Panorama

Der Ekel auf dem TellerFaules Fleisch im Handel

06.11.2005, 17:19 Uhr

Bei dem neuen Lebensmittelskandal in Deutschland ist verdorbenes Fleisch wahrscheinlich bis auf die Teller der Verbraucher gelangt. Unter anderem dürften Döner-Buden das beanstandete Fleisch verarbeitet haben.

Bei dem neuen Lebensmittelskandal in Deutschland ist verdorbenes Fleisch wahrscheinlich bis auf die Teller der Verbraucher gelangt. Davon geht das Verbraucherschutzministerium in Niedersachsen aus. Unter anderem dürften Döner-Buden das beanstandete Fleisch verarbeitet haben.

Ein Betrieb in Lastrup bei Cloppenburg, der als Zwischenhändler tätig war, soll große Mengen verdorbenes Geflügelfleisch verkauft haben. Auch in anderen Bundesländern beschlagnahmten die Ermittler Ware in Fleisch verarbeitenden Betrieben. Unterdessen ist Kritik laut geworden, die Lebensmittel-Kontrollen in Deutschland seien zu lax.

An diesem Montag will das Ministerium in Niedersachsen bekannt geben, ob von dem vergammelten Fleisch eine Gesundheitsgefährdung ausgeht. Dann sollen erste Ergebnisse untersuchter Fleischproben vorliegen.

Betrieb in Lastrup geschlossen

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte den Betrieb in Lastrup geschlossen, nachdem vor etwa 14 Tagen eine Mitarbeiterin der insolventen Firma berichtet hatte, dort sei gefrorenes Fleisch unsachgemäß aufgetaut und als Frischfleisch verkauft worden. Zudem wird geprüft, ob Fleisch mit Wasser aufgespritzt wurde, um das Gewicht zu erhöhen. Die Justiz ermittelt wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Verstoßes gegen das Lebensmittelgesetz.

Altes Prinzip

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat nach einem Medienbericht bereits Anfang 2005 Hinweise auf die Betrugsmasche des Betriebs bekommen. Auch der Sprecher des Verbraucherministeriums in Hannover, Gert Hahne, sagte, "man kann davon ausgehen, dass das Prinzip schon länger läuft". Es könnten vor allem Döner-Buden und kleinere Läden betroffen sein, Supermarkt-Ketten dagegen kaum. Die Gewerkschaft soll bereits Anfang des Jahres von zwei Mitarbeitern über die Praktiken in dem Betrieb in Lastrup informiert worden sein. Die NGG habe ihnen geraten, zur Polizei zu gehen - was diese aus Angst vor Kündigung aber nicht gewagt hätten.

Bessere Kontrolle gefordert

Die Grünen im Bundestag forderten eine Reform der aus ihrer Sicht unzureichenden Lebensmittelkontrolle in Deutschland. "Eine effektive Lebensmittelkontrolle ist bislang von den Bundesländern verhindert worden", sagte die agrarpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Ulrike Höfken. Die Föderalismus-Kommission müsse das "bestehende Chaos mit unterschiedlichen Kompetenzen" beseitigen. Auch die Grünen-Fraktion im Landtag in Hannover kritisierte, die Fleischmafia werde durch zurückhaltende staatliche Kontrollen begünstigt. Ministeriumssprecher Hahne sagte dagegen, die Länder könnten besser beurteilen als Berlin, was in den Regionen kontrolliert werden müsse.

Der Geschäftsführer der Verbraucherorganisation "foodwatch", Thilo Bode, warf den Ländern und Kreisen vor, bei Kontrollen nicht genügend durchzugreifen. Im NDR Info sagte Bode, die Behörden müssten Namen verdächtiger Betriebe veröffentlichen. "Dann würden die Firmen viel mehr aufpassen, bevor sie irgendwelche schlechten Sachen machen." Die Versuchungen zu schwindeln seien ziemlich groß, da das Risiko, größere Strafen zahlen zu müssen, sehr gering sei. "Es handelt sich schon um einen Systemfehler hier, der noch dazu erschwert wird, weil eben unsere Kontrollen in Deutschland nicht sehr effektiv, föderal organisiert und zum Teil auch nicht wirklich unabhängig sind", meinte Bode.

2,2 Tonnen Gammelfleisch

Die Behörden durchsuchten nach dem Verdacht in Lastrup rund 20 Fleisch verarbeitende Betriebe in mehreren Bundesländern. Nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums in Nordrhein-Westfalen wurden bis Sonntag etwa 2,2 Tonnen Putenschenkel und -brust sowie Gänsehälse sichergestellt. Nach ersten Erkenntnissen sind "geringe Mengen" an den Verbraucher gelangt. In Mönchengladbach war ein Teil der Waren bereits an zwei Restaurants, eine Pizzeria und ein Bistro ausgeliefert worden, wurde aber noch rechtzeitig entdeckt, teilte die Stadt mit. Die Bremer Gesundheitsbehörde berichtete dagegen, von einer Lieferung Putenfleisch aus Lastrup sei nichts in den Einzelhandel gekommen.

Der dritte Fall in kurzer Zeit

Der neue Fleischskandal ist bereits der dritte binnen weniger Monate. So war bei Filialen der Handelskette real Fleisch mit abgelaufenem Verfallsdatum umetikettiert und wieder verkauft worden. Eine Fleischfirma im niederbayerischen Deggendorf soll in mehr als 50 Fällen rund 760.000 Kilogramm für den menschlichen Verzehr untaugliche Geflügelabfälle als genusstaugliche Ware an Firmen verkauft haben, die diese Ware zu Lebensmitteln verarbeiteten.