Panorama
Chris Kyle im Jahr 2012.
Chris Kyle im Jahr 2012.(Foto: AP / Star-Telegram)

Erschossen auf dem Schießstand: Der "American Sniper" ist tot

Von Hubertus Volmer

Im Irak fühlte er sich unbesiegbar, auf einem Schießstand in Texas wurde er erschossen: Chris Kyle, der berühmteste Scharfschütze der USA, wird im Alter von 38 Jahren von einem Ex-Soldaten getötet, dem er helfen wollte. "Vielleicht litt der Verdächtige an einer Art Geisteskrankheit, weil er in der Armee war", sagt der Sheriff.

Chris Kyle, der "tödlichste Scharfschütze der US-Armee", ist auf einem Schießstand in Texas erschossen worden. Die Hintergründe sind noch unklar, doch so viel darf als sicher gelten: Es war kein Unfall.

Chris Kyle war zehn Jahre bei den Navy Seals, von 1999 bis 2009.
Chris Kyle war zehn Jahre bei den Navy Seals, von 1999 bis 2009.(Foto: Reuters)

Nicht zuletzt durch sein vor gut einem Jahr erschienenes Buch hatte Kyle sich eine außerordentliche Berühmtheit erworben. "American Sniper" stand sieben Wochen lang auf Platz eins der Bestsellerliste der "New York Times". Die Taschenbuchausgabe ist derzeit Platz eins der Verkaufsliste von Amazon.com.

In seinem Buch berichtet Kyle über seine zehn Jahre bei der Spezialeinheit Navy Seals, mit der er vier Mal im Irak war. Er beschreibt darin, wie er zwei Wochen nach Beginn seines ersten Einsatzes durch sein Zielfernrohr eine Frau sah, die ein Kind dabei hatte und eine Handgranate aus ihrer Kleidung zog, während sich US-Marines näherten.

Er habe gezögert, schrieb Kyle, und dann geschossen. "Es war meine Pflicht zu schießen, und ich bedaure es nicht", so Kyle weiter. "Meine Schüsse retteten mehrere Amerikaner, deren Leben sicher mehr wert waren als die kranke Seele dieser Frau."

Sein Zögern legte Kyle im Laufe seiner Einsätze ab. Dafür entwickelte er eine Perfektion, die ihm den Beinamen "Teufel von Ramadi" einbrachte - so zumindest hieß der Scharfschütze laut Pentagon unter den Aufständischen in der irakischen Stadt westlich von Bagdad, einer Hochburg des Widerstands gegen die US-Truppen. Die Rebellen von Ramadi setzten sogar ein Kopfgeld auf Kyle aus - vergeblich, das Geld konnte nie kassiert werden.

"Vielleicht veränderte sich die Erdanziehungskraft"

Ein weiterer Schuss, den Kyle in seinem Buch beschreibt, ging über eine Distanz von mehr als 1900 Metern - normalerweise schießen Scharfschützen über Entfernungen von bis zu 800 Metern. "Vielleicht war es die Art, wie ich den Abzug nach rechts zog, die den Wind ausglich. Vielleicht veränderte sich die Erdanziehungskraft und sorgte dafür, dass diese Kugel genau dort hinging, wo sie hin sollte. Was immer es war, ich sah durch mein Zielfernrohr, wie der Schuss den Iraker traf und wie er über die Mauer zu Boden fiel."

In einem Interview sagte der hochdekorierte Kyle, sein Verlag habe darauf bestanden, die Zahl der von ihm getöteten Menschen in das Buch aufzunehmen. "Wenn ich wüsste, wie viele Menschen ich gerettet habe, das wäre etwas, mit dem ich angeben würde", sagte Kyle.

Kyle verließ die Navy Seals, nachdem seine Frau ihn vor ein Ultimatum gestellt hatte: Familie oder Militär. Als Zivilist kümmerte er sich um seine zwei Kinder, gründete eine Sicherheitsfirma sowie eine Stiftung, die anderen Veteranen bei der Rückkehr ins normale Leben half. Einige Veteranen nahm er gelegentlich mit zu einem Schießstand im Norden von Texas. Er sah das Schießen als Therapie für traumatisierte Soldaten.

Motiv des Mörders unbekannt

Eddie Ray Routh auf einem Foto des Sheriffs von Erath County.
Eddie Ray Routh auf einem Foto des Sheriffs von Erath County.(Foto: Reuters)

Einer der Veteranen war ein 25-jähriger Marine namens Eddie Ray Routh, der Einsätze im Irak und in Haiti hinter sich hatte. Kurz nach ihrer Ankunft auf dem Schießplatz in der Nähe der texanischen Kleinstadt Glen Rose schoss Routh offenbar mit einer halbautomatischen Handfeuerwaffe auf Kyle und einen weiteren Mann, den 35-jährigen Chad Littlefield, einen Freund von Kyle. Beide Männer wurden von mehreren Kugeln getroffen und starben.

Das Motiv des mutmaßlichen Mörders ist noch unbekannt. "Die Mutter des Verdächtigen hat lange als Lehrerin gearbeitet", sagte Sheriff Tommy Bryant. "Wahrscheinlich hat sie sich an Kyle gewandt, damit der ihrem Sohn hilft. Wir gehen davon aus, dass das der Grund ist, warum sie am Schießstand waren, für diese Therapie, mit der Kyle den Leuten half."

Alle drei seien zusammen in Kyles Wagen zum Schießstand gefahren. "Vielleicht litt der Verdächtige an einer Art Geisteskrankheit, weil er in der Armee war", so der Sheriff. "Es gab keine Zeugen. Niemand hat irgendeinen Streit gehört."

"Sie wollten versuchen, ihm zu helfen"

Als die Polizei ihn festnehmen wollte, floh Routh mit Kyles Ford-Pickup, konnte aber nach einer kurzen Verfolgungsjagd mit einem Nagelband gestoppt werden. "Was ich weiß, ist, dass Chris und ein Mann, Chad Littlefield, einen Veteran zum Schießen mitgenommen haben, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt. Sie wollten versuchen, ihm zu helfen, und er richtete die Waffe gegen sie und tötete sie", sagte Travis Cox, der Leiter von Kyles Stiftung.

Vom Schießstand aus fuhr Routh zunächst zu seiner Schwester und erzählte ihr und ihrem Mann, was er getan hatte. Dann fuhr er nach Hause. Seine Schwester verständigte die Polizei. Ein Nachbar sagte, Routh habe nicht gewirkt wie jemand, der so etwas tun würde. "Er war gesellig, locker, er kam zum Grillen vorbei. Ich habe keine Ahnung, was das ausgelöst haben kann."

Routh wird zweifacher Mord vorgeworfen. In Texas steht auf Mord die Todesstrafe.

Quelle: n-tv.de

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