Panorama
Video

"Gleich den Kopf wegballern": Besorgte Bürger wollen sich bewaffnen

Von Diana Sierpinski

Viele Deutsche sind verunsichert, einige wollen offenbar direkt zur Waffe greifen. Die Kölner Polizei veröffentlicht Tipps zur Beantragung des Kleinen Waffenscheins. Die werden jedoch sowohl von Waffengegnern wie -befürwortern kräftig missverstanden.

Deutschland rüstet auf. Nach massiven Übergriffen in der Silvesternacht ist das Thema sexuelle Gewalt plötzlich überall. Viele Deutsche sind verunsichert. Wie schützt man sich im Fall des Falles gegen einen Angriff? Während einige sich mit Pfefferspray oder Elektroschocker eindecken, wollen andere offenbar direkt zur Schusswaffe greifen.

Bereits seit Herbst letzten Jahres häufen sich die Meldungen, dass ungewöhnlich viele Anträge für den Kleinen Waffenschein gestellt werden. In Köln stieg die Nachfrage jetzt offenbar so sehr, dass sich die Polizei in der Domstadt dazu gezwungen sah, in einem Facebook-Beitrag zu dem Thema zu informieren.

"Zur Zeit erreichen die Polizei Köln zahlreiche Anträge zur Erteilung eines kleinen Waffenscheines", heißt es in dem Post und weiter: "Viele dieser Anträge werden von Bürgern und Bürgerinnen gestellt, die nicht in Köln oder Leverkusen wohnen. Die Polizei Köln macht darauf aufmerksam, dass Anträge auf einen Kleinen Waffenschein im Land Nordrhein-Westfalen bei der örtlich zuständigen Polizeibehörde (Wohnort) einzureichen sind. Eine Antragstellung bei einer anderen als der Wohnortbehörde verzögert die Bearbeitung des Antrages." Im Anschluss verlinkt sie noch die zuständigen Behörden und Ansprechpartner.

"Nur noch Rambos"

Was als Service-Hinweis gemeint war, sorgt für hitzige Diskussionen im Netz. Viele Nutzer interpretieren den Info-Post als Aufruf zur Waffengewalt und warnen: Man sollte doch bitte derzeit "die Erteilung der Anträge zurückstellen", denn "derzeit ist die Stimmung so angeheizt und aggressiv, dass man das Gefühl hat, dass überall nun Rambos durch die Gegend ziehen wollen". Eine Frau kommentiert: "Wird hier jetzt dafür geworben, wie unkompliziert es ist, sich einen Waffenschein zu besorgen? Wird also Selbstjustiz unterstützt? Ist das eine Bitte der Polizei um Unterstützung? Ich bin fassungslos." Ein anderer Nutzer äußert Angst: "Besorgte Bürger, die sich Waffen besorgen, um es besorgt den Ausländern zu besorgen. Genau das macht mir Angst."

Kleiner Waffenschein

Der Kleine Waffenschein ist die Erlaubnis zum verdeckten Führen von Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen. Man muss dafür mindestens 18 Jahre alt sein, seine Zuverlässigkeit und die persönliche Eignung nachweisen - geeignet ist zum Beispiel nicht, wer geschäftsunfähig, psychisch krank oder Alkoholiker ist. Wird jemand beim Führen solcher Waffen ohne Erlaubnis angetroffen, dann ist das eine Straftat. Es droht eine Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren. Das Schießen in der Öffentlichkeit ist allerdings -außer in Notwehr - auch mit dem “Kleinen Waffenschein” verboten.

Auf der anderen Seite steht eine Flut von erschreckenden Kommentaren, in denen so genannte besorgte Bürger ihre Befürchtungen ausdrücken. "Vorgestern einen beantragt. Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Die Polizei schützt uns ja leider nicht mehr..." bekundet ein Nutzer, der sich offenbar bereits in einem Endzeit-Szenario wähnt: "Das ist erst der anfang... es dauert nicht mehr lange, und wir brauchen abens kein Pausenbrot und die Termoskanne für den nächsten Arbeitstag in die Tasche stellen. Dann heißt es, wo und wie überlebe ich den nächsten tag und meine Familie." Ein anderer schreibt: "Bei der momentanen Situation kann ich verstehen das die Frauen sich Waffen zulegen wollen ...wenns nach mir geht am besten scharfe damit sie denen gleich den Kopf weg ballern können." (Alle Zitate im Original, Anm.d. Red.)

Die Kölner Beamten reagierten derweil auf die massive Kritik: "Aufgrund der aktuellen Kommentare möchten wir darauf hinweisen, dass es lediglich darum geht, die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Sachgebietes ZA 12 zu reduzieren."

Trend zur Aufrüstung

Bundesweit besitzen 285.900 Menschen (Stand 2015) hierzulande einen Kleinen Waffenschein, wie das Nationale Waffenregister auf Anfrage von n-tv.de mitteilte. Ende des Jahres 2014 waren es demnach rund 262.500 kleine Waffenscheine. In Köln gingen nach Angaben des "Spiegel" seit Silvester mehr als 300 neue Anträge ein. 2015 wurden in der Domstadt insgesamt 408 Scheine ausgestellt. Aber nicht nur am Rhein wird privat aufgerüstet.

In Berlin lag die Zahl der ausgestellten Scheine nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bis zum 20. November 2015 bereits bei 636. Im ganzen Vorjahr wurden nur 488 Scheine ausgestellt.

Im Land Brandenburg ist das Schutzbedürfnis offenbar noch um Längen größer als in der Hauptstadt. Dort gab es 2015 mehr als 6800 Anträge. Das Landratsamt Meißen vergab normalerweise etwa 20 Kleine Waffenscheine im Jahr. Ende 2015 waren es in drei Monaten 115, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete. Und auch die Hamburger Waffenbehörde hat seit dem Herbst spürbar mehr Anträge für Kleine Waffenscheine zu bearbeiten.

Die Polizei rät indes generell vor Bewaffnung ab. "Eine Waffe kann schnell auch gegen einen gerichtet werden", sagt Ulrich Heffner vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen