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Es gibt ein Leben nach dem Knast.
Es gibt ein Leben nach dem Knast.(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 05. September 2014

Was tun mit Hochrisiko-Straftätern?: "Entlassen werden sie alle"

Von Solveig Bach

Wie gelingt es, dass Hochrisiko-Straftäter nach ihrer Entlassung möglichst keine Bedrohung mehr sind? In einem EU-Projekt wurden dazu Standards erarbeitet. Die Ideen sind oft überraschend einfach.

Sie sind der gefühlte Alptraum einer Gesellschaft, Straftäter, die schlimmste Verbrechen begangen haben, ihre Strafe abgesessen haben und nun entlassen werden sollen. In vielen Köpfen herrscht die Vorstellung: Einmal Mörder, immer Mörder, einmal Vergewaltiger, immer Vergewaltiger. Doch längst nicht jeder, der eine lange Freiheitsstrafe verbüßt hat, wird rückfällig.

Aber es gibt einen kleinen Prozentsatz sogenannter Hochrisiko-Straftäter. Sie haben laut ihrer Sozialprognose auch künftig eine hohe Wahrscheinlichkeit, erneut schwerste physische oder psychische Schäden durch ihre Straftaten hervorzurufen. Und sie stellen die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Um zu erreichen, dass von ihnen keine weitere Bedrohung ausgeht, sind besondere Anstrengungen nötig. Welche das sein müssten, damit haben sich zwei Jahre lang Experten aus Irland, Estland, Finnland und Deutschland beschäftigt. Das Ziel waren Empfehlungen für Standards, die künftig EU-weit gelten sollen. Denn bislang geht jedes Land seinen eigenen Weg.

Zur deutschen Expertengruppe gehörte auch Jörg Jesse. Der Abteilungsleiter für Strafvollzug und Bewährungshilfe im Schweriner Justizministerium war viele Jahre Chef der Justizvollzugsanstalt Hannover. Jesse erinnert sich an den Beginn des Projekts vor zwei Jahren, an dem selbst die Spezialisten Mühe hatten, zu verstehen, was die anderen machen. "Jeder denkt ja in seiner eigenen Systematik, also auch in seinem eigenen Rechtssystem. Wenn also jemand etwas aus seinem Land erzählt, versucht man es immer in das eigene System zu übersetzen. Das klappt nicht, und dann gibt man das auf und versucht es vor dem Hintergrund des anderen zu verstehen."

Dieser Punkt liegt lange zurück. Inzwischen weiß Jesse ziemlich genau, wie jedes der Teilnehmerländer mit dieser Tätergruppe von der Aufnahme in den Vollzug bis zu dem Zeitpunkt, wo sie wieder entlassen werden, vorgeht. Aus der Gegenüberstellung der verschiedenen Vorgehensweisen wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet und Qualitätsstandards abgeleitet. Das klingt leichter, als es manchmal war, doch schließlich kristallisierten sich Maßnahmen heraus, die alle als besonders wichtig und hilfreich einschätzten.

Zusammenarbeit ist das A und O

Für Jesse ist das beispielsweise die Zusammenarbeit zwischen Bewährungshilfe und Justizvollzug. Mecklenburg-Vorpommern hat diese beiden Bereiche bereits vor Jahren zusammengelegt, als bisher einziges Bundesland. Die Idee dahinter ist, das Gefängnis nicht als abgeschlossenes System zu begreifen und die Gesellschaft draußen als ein anderes. Inzwischen werden alle Daten, die es in den Justizvollzugsanstalten zu einem Gefangenen gibt, mit der Bewährungshilfe geteilt, die nach der Entlassung genau dort mit ihrer Begleitung ansetzen kann, wo die Vollzugsbeamten, Psychologen und Sozialarbeiter mit dem Straftäter angekommen waren. In Finnland ist dieses Vorgehen längst gang und gäbe, das wird nun als europäischer Standard vorgeschlagen.

Ein weiterer Problempunkt ist die kaum vorhandene Beteiligung der Kommunen oder Landkreise an der Wiedereingliederung der Hochrisiko-Täter. Jeder denke, diese Menschen kommen aus dem Strafvollzug, beschreibt Jesse das Problem. "Aber das sind Leute aus Hannover, Hamburg oder Berlin. Da kommen sie her und da gehen sie auch wieder hin. In den Kommunen tun viele aber so, als ob sie mit ihren ehemaligen Mitbürgern nichts zu tun haben. Das ist sehr kurzsichtig, weil wenn etwas passiert, die Bevölkerung vor Ort betroffen ist." Im Grunde haben die Kommunen ein vitales Interesse daran, etwas zu tun, damit die Wiedereingliederung klappt. Stattdessen versuchen sie meist aus Angst, den Strafentlassenen loszuwerden. Am liebsten wäre es ihnen, er käme gar nicht erst frei. "Da kommt man ganz schnell in ethische Fragestellungen hinein. Unser Freiheitsprinzip gilt natürlich auch für Straftäter, die ihre Strafe verbüßt haben. Aber es gibt ein Spannungsverhältnis zum Bedürfnis nach Schutz für die Bürger."

Andere Länder haben dafür Ideen entwickelt. Finnland beispielsweise hat ein Netz aus Nichtregierungsorganisationen, die eng mit der Justiz, dem Vollzug und der Bewährungshilfe zusammenarbeiten. Eine dieser Organisationen nennt sich CRIS, der Name steht für "Criminals return into society". "Das ist im Grunde genommen eine Selbsthilfegruppe von Ex-Gefangenen, die teilweise selbst jahrelang im Knast gesessen haben. Das sind für Gefangene ausgesprochen ernst zu nehmende Gesprächspartner, denen man ja auch nichts vormachen kann, die kennen das alles. Die helfen nun anderen Gefangen dabei, sich wieder zu integrieren." CRIS arbeitet sehr konsequent, schon tagelang vor der Entlassung sind die Helfer mit dem Gefangenen zusammen, um alles zu besprechen. Es werden genaue Verhaltensregeln festgelegt, wie: Kein Alkohol, keine Straftaten! Und die Gruppenmitglieder sind auch da, wenn der Straftäter entlassen wird. Denn viele Gefangene sagen, das Schlimmste am Vollzug sind die Tage nach der Entlassung.

Ressortübergreifende Verantwortung

Dann kommen die Probleme zurück, die möglicherweise mit zu der Tat geführt haben. "Kriminalität, auch Hochrisikokriminalität, hat oft etwas mit ganz anderen Problemen zu tun. Mit Sucht, mit mangelnder Impulskontrolle, mit der Notwendigkeit von therapeutischer Auseinandersetzung, mit der Tatsache, dass man ausgegrenzt, schlecht ausgebildet oder arm ist, gesundheitliche Probleme hat." Doch die Ministerien, die mit diesen Bereichen befasst sind, "halten sich da raus". Norwegen fasste deshalb einen Kabinettsbeschluss, in dem steht, dass alle Ressorts für die Wiedereingliederung zuständig sind. Das will Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin Uta-Maria Kuder im November nun auch ihren Länderkollegen vorschlagen.

Jesse sagt von sich selbst, er sei kein Sozialromantiker. "Ich kann schon gefährlich von ungefährlich unterscheiden. Aber der Punkt ist, sie werden alle entlassen. Das kann man nicht oft genug sagen, und es ist dumm von einer Gesellschaft, sich dieser Fragestellung nicht zu stellen." Er betont aber auch, dass die wissenschaftlichen Diagnose- und Prognoseverfahren in den vergangenen Jahren viel besser geworden sind. Allein in seinem Bundesland bekommen in jedem Jahr 30.000 Gefangene Vollzugslockerungen. Manche dürfen nur für eine Stunde das Gefängnis verlassen, andere für vier, wieder andere arbeiten oder verbringen ein Wochenende mit der Familie und kommen dann zurück. Im letzten Jahr kehrten nur 48 Gefangene nicht pünktlich zurück und nur 8 von ihnen begingen tatsächlich eine Straftat. Wobei es sich dabei meist nur um kleinere Delikte handelte.

Aber Jesse weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn es tatsächlich zum Super-Gau kommt. "Man kann sich das kaum vorstellen, was in einer Justizvollzugsanstalt los ist, wenn jemand, der da drei oder fünf oder sieben Jahre gewesen ist, in Lockerung wieder eine einschlägige Straftat begeht. Das ist traumatisierend für alle, die mit dem gearbeitet haben. Sie fragen sich: Was habe ich falsch gemacht? Wer hat ihn zuletzt gesehen? Wer hat mit ihm gesprochen? Was haben wir übersehen? Welche Signale hat es gegeben? Warum haben wir das nicht gemerkt? Als wir gewichtet haben, haben wir einen Aspekt falsch eingeschätzt?" Doch am nächsten Tag müssen sie das in einem anderen Fall alles wieder entscheiden.

Jesse ist überzeugt, "wenn wir Risiken reduzieren wollen, müssen wir zusammenarbeiten, dann müssen wir Risiken teilen." Dazu gehöre auch, den Täter ernst zu nehmen und ihn nicht als Objekt behandeln. "Es steht jeder Gesellschaft gut an, diese Menschen zu begleiten und auf sie aufzupassen."

Quelle: n-tv.de

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