Panorama
Die "Rainbow Warrior" im Hafen von Auckland.
Die "Rainbow Warrior" im Hafen von Auckland.(Foto: AP)

30. Todestag Fernando Pereiras: Geheimdienst versenkte "Rainbow Warrior"

Von Volker Petersen

Vor genau 30 Jahren erschüttert die Welt ein Skandal. Der französische Geheimdienst versenkt das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" im Hafen von Auckland in Neuseeland. Bei dem Anschlag kommt der Fotograf Fernando Pereira ums Leben.

Für Fernando Pereira ist es nicht leicht, im Frühjahr 1985 schon wieder seine Familie verlassen zu müssen. Der Fotograf und Greenpeace-Aktivist soll an Bord der "Rainbow Warrior" gehen, die sechs Monate durch den Pazifik kreuzen soll. Ihre Mission: Protest gegen französische Atomtests auf dem Mururoa-Atoll. Pereiras Bilder sollen enthüllen, welche Folgen die Bomben für die Umwelt und die dort lebenden Menschen haben.

Der 34-jährige Portugiese lebt in den Niederlanden, als junger Mann ist er aus seinem Heimatland geflohen. Vor Diktator Salazar, vor der Wehrpflicht und einem möglichen Kriegseinsatz in Angola. Per Anhalter trampte er durch Spanien und Frankreich, bis in die Niederlande, wo er sich niederließ. Bei Greenpeace fand er seine Aufgabe. Er fotografierte die Aktionen der Umweltschützer, reiste mit ihnen um die Welt. Zum Beispiel in die Antarktis, wo diese Robben mit Farbe besprühten, um ihre Felle wertlos zu machen. Nun wartet seine nächste große Reise.

Doch zu Hause sind sein Sohn und seine Tochter, Marelle und Paul, mit ihnen und ihrer Mutter lebt er in den Niederlanden. Die Kinder erinnern sich, wie liebevoll er immer war. Wie er sie zur Schule brachte. Wie er mit ihnen Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Bach hinterm Haus ging. Und auch daran, wie er nicht da war. Aber wie kann er auch zu Hause herumsitzen, während die USA und Frankreich im Pazifik eine Atombombe nach der anderen zünden und sich einen Dreck um die Folgen für die Inselbewohner kümmern? "Pass gut auf deine Mama auf, ich mache meinen Job und bin bald wieder daheim", sagt Fernando zu seiner Tochter. "Wie konnte ich ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal sah?", fragte Marelle sich Jahre später.

Erste Station: Rongelap-Atoll

Fernando geht auf Hawaii an Bord der Rainbow Warrior, jenem Schiff, das den Protest im Pazifik anführen soll. Die Reise beginnt in Jacksonville, Florida, erstes Ziel ist das Rongelap-Atoll, danach geht es nach Neuseeland, von dort dann zum Mururoa-Atoll.

Die Aktivisten steuern die Rongelap-Inseln an, weil die dortigen Bewohner sie um Hilfe gerufen haben. Die Insel liegt in Nachbarschaft zum Bikini-Atoll, wo die USA jahrelang nukleare Sprengköpfe testeten. 300 Menschen leben dort. Viele haben Krebs, Kinder kommen auffallend oft mit Fehlbildungen zur Welt. Die Bewohner haben Greenpeace gebeten, sie wegzubringen. Ziel ist die Insel Mejato, gut 200 Kilometer südlich.

Die Aktion gelingt, am 10. Mai ist die Evakuierung der Insel abgeschlossen. Es ist der erste freie Tag seit langem und außerdem ein Freudentag für Fernando. Er feiert seinen 35. Geburtstag, die Crew schenkt ihm ein T-Shirt. Auf der Vorderseite steht "Rainbow Warrior Speditions", auf der Rückseite haben alle Besatzungsmitglieder unterschrieben. Nächstes Ziel: Auckland in Neuseeland. Hunderte Einheimische bejubeln die Ankunft der Rainbow Warrior, der sich mehrere kleine Schiffe angeschlossen haben. Erst einmal gibt es jetzt eine mehrtägige Pause.

Geheimdienst wartet schon

Doch die Umweltschützer wurden nicht nur von ihren Sympathisanten erwartet. Der französische Geheimdienst hat lange zuvor eine Spionin in das Greenpeace-Büro in Auckland eingeschleust. Durch sie sind die Franzosen bestens über alle geplanten Aktionen informiert. Sie wollen verhindern, dass diese Leute ihre Atomtests fotografieren. Schlechte Presse ist unerwünscht. Sie haben den Plan gefasst, das Schiff im Hafen von Auckland zu versenken. Am späten Abend des 10. Juli läuft die "Operation Satanic" an.

Kampftaucher befestigen zwei Haftminen an dem unter Wasser liegenden Bauch des Schiffes. Die erste Bombe soll die Crew aufmerksam machen und ihr Zeit geben das Schiff zu verlassen. Denn Menschen sollen nicht getötet werden, wie sich eine Agentin später erinnert. Daher habe man das Schiff auch im Hafen versenkt und nicht auf offener See.

Am 10. Juli wird wieder ein Geburtstag gefeiert, der von Kampagnenleiter Steve Sawyer. Es wird spät, manche legen sich bereits in ihre Kojen. Fernando feiert noch mit. Es knallt um 23:38 Uhr. Das Schiff wird erschüttert, als es sich zu neigen beginnt, befiehlt der Kapitän: "Alle Mann von Bord!". Doch Fernando kann das Schiff nicht einfach so verlassen. Seine teure Kameraausrüstung ist ja noch in seiner Kajüte. Er rennt zurück ins Schiff, da explodiert die zweite Bombe. Wasser schießt in das Innere des Schiffs, Fernando wird überrascht. Gegen den Strom versucht er sich ins Freie zu retten. Er schafft es nicht. Der Fotograf ertrinkt, später stellt man fest, dass sich ein Fuß in der Schlaufe seiner Kameratasche verfangen hatte.

Frankreich muss zahlen

Die Öffentlichkeit in Neuseeland und im Ausland ist empört, vertuschen lässt sich die "Operation Satanic" nicht mehr. Zeugen haben ein Auto gesehen und sich die Nummer notiert, die Spur führt nach Paris zum Geheimdienst - der Hinweis kommt vom französischen Innenministerium, das den neuseeländischen Behörden brav Amtshilfe leistet, weil es nichts von der Geheimoperation ahnt. Ein als Schweizer Ehepaar getarntes Agentenduo wird festgenommen, ihnen wird der Prozess gemacht und sie werden verurteilt. Frankreich droht mit Sanktionen, nach mehreren Monaten Haft dürfen die Agenten ausreisen. In Frankreich werden sie wie Helden empfangen und mit Orden dekoriert.

Die "Rainbow Warrior" liegt nach dem Anschlag auf dem Grund des Hafenbeckens. Zwei Jahre später wird sie gehoben, abgeschleppt und in einer Bucht erneut versenkt. Sie soll als Nährboden für Korallen und Pflanzen dienen. Greenpeace schafft ein neues Schiff an, die "Rainbow Warrior II". Leisten kann sich die Organisation das auch, weil Frankreich rund acht Millionen Euro Entschädigung zahlt. Außerdem spenden weltweit Menschen der jungen Organisation. Sie hat viele Sympathien gewonnen. Das Ziel, Protest gegen die Atomtests zu verhindern, erreichen die Franzosen nicht. Sie testen dennoch weiter, bis Anfang 1996. Dann ist die internationale Empörung so groß, dass die Regierung sie nicht mehr ignorieren kann. Die Tests werden eingestellt.

Weitere Informationen finden Sie unter www.greenpeace.de

Quelle: n-tv.de

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