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Wie Sharon Moore sind viele Bürger von Flint verängstigt. Das aggressive Flusswasser hat die alten Bleirohre der Stadt angegriffen und so das Blei freigesetzt.
Wie Sharon Moore sind viele Bürger von Flint verängstigt. Das aggressive Flusswasser hat die alten Bleirohre der Stadt angegriffen und so das Blei freigesetzt.(Foto: AP)

Angst vor jedem Tropfen Wasser: Eine ganze Stadt steht Schlange

Seit zwei Jahren fließt in der US-Stadt Flint braune, stinkende Brühe aus den Wasserhähnen. Den Menschen fielen die Haare aus, doch lange sahen die Behörden nur zu. Nun gibt es endlich sauberes Wasser für die Bürger - allerdings nicht aus dem Hahn.

"Wasser ist hier jetzt flüssiges Gold", sagt David Madden, während ihm ein Soldat einen Pack Wasserflaschen reicht. Schlangestehen für Wasser - das gehört für die Menschen in der US-Stadt Flint zum Alltag, seit das Wasser aus ihren Leitungen mit Blei verseucht ist. "Wir versuchen keinen Tropfen zu verschwenden", sagt der 56 Jahre alte Madden. Das gesamte Wasser, das seine Familie zum Trinken, Kochen und Geschirrspülen braucht, muss der Familienvater Flasche für Flasche nach Hause schaffen. Nur zum Duschen und Wäschewaschen verwenden die Maddens noch das Wasser aus der Leitung.

Um Geld zu sparen, wurde die Stadt aus dem Flint River mit Wasser versorgt.
Um Geld zu sparen, wurde die Stadt aus dem Flint River mit Wasser versorgt.(Foto: AP)

Um Kosten zu sparen, stellte die verarmte Industriestadt Flint im Bundesstaat Michigan im April 2014 die Wasserversorgung um: Statt aus Detroit kam das Wasser nun aus dem Flint River - einem durch die Autoindustrie verseuchten Fluss. Braune, stinkende Brühe floss daraufhin bald aus den Wasserhähnen. Die Menschen in der 100.000-Einwohner-Stadt beschwerten sich, doch selbst als den ersten die Haare ausfielen und sie Ausschlag bekamen, unternahmen die Behörden nichts. Das aggressive Wasser griff die alten Bleirohre an, das giftige Schwermetall gelangte ins Wasser. Für Kinder ist Blei besonders schädlich, es kann ihr Gehirn dauerhaft schädigen.

Erst im vergangenen Oktober, nachdem die Menschen eineinhalb Jahre giftiges Wasser getrunken hatten, räumten die Behörden den Skandal ein. Präsident Barack Obama rief Mitte Januar den Notstand für die Region aus. Seit einigen Wochen wird Wasser in Flaschen kostenlos verteilt.

Blei im Blut nachgewiesen

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Auch Chantel Jackson und ihr Sohn sind zur Kaserne gekommen, um den Kofferraum ihres Autos mit Flaschen vollzuladen. "Wir machen uns besonders Sorgen um unsere Kinder", sagt die 55-Jährige. Bei ihrem Enkel wurde Blei im Blut nachgewiesen. Die Menge bedeute keine langfristige Gefahr, versicherten ihr die Ärzte. Doch Jackson will das nicht so recht glauben. "Was wird als nächstes passieren?", fragt sie.

Der Alltag in Flint ist mühsamer geworden. Es kostet Zeit, die Flaschen nach Hause zu schleppen und Flasche für Flasche in den Kochtopf oder ins Spülbecken zu füllen. Manche Einwohner kochen sogar das Wasser für ihre Waschmaschine ab, um ganz sicher zu sein, dass ihre Kleidung nicht belastet ist. Wie lange das so weiter geht, wissen auch die Behörden nicht. Erst muss sichergestellt werden, dass die korrodierten Leitungen kein Blei mehr freisetzen.

Der republikanische Gouverneur von Michigan, Rick Snyder, hat angekündigt, den Bewohnern von Flint 30 Millionen Dollar (27,4 Millionen Euro) für die Kosten des verseuchten Wassers zurückzuerstatten. Doch die Ängste der Menschen beseitigt das nicht.

Die 80 Jahre alte Melvina Fields achtet beim Duschen penibel darauf, dass kein Tropfen Wasser in ihren Mund gelangt. "Meinem Mann sage ich das auch", erzählt sie. Die Soldaten laden ihr das Wasser in den Wagen des Nachbarn, der die alte Frau zur Kaserne gefahren hat. "Aber am schlimmsten ist es für die kleinen Babys", sagt Fields. "Das Wasser macht ihnen ihre kleinen Köpfchen kaputt."

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Quelle: n-tv.de

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