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Die Bewohner von Dervecser retten, was noch zu retten ist.
Die Bewohner von Dervecser retten, was noch zu retten ist.(Foto: REUTERS)

Umweltkatastrophe in Ungarn: Giftschlamm zerstört Dörfer

Vier Tote, über hundert Verletzte, Verwüstungen in fünf Ortschaften: Eine Million Kubikmeter ätzender Industrieschlamm aus einer ungarischen Aluminiumhütte ergießt sich aus einem geborstenen Rückhaltebecken. Die giftige Masse löst ein ökologisches Desaster aus. Für drei Bezirke verhängt die Regierung den Notstand.

Es ist die bisher schlimmste Umweltkatastrophe in Ungarn: Eine Schlammlawine mit giftigen Stoffen hat im Westen des Landes mehrere Orte überschwemmt und mindestens vier Menschen in den Tod gerissen. Sechs Personen werden vermisst. Der ätzende Bauxitschlamm verletzte mehr als hundert Menschen. Die Verletzten litten vor allem an Verätzungen an Haut und Augen durch die Giftstoffe in der Schlammlawine und wurden in Krankenhäuser gebracht. Umweltschützer warnten vor Gesundheitsgefahren und vor Verschmutzung des Trinkwassers. Die Regierung verhängte für die westungarischen Bezirke Veszprem, Vas und Györ den Notstand.

Die nachhaltigen Folgen für Anwohner, für Flora und Fauna sind noch gar nicht abzusehen.
Die nachhaltigen Folgen für Anwohner, für Flora und Fauna sind noch gar nicht abzusehen.(Foto: dpa)

Am Montagabend war nach einem Dammbruch roter, giftiger Schlamm aus dem Rückhaltebecken der Aluminiumfabrik MAL AG in Ajka, 165 Kilometer westlich von Budapest, geflossen und hatte sich durch mehrere Dörfer gewälzt. Mittlerweile seien eine Million Kubikmeter Schlamm aus dem Sammelbecken ausgetreten, sagte der Umweltstaatssekretär Zoltan Illes der Nachrichtenagentur MTI. Innenminister Sandor Pinter erklärte am Dienstagnachmittag jedoch, die unmittelbare Gefahr sei abgewendet. Die betroffene Firma wollte bisher keine Verantwortung übernehmen.

Den Helfern bot sich in den betroffenen fünf Ortschaften ein Bild der Verwüstung. In Kolontar und der benachbarten Kleinstadt Devecser stand der rote natronlaugehaltige Bauxitschlamm meterhoch. Die Schlammlawine begrub Hunderte Häuser, Autos und Gärten unter sich. Unter den Toten in dem Dorf Kolontar waren zwei Kleinkinder, bestätigten die Behörden.

Schlamm schwappt in die Wohnungen

Männer in Schutzanzügen versuchen, die Ortschaften wieder zu säubern.
Männer in Schutzanzügen versuchen, die Ortschaften wieder zu säubern.(Foto: AP)

"Die Decke ist drei Meter hoch und der Schlamm war zweieinhalb Meter hoch", sagte ein Mann im staatlichen Fernsehen. "Mein Kind war zu Hause, es konnte sich auf das Dach retten." Anwohner mussten von Rettungstrupps aus ihren Häusern geholt werden. Noch in der Nacht versuchten Rettungskräfte in Schutzanzügen die Straßen wieder zu säubern.

"Wir haben viele Tonnen Gips in den Fluss Marcal geschüttet und hoffen so, den giftigen Schlamm zu neutralisieren", sagte eine Sprecherin des nationalen Katastrophenschutzes. Die Giftigkeit des Schlamms nehme mit jedem Kilometer ab.

Tote Fische aus dem Fluss Marcal wurden an die Ufer geschwemmt. "Ich finde keine Worte dafür", zitierte das Internetportal "nol.hu" einen 25-jährigen Augenzeugen. "Ich rannte auf den Kirchhügel und musste zusehen, wie die Flut einfach mein Auto verschlang." Das "unheimliche, brodelnde Geräusch" der Lawine werde er nie vergessen, sagte er.

Innenminister wiegelt ab

Eine Million Kubikmeter des giftigen Schlamms bedeckt die Region.
Eine Million Kubikmeter des giftigen Schlamms bedeckt die Region.(Foto: AP)

Innenminister Pinter gab inzwischen Entwarnung: "Die unmittelbare Gefahr ist vorbei", sagte der Politiker im Anschluss an eine Sitzung des Katastrophenschutz-Komitees in Kolontar. "Die Arbeit konzentriert sich auf die Schadensaufnahme und -behebung." Die Einsatzkräfte seien dabei, den in dem beschädigten Speicher verbliebenen Bauxitschlamm abzusaugen.

Zu der Chemiekatastrophe kam es, nachdem aus bisher ungeklärten Gründen ein Bauxitschlamm-Speicher der Aluminiumhütte MAL AG geborsten war. Die giftige Masse strömte in einen Bach und vermengte sich mit dem Hochwasser, das schon seit mehreren Tagen die Gegend heimsucht. Ministerpräsident Viktor Orban vermutete menschliches Versagen als Unglücksursache. Es gebe keine Hinweise auf eine natürliche Ursache, sagte der Regierungschef zur Begründung. Daher liege die Annahme nahe, dass die Schlammlawine durch fehlerhaftes menschliches Verhalten ausgelöst worden sei.

Betriebserlaubnis entzogen

Die Lawine überschwemmte den Ort Kolontar und richtete in vier benachbarten Ortschaften Schäden an. 400 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden. Umweltstaatssekretär Illes, der am Vormittag am Katastrophenort eingetroffen war, entzog der MAL-Aluminiumhütte umgehend die Betriebsgenehmigung. Die Unternehmungsführung wies aber jede Verantwortung von sich. "Wir arbeiten unter Einhaltung aller Regeln und Vorschriften", erklärte der MAL-Geschäftsführer Zoltan Bakonyi. Vor dem roten Schlamm brauche "sich niemand zu fürchten", dieser sei "völlig ungefährlich", behauptete er.

Umweltschützer warnen vor Folgen

Umweltschutzorganisationen widersprachen dieser Darstellung heftig. "Der Rotschlamm lagert sich ab und verwüstet so landschaftliche Flächen vor Ort", sagte Zsolt Szegfalvi, Leiter des Greenpeace-Büros in Ungarn. Der Wind könne den getrockneten Schlamm bis zu 15 Kilometer weit wehen.

Auch einen Tag nach dem Unglück im Alu-Werk steht in Devecser der ätzende Schlamm immer noch in Häusern und Straßen.
Auch einen Tag nach dem Unglück im Alu-Werk steht in Devecser der ätzende Schlamm immer noch in Häusern und Straßen.(Foto: AP)

Die ätzende laugen- und schwermetallhaltige Substanz könne Haut und Augen verletzen, stellte die ungarische Umweltorganisation Levegö Munkacsoport (Arbeitsgemeinschaft Saubere Luft) fest. Dringt der Schlamm ins Grundwasser, würden Schwermetalle in Trinkwasser und Nutzpflanzen gelangen. Deren Genuss könne dann schwere Gesundheitsschäden verursachen.

Die Katastrophe lenkte das Augenmerk auf den immer noch vernachlässigten Umweltschutz in Mittel- und Osteuropa. Im Januar 2000 war im nordwestrumänischen Baia Mare, unweit der ungarischen Grenze, ein Reservoir mit zyanidhaltigem Klärschlamm aus einem Goldbergwerk geborsten. Die Giftwelle hatte im ungarischen und serbischen Abschnitt der Theiß ein massives Fischsterben ausgelöst.

Der Bauxitschlamm in Kolontar wird - wie der Klärschlamm in Baia Mare - in offenen Speichern gelagert. Der rote Schlamm ist ein Nebenprodukt bei der Erzeugung von Tonerde (Aluminiumoxid), aus der wiederum Aluminium gewonnen wird. Das Aluminiumwerk MAL AG mit der Hütte im westungarischen Ajka und Reservoirs bei Kolontar hatte früher zu einem staatlichen Aluminium-Kombinat gehört und war nach der Wende privatisiert worden.

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Quelle: n-tv.de

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