltern dem inneren Programm der Kinder folgen, dann schlafen die in deren Nähe einfach ein. Wenn man das nicht möchte, sollte man verstehen, dass es für das Kind schwierig sein kann und dass es in dieser Situation Trost sucht, und zwar zu Recht. Den sollte man dann auch geben. Das ist aus meiner Sicht der einzige Weg für so ein elementares Sicherheitsbedürfnis. Sich da rauszuziehen und das Kind einfach schreien zu lassen, geht auf Kosten der Beziehung zum Kind.

Aber was schlagen Sie übermüdeten Eltern konkret vor?

Ich sage, guck dein Baby an und spüre, was ihm guttut zum Schlafen. Dann sagen die Eltern vielleicht: Wenn der Papa das Baby im Tragetuch hat, schläft es ein. Oder: Wenn ich es stille, schläft es ein. Dann sage ich, dann mach es so. Nimm die Brücken, die in den Schlaf führen. Das ist dann der Weg. Und wenn das Baby mittags schläft, leg dich mit hin.

Die anderen Kinder aus der Müttergruppe schlafen aber schon längst durch und die eigenen Eltern ziehen auch die Augenbrauen hoch, wenn sie sehen, was man da macht. Da ist das nicht so einfach.

Für Eltern kommt immer ein "Aber", oder ein "Mach es doch wie ich!". Aber konkret hilft das nicht weiter. Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Eltern plärren schnell raus, was gut läuft. Also der Tim schläft durch! Aber wenn der in der nächsten Nacht nicht durchschläft, fällt darüber kein Wort. Dann verfestigt sich schnell eine Meinung, was normal sei. Bei den Eltern und Großeltern war das Erziehungsfeld die frühe Sauberkeit. Auch da waren die anderen immer der Meinung, dass das Baby der Nachbarin schon am Ende des ersten Lebensjahres selbständig aufs Töpfchen pullern ging. Das galt als Norm, so hat man die Kinder behandelt. Aber das war auch nicht entwicklungsgerecht und es stimmte auch nicht. Ich sage immer, lasst euch nicht irre machen und sucht euch praktische Wege, die für euch funktionieren.

Ein praktischer Weg scheinen Schlaflernprogramme zu sein. Sie argumentieren sehr leidenschaftlich gegen diese Trainings. Was stört sie daran?

Mich stört, dass man ein bestimmtes Verhalten des Kindes als Ziel definiert. Das ist aber nicht vom Kind abgeschaut, sondern das sind die Wünsche und Vorstellungen der Eltern. In einem dieser Trainings geht die Autorin davon aus, dass Kinder mit sechs Monaten elf Stunden am Stück durchschlafen. Das ist einfach falsch. Ich frage dabei immer: Was macht das mit uns, mit dem Kind, mit unserer Beziehung, wenn ich so ein Training durchziehe? Ich glaube, dass es Kinder verunsichert, wenn sie den Schutz ihrer Erwachsenen in dieser angstbesetzten Situation nicht bekommen. Das berührt das Urvertrauen. Wenn ein Kind hinfällt, reicht es ja auch nicht, aus der Ferne zu rufen, dass alles gut ist. Da nehmen wir die Kinder auch in den Arm und trösten körperlich. Die Programme suggerieren: Kinder lernen nicht nur zu schlafen, sondern auch noch, sich selbst zu trösten. Aber das ist eine Überforderung, kein Kind tröstet sich daran, wenn es weint und irgendwann resigniert, weil niemand kommt. Sicherheit kann man nicht erzwingen, die muss wachsen. Irgendwann schlafen Kinder mit dem Gefühl der Beheimatung ein, hören das Klappern aus der Küche oder den Fernseher und wissen, alles ist gut. Das entwickelt sich, aber das kann man nicht erzwingen.

Mit Herbert Renz-Polster sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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