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Peggy wäre heute eine junge Frau.
Peggy wäre heute eine junge Frau.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)
Freitag, 14. Oktober 2016

15 Jahre Ungewissheit: Der Fall Peggy Knobloch

Im Frühjahr 2001 verschwindet die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule spurlos. Ein geistig behinderter Mann wird daraufhin wegen Mordes verurteilt. 2013 wird der Fall neu aufgerollt und der Verurteilte aus der Psychiatrie entlassen. Peggys Leiche bleibt bis Anfang Juli dieses Jahres verschwunden. Dann stößt ein Pilzsammler auf Skelettteile, die zu dem Mädchen gehören. Am Fundort der sterblichen Überreste von Peggy finden Kriminaltechniker die DNA des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt. Eine Chronologie:

Mai 2001: Die neunjährige Peggy verschwindet am 7. Mai. Um 12.50 Uhr verlässt sie das Schulhaus mit einem pinken Ranzen auf dem Rücken. In der Nähe ihres Elternhauses, am Lichtenberger Marktplatz, wird sie um 13.15 Uhr das letzte Mal gesehen. Auf der Suche nach ihr durchstöbern Hunderte von Polizisten und freiwillige Helfer wochenlang die Gegend um die Kleinstadt Lichtenberg. Wälder, Höhlen und Flüsse werden durchsucht, sämtliche Mülltonnen in der Gemeinde geleert. Sogar Tornados von der Bundeswehr sind im Einsatz.

Juli 2001: Der Lebensgefährte von Peggys Mutter wird am 31. Juli festgenommen. Der Mann wird am selben Tag wieder auf freien Fuß gesetzt.

September 2001: Der geistig zurückgebliebene Sohn eines Gastwirtspaares, Ulvi K., wird festgenommen. Er gesteht den sexuellen Missbrauch an mehreren Kindern, darunter auch Peggy.

Februar 2003: Während eines Verhörs gesteht Ulvi K. den Mord an Peggy Knobloch. Die Staatsanwaltschaft Hof erhebt Anklage wegen Mordes.

Oktober 2003: Der Prozess beginnt vor dem Landgericht Hof. Das erste Verfahren platzt nach wenigen Verhandlungstagen wegen fehlerhafter Besetzung des Gerichts.

November 2003: Der Prozess beginnt erneut.

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April 2004: Nach 26 Verhandlungstagen wird Ulvi K. am 30. April 2004 in einem Indizienprozess wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Jugendkammer hält den 26-jährigen geistig Behinderten nach einem sechsmonatigen Indizienprozess für schuldig, Peggy am 7. Mai 2001 erwürgt zu haben. Sein Motiv laut Gericht: Er wollte eine Vergewaltigung vertuschen. Es stützt sich vor allem auf ein Geständnis, das der Angeklagte bei der polizeilichen Vernehmung gemacht hat, aber vor Gericht widerruft. Zweifel bleiben. Etwa weil bei dem Geständnis sein Anwalt nicht dabei war, auch eine Tonaufnahme gibt es nicht.

Mai 2005: Peggys Mutter, Susanne Knobloch, lässt für ihre Tochter ein Grab auf dem Friedhof in Nordhalben (Lkr. Kronach) anlegen.

September 2010: Ein Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden. Der Mitpatient von Ulvi K. im Bezirkskrankenhaus Bayreuth hatte behauptet, er habe ihm den Mord gestanden. Nun sagt er: Die Polizei habe ihn damals zu der Aussage gedrängt und ihm seine Entlassung versprochen. Zu einer Wiederaufnahme kommt es zunächst nicht.

August 2011: Das Landgericht Bayreuth bestellt den Frankfurter Rechtsanwalt Michael Euler als Pflichtverteidiger für Ulvi K.

Juli 2012: In "Mord ohne Leiche" stellt der Filmemacher Christian Stücken die Täterschaft von Ulvi K. in Frage. Stückens Fazit: Er kann den Mord, so wie ihn das Gericht in seinem Urteil darstellt, nicht begangen haben. Stücken hat den Tathergang auf Grundlage neuer Zeugenaussagen nochmals rekonstruiert. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bayreuth wieder. Sie konzentriert sich nun vor allem darauf, die Leiche zu finden.

April 2013: Anwalt Euler beantragt die Wiederaufnahme des Falls. Er arbeitet für die Bürgerinitiative "Gerechtigkeit für Ulvi". Euler stützt sich unter anderem auf Entlastungszeugen, die Peggy am Nachmittag ihres Verschwindens noch gesehen haben wollen, aber nie vor Gericht gehört wurden.

April 2013: Am 22. April durchsuchen Ermittler das Grundstück eines ehemaligen Verdächtigen. Sie beschlagnahmen Computer und Akten. Gegen ihn liege aber kein Haftbefehl vor und er sei auch aktuell kein Verdächtiger, betonen die Ermittler. Die Polizei hat offenbar mehrere Hinweise, dass Peggy auf seinem Grundstück vergraben sein soll. Noch am Abend rollt ein Bagger an. Sie stoßen auf ein paar Knöchelchen, doch die stammen vermutlich von einem alten Friedhof, nicht von Peggy.

September 2013: Oberstaatsanwalt Herbert Potzel bestätigt, dass sich die Ermittlungen auf einen Bekannten von Peggys Familie konzentrieren. Der Verdächtige Holger E. lebt in Halle und wurde im Februar 2013 zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er sich an seiner zwei Jahre alten Tochter vergangen hatte. Sein Elternhaus wird durchsucht. Der damals 17-Jährige war öfter bei seinem Halbbruder in Lichtenberg, dem Nachbarn von Peggy, zu Besuch und mit dem Mädchen befreundet. Auch sein Halbbruder gilt nun als verdächtig.

Dezember 2013: Das Landgericht Bayreuth ordnet die Wiederaufnahme des Falls an - und bezieht sich dabei unter anderem auf den Mitpatienten, der seine Aussage 2010 widerrufen hatte. Zudem führt es die möglicherweise falsche Einschätzung des Gutachters an, der das Geständnis von Ulvi K. vor Gericht für glaubwürdig erklärt hatte.

Januar 2014: Die Polizei geht neuen Hinweisen auf Peggys Verbleib nach. Sie öffnet das Grab einer 81-jährigen Frau auf dem Lichtenberger Friedhof. Die Ermittler hatten Hinweise darauf erhalten, dass Peggys Leiche darin versteckt sein könnte. Nach Angaben der Polizei wurde die Frau nur zwei Tage nach dem Verschwinden des Mädchens beerdigt. Doch auch hier finden sie keine Spur von Peggy.

März 2014: Holger E. räumt den Ermittlern zufolge "Zärtlichkeiten" mit Peggy ein. Sexuelle Handlungen habe er aber abgestritten, so die Beamten.

April 2014: Zehn Jahre nach seiner Verurteilung steht Ulvi K. am 10. April 2014 wieder vor Gericht. Sein Fall wird komplett neu verhandelt. Zum Prozessauftakt erhebt K.s Verteidiger schwere Vorwürfe gegen die damaligen Ermittler. Überraschend löst die Staatsanwaltschaft Bayreuth den bisher zuständigen Kollegen von dem Fall ab. Zwei Journalisten erheben zeitgleich schwere Vorwürfe gegen den Vorsitzenden Richter.

Mai 2014: Der Sachverständige korrigiert sein Gutachten teilweise, das Gericht beendet die Beweisaufnahme vorzeitig. "Bis zum heutigen Tag ist kein einziger Sachbeweis für das damalige Geständnis von Ulvi K. gefunden worden", heißt es zu Begründung. Folgerichtig wird K. vom Mordvorwurf freigesprochen. Peggy gilt zum ersten Mal seit zehn Jahren nicht mehr als ermordet, sondern wieder als vermisst.

Februar 2015: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.

3. Juni 2015: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" greift den Fall Peggy auf.

16. Juni 2015: Ein ehemaliger Verdächtiger im Fall Peggy wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.

Juli 2015: Nach 14 Jahren wird Ulvi K. am 31. Juli 2015 aus der Psychiatrie entlassen. Er kommt in einem Heim für Menschen mit Handicap unter. Wo genau, ist geheim, um die Privatsphäre der anderen Bewohner zu schützen.

2. Juli 2016: Ein Pilzsammler findet in einem Wald im thüringischen Landkreis Saale-Orla-Kreis Skelettreste. Sofort prüfen die Ermittler, ob es sich um die sterblichen Überreste von Peggy handeln könnte. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch.

5. Juli 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit: Bei den sterblichen Überresten handelt es sich um die Leiche der vermissten Peggy. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

12. Juli 2016: Das gefundene Skelett von Peggy ist nicht komplett. Das sagt der Leiter der Sonderkommission Peggy, Uwe Ebner. Zudem fehlten Kleidungsstücke des Mädchens sowie weiter jede Spur vom Schulranzen der Neunjährigen. "Der entscheidende Hinweis steht leider noch aus", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel.

14. Juli 2016: Nach einem erneuten Bericht über den Fall Peggy in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" gehen etwa 80 Hinweise bei der Sonderkommission in Bayreuth ein. Einige von ihnen gäben "Anlass zu weiteren Prüfungen", teilen die Ermittler mit.

13. Oktober 2016: Am Fundort des Skeletts werden DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden. Das teilen das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth mit. Die Spuren stammen von einem sehr kleinen Stoffetzen, kaum einen Zentimeter groß, der in der Nähe von Peggys Leiche gefunden wurde. Der Stoff könnte von einer Decke stammen.

Quelle: n-tv.de

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