Panorama

Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki: Ein Leben für die Literatur

Von Solveig Bach

Ein polnischer Jude, der Deutschlands größter Literaturkritiker wird - das ist nur eine der vielen Möglichkeiten, das Leben von Marcel Reich-Ranicki zu erzählen. Doch die Weltläufe, durch die Reich-Ranicki ging, sind mindestens so spannend wie die Literatur, der er sein Leben widmete.

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Der erhobene Zeigefinger war sein Markenzeichen, so wie das Lispeln, die kräftige Gestik und die geschliffenen, oft vernichtenden Worte. Wenn er die Augenbraue hochzog, kam das für manchen Autor einem Todesurteil gleich - wobei auch seine Todesurteile verkaufsfördernd wirken konnten. Marcel Reich-Ranicki machte die Literaturkritik zu einem Ereignis. Wenn er im "Literarischen Quartett" des ZDF ebenso schlagfertig wie gescheit über die neuesten Ergebnisse des Literaturbetriebs dozierte, war das lehrreich und unterhaltsam zugleich.

Ihren Anfang nahm eine der bedeutendsten Karrieren im Literaturbetrieb des 20. Jahrhunderts am 2. Juni 1920 im polnischen Włocławek an der Weichsel. Hier kommt Marcel Reich als drittes Kind des polnisch-jüdischen Kaufmanns David und seiner deutsch-jüdischen Frau Helene zur Welt. "Wir sind Juden, Marcel, wir sind anders als die anderen. Deswegen müssen wir die Besten sein. Es ist egal, was du in der Zukunft machen willst, du musst immer der Beste sein", treibt seine Mutter den Jungen an. Er selbst hat sich in vielen Interviews immer wieder als Außenseiter beschrieben, sogar in der eigenen Familie. "Meine Eltern beschäftigten sich mehr mit Musik als mit Literatur. Ich habe sehr viel gelesen, von Anfang an." Nach dem Bankrott des Vaters siedelt die Familie nach Berlin über. Der glänzende Deutschschüler macht seine Lehrer verrückt, weil er sie korrigiert, wenn sie Goethe falsch zitieren.

In Berlin macht er 1938 Abitur, zum Studium wird er wegen seiner jüdischen Herkunft jedoch nicht zugelassen und kurz darauf auch des Landes verwiesen. Im Warschauer Ghetto lernt er seine Frau Tosia kennen, das Paar heiratet im Juli 1942 und wird 69 Jahre, bis zu Tosias Tod 2011, verbunden bleiben. Kurz vor der Auflösung des Ghettos gelingt es den beiden zu fliehen, den Holocaust überleben sie im Untergrund. Viele Familienmitglieder werden ermordet. Schon bis dahin kann es Reich-Ranickis Leben mit jedem Roman aufnehmen.

Kurzer Flirt mit dem Kommunismus

Reich-Ranicki im Jahr 2000 im Züricher Bernhard-Theater.
Reich-Ranicki im Jahr 2000 im Züricher Bernhard-Theater.(Foto: dpa)

Nach der Befreiung Polens meldet sich der junge Marcel Reich freiwillig zum Dienst in der polnischen Armee und wird für zwei Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei Polens. Ab 1946 gehört er der polnischen Militärmission in Berlin an, danach arbeitet er für den polnischen Auslandnachrichtendienst und im Außenministerium, das ihn 1948 als Konsul nach London entsendet. Dort kommt auch sein Sohn Andrew Alexander zur Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zusammenbruch Deutschlands bekommt sein Familienname für Reich einen verstörenden Klang, er nennt sich jetzt Marceli Ranicki.

Doch was nach einer kommunistischen Karriere aussieht, findet ein abruptes Ende, als er sowohl vom Geheimdienst als auch vom Außenministerium entlassen wird und ihn auch die Kommunistische Partei wegen "ideologischer Entfremdung" ausschließt. Die stalinistisch geprägten Aktionen gegen Intelligenzler und Eigensinnige bringen ihn sogar für einige Wochen ins Gefängnis.

Er wendet sich wieder der Literatur zu, wird Lektor für deutsche Literatur bei einem Warschauer Verlag, schreibt selbst als Schriftsteller. Dem machen die polnischen Behörden mit einem Publikationsverbot ein Ende. Ranicki versucht sich als Autor beim polnischen Rundfunk und bei Zeitungen. Doch Ende der 1950er Jahre ist klar, dass er Polen verlassen will. 1958 bricht er zu einem Studienaufenthalt in die Bundesrepublik auf und bleibt.

Kampf um die Existenz

Er schreibt zunächst für die "Welt" und die "Zeit", knüpft Kontakte und kämpft um eine berufliche Existenz. Die Pleite des Vaters, den er einen "gütigen Menschen", aber einen "Versager" nennt, treibt ihn an. Ein Versager will Reich-Ranicki niemals sein. Dass er schon damals vom Ehrgeiz getrieben wurde, ein bedeutender Literaturkritiker werden zu wollen, hat er immer verneint. "Ich wollte zunächst einfach nur schreiben, um etwas zu essen zu haben für mich, meine Frau und den Sohn", sagte er 89-jährig der "Welt".

1958 bietet er Hans Schwab-Felisch, dem Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", einen Text über den polnischen Schriftsteller Jarosław Iwaszkiewicz an. Schwab-Felisch nimmt den Text, aber der Autor weiß nicht, welcher Name darunter stehen soll. "Machen Sie es wie ich, nehmen Sie einen Doppelnamen, aber unbedingt erst den einsilbigen, dann den anderen - schon aus rhythmischen Gründen", sagt Schwab-Felisch. So wird aus Marcel Reich und Marceli Ranicki schließlich Marcel Reich-Ranicki.

Bilderserie

Literaturkritik soll unterhalten - das war Reich-Ranickis Credo, der sich jedoch gleichermaßen um Verständlichkeit bemühte. Er liebte die Literatur, aber er war nicht blind vor Li ebe. Der "Zeit" sagte er zu seinem 90. Geburtstag: "Ich wollte den Leuten mitteilen, dass 'Kabale und Liebe' ein sehr wichtiges Stück ist. Dass Shakespeare ein großartiger Autor ist." Genau das tat er mit großer Leidenschaft. Gemeinsam mit andern Literaturfreunden initiierte er den Ingeborg-Bachmann-Preis, bis heute einer der bedeutendsten deutschsprachigen Literaturwettbewerbe. Zu seinem literarischen Erbe gehört auch der Kanon "Die deutsche Literatur", sauber getrennt nach Romanen, Erzählungen, Dramen, Gedichten und Essays. Reich-Ranickis ultimative Antwort auf die Frage, was man gelesen haben muss - 50 Bände. Nach seinem Abschied von der FAZ, deren Literaturredaktion er seit den 1970er Jahren geleitet hatte, trug er seine Passion ins Fernsehen und stieg endgültig zum Popstar der Literaturkritik auf.

Große Auftritte im TV

Mit großer Vehemenz und dem Hang zur kräftigen Geste, mit aufbrausender Stimme und gnadenlosen Formulierungen seziert er dort Geschichten und Schreibstil der Autorinnen und Autoren und gerät sich dabei oft genug auch noch mit seinen Mitrezensenten in die Haare. Er polemisiert, übertreibt und spitzt seine Kritik so zu, dass kaum einer mit seiner Schlagfertigkeit mithalten kann. Er lobt jedoch auch aus tiefstem Herzen, wenn ihn ein Werk überzeugt. Ohne Übertreibung fürchtet er, wird er nicht verstanden.

Witz und Ironie sind seine schärfsten Waffen, das zeigen zahlreiche Anekdoten. Ein Beispiel: Im August 1993 gastiert die Sendung in Salzburg in einem Foyer mit Glasdach. Besprochen wird Martin Walsers "Ohne einander". Reich-Ranicki zerreißt das Buch regelrecht. Plötzlich entlädt sich direkt über dem Glasdach ein krachendes Gewitter. Reich-Ranicki hält kurz inne und sagt dann: "Man wird doch noch etwas gegen Walser sagen dürfen. Das ist ja unglaublich!"

In Umfragen sagen 98 Prozent der Deutschen, dass sie ihn kennen. Reich-Ranicki schmeichelte das, es bediente seine Eitelkeit, wie er unumwunden zugab. Er war überzeugt, ohne Eitelkeit gebe es kein Schreiben. "Eitelkeit muss dabei sein. Sonst entsteht nichts." Auch dass er, obwohl er nie eine Hochschule abschloss, mit Lehraufträgen und Ehrendoktorwürden, Auszeichnungen und Preisen regelrecht überhäuft würde, verschaffte ihm tiefe Genugtuung. Den Deutschen Fernsehpreis konnte er nicht zuletzt deshalb mit geschliffener Begründung ablehnen.

Bewegende Zeitzeugenschaft

Sein Jüdisch-Sein wurde nur selten thematisiert, etwa als Martin Walser 2002 in "Tod eines Kritikers" Marcel Reich-Ranicki als Vorbild für seinen Kritiker André Ehrl-König nahm und sich deshalb nicht nur  den Vorwurf der Geschmacklosigkeit, sondern auch den des Antisemitismus gefallen lassen musste. Dass und wie er als Jude verfolgt wurde und wie er überlebte, beschrieb Reich-Ranicki Ende der 1990er Jahre in seiner Autobiografie "Mein Leben". Sein Weggefährte Hellmuth Karasek rühmte es als "großes Stück Zeitgeschichte und erlebter, durchlittener und erfahrener Literatur".  Das Buch wurde ein Bestseller und rückte den Zeitzeugen Reich-Ranicki ins Bewusstsein. Als solcher sprach er am 27. Januar 2012 anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Bundestag

Reich-Ranicki erzählte an diesem Tag vom 22. Juli 1942. Es ist der Tag, als die Deportationen der Juden aus dem Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager beginnen. SS-Sturmbannführer Hermann Höfle erscheint im Ghetto und formuliert vor den Vertretern des Judenrats unter Walzerklängen die Befehle zur Deportation. Ein damals zweiundzwanzigjähriger Jude muss die Anordnungen, die sogleich überall plakatiert werden sollten, aus dem Deutschen ins Polnische übersetzen. Dieser Übersetzer war Marcel Reich-Ranicki, dessen größte Leistung es am Ende vielleicht war, die Schönheit und Kraft der deutschen Sprache und Literatur von den Abgründen und Grausamkeiten der Höfles trennen zu können.

Quelle: n-tv.de

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