Panorama
Der junge Mann bedauerte seinen "Bockmist".
Der junge Mann bedauerte seinen "Bockmist".(Foto: dpa)
Mittwoch, 30. Mai 2012

"Lasst uns das Schwein tothauen": Emder erhält Jugendarrest

Nach dem Mord an der Schülerin Lena in Emden wird ein 17-Jähriger tagelang verhört. Wie sich herausstellt, trifft den Jugendlichen keine Schuld. Ein 18-Jähriger ruft derweil über Facebook dazu auf, das Gefängnis der Stadt zu stürmen und den vermeintlichen Täter zu töten. Für diesen "Bockmist", wie er selbst sagt, bekommt er einen "Schuss vor den Bug".

Ein 18-Jähriger, der nach dem Mord an der Schülerin Lena in Emden im Internet zur Lynchjustiz aufgerufen hatte, muss zwei Wochen Jugendarrest absitzen. Das entschied das Jugendschöffengericht in Emden.

Das Medieninteresse war erwartungsgemäß groß.
Das Medieninteresse war erwartungsgemäß groß.(Foto: dapd)

Ziel der Attacke war ein junger Mann, der von der Polizei zunächst als Tatverdächtiger verhaftetet worden war, dessen Unschuld sich aber später herausstellte. Der Richter sagte in seiner Urteilsbegründung: "Wir wollen kein Exempel statuieren, sondern Sie sollen einen Warnschuss vor den Bug bekommen. So was darf nicht wieder vorkommen."

Der 18-jährige hatte Ende März im sozialen Netzwerk Facebook gegen einen damals 17-Jährigen gehetzt, der nach dem Mord an der elfjährigen Lena in Emden irrtümlich unter Tatverdacht geraten war. Auf seiner Facebook-Seite schrieb der 18-Jährige: "Aufstand! Alle zu den Bullen. Da stürmen wir. Lasst uns das Schwein tothauen." Danach versammelten sich Dutzende Menschen vor der Emder Polizeiwache und forderten die Herausgabe des 17-Jährigen, der gerade verhört wurde.

Verdächtigter leidet noch heute unter Internet-Mobbing

Der Angeklagte selbst sagte: "Ich habe Bockmist gebaut." Er war ohne Verteidiger im Gericht erschienen und verzichtete auf ein Schlusswort. Eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe betonte, der Angeklagte habe alles zur Wiedergutmachung getan, was denkbar sei.

Der 18 Jahre alte Angeklagte ist nicht vorbestraft. Vor Polizisten hatte er eingeräumt, der Tod des Mädchens habe ihn emotional stark berührt. Daher habe er sich in keiner Weise überlegt, welche Tragweite sein Aufruf haben könne. Er wolle sich bei allen Beteiligten und vor allem bei dem Opfer entschuldigen.

Der fälschlicherweise Verdächtigte war damals 17 Jahre alt und floh nach seiner Entlassung aus dem Polizeigewahrsam erst einmal aus der Stadt. Bis heute leidet er an den Folgen des Internet-Mobbings. Mehr als 2500 Menschen zeigten später ihre Solidarität und demonstrierten gegen die öffentliche Vorverurteilung von Unschuldigen in sozialen Netzwerken.

Medien kochten den Abend in Emden hoch

In den Tagen nach dem Mord an dem Mädchen waren viele Emotionen hoch gekocht. Unweit des Tatorts mit einem Meer von Blumen und Kerzen für Lena hatte sich in der Nacht zum 29. März nach dem Internet-Aufruf eine 40- bis 50-köpfige Menschenmenge vor der Polizeiwache versammelt. Die Ermittler sollten den Verdächtigen herausgeben, damit man sich um ihn kümmern könne, berichtete die Polizei über Rufe aus der Menge. In Medien war später von einem "tobenden Mob" die Rede. Die nicht angekündigte Versammlung wurde weder aufgelöst noch müssen sich die Teilnehmer wegen Landfriedensbruchs verantworten.

"Wer hinter den Lynchaufrufen steckt, muss die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen", hatte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut, zu dem Emder Fall gesagt. Die Diskussion über Stammtischparolen und Mobbing im Netz drehen sich bis heute aber auch über mögliche Gefahren der Polizei-Fahndung per Facebook: Das Risiko von Vorverurteilungen und falschen Verdächtigungen am virtuellen Pranger sei hoch, warnen Kritiker.

Wann der Prozess gegen einen anderen 18-Jährigen beginnt, der den Mord an Lena gestanden hat, steht noch nicht fest. Er sitzt seit dem 28. März in Untersuchungshaft und schweigt seither zu den Vorwürfen. Die Polizei ermittelt in den eigenen Reihen, weil eine Selbstanzeige des Mannes im November 2011 ohne Folgen geblieben war.

Quelle: n-tv.de

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