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Zwei die sich gut verstehen: Rob Lawrie und das von ihm im Lastwagen mitgenommene Flüchtlingskind Bahar amadi.
Zwei die sich gut verstehen: Rob Lawrie und das von ihm im Lastwagen mitgenommene Flüchtlingskind Bahar amadi.(Foto: picture alliance / dpa)

Flüchtlingskind im Lkw geschmuggelt: Brite muss für Fluchthilfe nicht in Haft

Die Zustände in einem Flüchtlingslager in Calais bewegen einen Ex-Soldaten dazu, ein vierjähriges Kind mitzunehmen. Er will es zu dessen Verwandten in England bringen. Eine Straftat. Doch ein Gericht lässt sich nicht von einer ethischen Bewertung des Falls abhalten.

Im Fall der gescheiterten Rettung eines afghanischen Flüchtlingsmädchens aus dem berüchtigten Lager von Calais ist ein britischer Helfer einer Haftstrafe entgangen. Ein Gericht im nordfranzösischen Boulogne-sur-Mer verurteilte Rob Lawrie zu einer Zahlung von 1000 Euro und damit zu einer symbolischen Strafe. Der 49-Jährige hatte versucht, die vierjährige Bahar zu Verwandten nach Großbritannien zu bringen, war aber festgenommen worden.

Im schlimmsten Fall hätte Lawrie laut französischem Recht wegen Beihilfe zum illegalen Aufenthalt zu fünf Jahren Haft und einer saftigen Geldstrafe verurteilt werden können. Das Gericht ließ diesen Vorwurf aber fallen und verurteilte den früheren Soldaten stattdessen dafür, "aufgrund der Transportbedingungen" das Leben des Kindes in Gefahr gebracht zu haben. Die Staatsanwaltschaft argumentierte, der Zweck heilige nicht die Mittel und erlaube es nicht, "das Leben eines Kindes zu gefährden".

Vor Gericht hatte sich Lawrie zuvor für die versuchte Rettung entschuldigt. Er wisse, dass er etwas "Dummes" getan habe, sagte der Angeklagte. Er sei emotional aufgewühlt gewesen und habe "irrational gehandelt und nicht nachgedacht". Er versicherte zugleich, keine Gegenleistung bekommen zu haben. Außerdem habe er keinen Kontakt zu den Verwandten von Bahar gehabt, sondern nur eine Adresse gekannt, wo er sie hinbringen sollte.

Lawrie rechtfertigt sein Vorgehen moralisch

Der Fall der kleinen Afghanin hatte Ende Oktober für Aufsehen gesorgt. Lawrie hatte sich aufgeschreckt durch die Flüchtlingskrise zum Helfen nach Calais begeben, in jenes von Flüchtlingen selbst errichtete Lager im Norden Frankreichs, wo Tausende Menschen in der Hoffnung auf eine Weiterreise nach Großbritannien unter erbärmlichen Umständen hausen.

Lawrie lernte dort die vierjährige Bahar und deren Vater kennen, der ihn bat, das Mädchen zu Verwandten nach Großbritannien zu bringen. Er willigte schließlich ein. "Es erschien mir einfach nicht richtig, sie dort zu lassen, in einem Zelt, in diesem Dschungel", sagte er im November der Nachrichtenagentur AFP. Lawrie versteckte das Mädchen in seinem Lastwagen, die Flucht mit der Kleinen scheiterte jedoch und er wurde festgenommen. Die kleine Bahar lebt seitdem wieder in dem Lager in Calais.

Lawrie sagte AFP vor dem Prozess, er sei sich darüber im Klaren, dass er etwas "Illegales" getan habe. "Aber ich glaube nicht, dass ich etwas moralisch Illegales getan habe." Zwei im Internet lancierte Petitionen für eine Straffreiheit des Briten erhielten bis Donnerstagnachmittag mehr als 170.000 Unterschriften.

In Calais begannen Flüchtlinge unterdessen damit, wie von den Behörden angeordnet einen Teil des Lagers zu räumen. Der betroffene Abschnitt liegt zu nah an einer Umgehungsstraße Richtung Hafen und soll aus Sicherheitsgründen von Zelten und Baracken befreit werden. Betroffen von der Räumung waren zwischen 500 und 700 Flüchtlinge. Die Präfektur hatte am Mittwoch erklärt, diese würden beim Umzug in jüngst errichteten Wohncontainer bevorzugt behandelt. Insgesamt leben in Calais mehrere tausend Schutzsuchende.

Quelle: n-tv.de

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