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Rosa Riesenklotz: Am Berliner Alexanderplatz entsteht Barbies 2500 Quadratmeter großes Traumhaus.
Rosa Riesenklotz: Am Berliner Alexanderplatz entsteht Barbies 2500 Quadratmeter großes Traumhaus.(Foto: picture alliance / dpa)

Barbie-Traumhaus in der Kritik: Ein Alptraum in Pink

Von Julian Vetten

Laut Spielzeughersteller Mattel besitzen mehr als 90 Prozent aller Mädchen zwischen drei und zehn Jahren eine Barbie. In Berlin entsteht derzeit eine 2500 Quadratmeter große Erlebniswelt, um die kleinen Fans noch enger an die Puppe zu binden. Doch Protest regt sich. "Occupy Barbie Dreamhouse" kritisiert das gezeigte Frauenbild - und sorgt bei einer Pressebegehung für reichlich Wirbel.

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Was für ein bezaubernder Morgen! Aus dem Ofen duftet es nach selbstgebackenen Muffins, im begehbaren Kleiderschrank locken glitzernde Paillettenkleidchen und draußen putzt der süße Ken auch schon den roten Sportwagen. Barbies Traummann muss die heimlichen Blicke bemerkt haben, neckisch wirft der blonde Schönling einen gut gezielten Gegenstand in Richtung Fenster – es zerbirst. So ein Schlawiner, dieser Ken. Aber Barbie kann ihm einfach nicht böse sein... Dann spult die Animation plötzlich zurück und wie der geknechtete Sisyphos muss Ken den rosa Schlitten aufs Neue wienern.

Pink, soweit das Auge reicht: der Eingangsbereich des Traumhauses.
Pink, soweit das Auge reicht: der Eingangsbereich des Traumhauses.(Foto: dpa)

Willkommen in Barbies Traumhaus, dem pinkfarbenen Zerrbild einer heilen Kleine-Mädchen-Fantasie. So jedenfalls mutet es an, was die federführenden Designer von EMS Entertainment und Spielzeughersteller Mattel am Berliner Alexanderplatz aus dem Boden gestampft haben. In Barbies 1400 Quadratmeter großen "Life-Size-House", wie es in der Pressemappe genannt wird, können junge Fans das glamouröse Leben der mittlerweile 54 Jahre alten Puppe nachempfinden: Vom begehbaren Kleiderschrank über ein Wohnzimmer mit Balkon bis hin zur überdimensionierten Küche mit den drei Öfen ist alles dabei. Und weil das graue Berlin einfach nicht zum floridaesken Lebensstil passen will, haben die Macher clevererweise Videoschirme hinter den Plastikrahmen der falschen Fenster installiert.

"Barbie hat schon immer eine Vorreiterrolle gespielt", schwärmt Mattel-Sprecherin Stephanie Wegener auf der Pressebegehung des Traumhauses. Endlich könnten Fans aus aller Welt hautnah erleben, womit sie bislang nur in Puppengröße spielen konnten. Am 16. Mai öffnet die Villa ihre Pforten, dann heißt es Barbie im Schnelldurchgang: Geplant ist, alle 15 Minuten etwa 30 Besucher durch die Räumlichkeiten zu schleusen, bei Eintrittspreisen von 12 Euro für Kinder und 15 Euro für Erwachsene. Wenn die Eltern dann noch einmal 10 Euro drauflegen, dürfen sich die Kids anschließend in der Entertainment-Welt per Mode-Workshop, Schminkstand, Catwalk und Karaoke-Bühne in ein perfektes Püppchen verwandeln. EMS rechnet bis zum Abzug der "Wanderausstellung" am 25. August mit etwa 140.000 Besuchern - kein schlechtes Geschäft.

Der Feind im eigenen Haus

Also alles schön in Barbies pinkfarbener Traumwelt? Mitnichten. "Finden Sie nicht, dass hier mit Küche, Schminken und Singen ein falsches Frauenbild vermittelt wird?", unterbricht ein junger Mann Wegeners glattgebügelten PR-Sermon. Der blonden Pressesprecherin entgleiten kurz die Gesichtszüge, das passt ihr jetzt so überhaupt nicht ins Konzept. Michael Koschitzki, Sprecher der Initiative "Occupy Barbie Dreamhouse", nutzt das betretene Schweigen für einen weiteren Vorstoß: "Barbie vermittelt ein Bild, das sagt: Du kannst nur etwas werden, wenn du schön bist."

Angst vor der "Pinkifizierung": eine Mitarbeiterin im Traumhaus.
Angst vor der "Pinkifizierung": eine Mitarbeiterin im Traumhaus.(Foto: dpa)

"Barbie-Puppen spielen unterschiedliche Rollen, es gibt sie auch als Pilotin oder Präsidentschaftskandidatin", kontert  Wegener, als sie schließlich die Fassung wiedergefunden hat – und bittet Koschitzki, seine Kritik doch später im kleinen Kreis noch einmal zu äußern, alles andere sei "unfair". Doch dafür ist es schon zu spät, der Aktivist von der Jugendorganisation der Linken hat längst die ungeteilte Aufmerksamkeit der versammelten Journaille. "Mir ist schon klar, dass unsere Occupy-Bewegung ein Medienphänomen ist. Und natürlich könnte man sagen, dass es wichtigeres gibt, als gegen ein Barbiehaus zu demonstrieren", sagt Koschitzki. Aber der Protest gegen den rosa Riesenklotz müsse eher als öffentlichkeitswirksamer Aufhänger gegen eine drohende "Pinkifizierung" gesehen werden, bei der Frauen in überkommen geglaubte Bilder gepresst würden.

Irgendwann kann Wegener den Rotschopf doch noch von der Presse weglotsen, durch Baustellenmatsch geht es in die ganz und gar nüchtern weiß gehaltene Mitarbeiterkantine. Mit einem Lächeln auf den Lippen versucht die Pressesprecherin, Koschitzki von der hehren Absicht des Traumhauses zu überzeugen, setzt sich dabei aber immer tiefer in die Nesseln. Wegener sagt Sachen wie: "Barbie ist Chefköchin, die wäscht kein Geschirr." Eh klar, wer ein 1400 Quadratmeter großes Haus besitzt, hat mit Sicherheit auch Bedienstete, die sich um die unangenehmen Seiten des Lebens kümmern.

Als alles Gerede Koschitzki immer noch nicht überzeugen kann, muss die Trumpfkarte her: Wegeners eigene Vergangenheit als tapfere Kämpferin für Gleichberechtigung. Immerhin habe sie sich selbst schon einmal in einer Männerdomäne behaupten müssen - damals, in der polnischen Schweißerei mit den 300 muskelbepackten Kerls. Und das, obwohl sie als Kind selbst mit Barbie-Puppen gespielt hat.

Koschitzki ist nicht beeindruckt, lädt die Mattel-Mitarbeiterin aber im Gegenzug zu einem konstruktiven Streitgespräch ins Hauptquartier der Occupy-Bewegung ein. Wegener lacht nervös, verspricht aber, zumindest darüber nachzudenken. Die hinzugekommene Mitstreiterin des 27-Jährigen verteilt noch schnell die neuen Flyer mit den Infos für die Demo zur Eröffnung am 16. Mai und der Bitte um Unterstützung ihrer Facebook-Seite, dann ist das Gespräch beendet. Wegener muss sich um Schadensbegrenzung der entstandenen PR-Katastrophe kümmern, Koschitzki hat noch einen Termin mit dem Fernsehen. Und im Traumhaus wäscht Ken weiter unermüdlich Barbies Auto.

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Quelle: n-tv.de

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