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(Foto: picture alliance / dpa)

Sachverständige im Gericht: Gutachter sollen nicht Richter sein

Von Solveig Bach

Der Rechtspsychologe Rudolf Egg hat unzählige Male die Gefährlichkeit und Rückfallgefahr von Verurteilten beurteilt. Inzwischen beeinflussen Gutachter die Strafjustiz oft erheblich und gelten nicht selten als heimliche Richter. Sehr zu ihrem eigenen Missfallen.

"Man wird ja als Sachverständiger nur dann in den Gerichtssaal gerufen, wenn es schwierige Entscheidungen gibt", sagt Rudolf Egg über die Herausforderungen, die er als forensischer Gutachter in Prozessen meistern muss. Jahrzehntelang hat er Menschen begutachtet. Etwa um den Wahrheitsgehalt von Zeugenaussagen zu beurteilen oder um Unterstützung bei der Frage zu leisten, ob jemand das Gefängnis oder die Psychiatrie wieder verlassen darf.

Für Egg haben er und seine Berufskollegen eine wichtige soziale und rechtliche Funktion. Das Gericht müsse klären, ob jemand eine Tat begangen hat, welche Straftatbestände erfüllt wurden und welche Strafe dafür angemessen ist. Er als Psychologe müsse dagegen viel weiter gehen. Er müsse versuchen, alle Einzelheiten, die zu einer Tat geführt haben, zu erfassen, um die Tat zu verstehen. Wobei Egg mit "verstehen" nicht etwa meint, "Verständnis haben", "billigen" oder "rechtfertigen".

"Es geht vielmehr darum, möglichst viele Details einer Tat nachzuvollziehen. Denn nur, wenn ich das gemacht habe, kann ich auch sagen, ob jemand wieder in eine solche Situation kommen kann und wie wahrscheinlich es ist, dass er wieder genauso reagiert. Dieser Sprung in die Prognose ist nur möglich, wenn man die sogenannte Anlass- oder Bezugstat in diesem Sinn verstanden hat."

Das Buch ist bei Bertelsmann erschienen und kostet 17,99 Euro.
Das Buch ist bei Bertelsmann erschienen und kostet 17,99 Euro.

In seinem Buch "Die unheimlichen Richter. Wie Gutachter die Strafjustiz beeinflussen", erläutert der langjährige Direktor der Kriminologischen Zentralstelle das aufwändige Verfahren, das er dafür verwendet. Zunächst liest er die verfügbaren Akten und versucht sich dann, wenn es irgend geht, im persönlichen Gespräch ein Bild von dem zu Begutachtenden zu machen. So ist auch das standardisierte Vorgehen. Eingehalten wird es dennoch oft nicht. Gustl Mollath beispielsweise verbrachte Jahre in der Psychiatrie, ohne dass der Gutachter, der das empfahl, jemals mit ihm gesprochen hatte.

Fachchinesisch für Entscheidungsschwache

Eine andere Fehlerquelle ist, wenn ein Gericht meint, es müsse der Empfehlung des Gutachters unbedingt folgen. Egg betont, das sei ein völlig falscher Ansatz. "Das Gericht muss sich in jedem Fall eine eigene Meinung bilden." Dafür müsse das Gutachten so geschrieben sein, dass ein psychologischer Laie es auch versteht.

Überhaupt hat der Mann, der seit Jahrzehnten forensisch-psychologische Gutachten erstellt, ein tiefes Misstrauen gegenüber Expertisen, die überwiegend aus seitenlangen Zitaten aus Fachbüchern oder Akten bestehen. Die besten seiner Zunft schreiben schlüssig aufgebaute Gutachten, aus denen sich sowohl der Befund als auch dessen Interpretation deutlich ablesen lassen. Sie beraten die Gerichte, ohne eine bestimmte Entscheidung vorwegzunehmen.

Denn genauso groß, wie die Gefahr, dass Richter sich keine eigene Meinung mehr bilden, ist die, dass Gutachter sich wie die eigentlichen Richter fühlen. Sachverständige sollten nicht den Versuch machen, "übergriffig zu werden, indem sie den Gerichten nicht nur die Fragen beantworten, die ihnen gestellt werden, sondern indem sie auch quasi die rechtlichen Entscheidungen mit hineinpacken in ihre Expertise und eben nicht mehr bei dem bleiben, was man als Psychologe oder Psychiater wirklich verantworten kann."

Beeinträchtigung oder Schutzbehauptung?

Egg ist einst als junger Psychologie-Absolvent eher zufällig zu dem Thema gekommen, als ihn ein Forschungsauftrag in eine Justizvollzugsanstalt zur Behandlung rückfallgefährdeter Straftäter führte. "Nach den sechs Monaten im Knast konnte ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", schreibt er über diese prägende Zeit. Ein paar Jahre später promovierte er über die Wirkung sozialtherapeutischer Maßnahmen im Strafvollzug und hatte sein Fachgebiet gefunden. Inzwischen ist die Ausbildung zum Fachpsychologen für Rechtspsychologie eine etablierte Qualifikation. 

In all den Jahren hat Egg immer wieder den Vorwurf gehört, ein Täter müsse sich nur auf seine schwierige Kindheit berufen und komme mit einer milderen Strafe davon. "Dass es jemand schwerer hat, der in prekären sozialen Verhältnissen aufgewachsen ist, sich sozial und rechtlich angemessen zu verhalten, als jemand, der eine glückliche Kindheit hatte, liegt auf der Hand. Aber das darf nicht alles entschuldigen, denn schließlich wird jemand als Erwachsener dann eben doch gefordert sein, sich an Recht und Ordnung zu halten."

Umso wichtiger ist es für Egg zu klären, ob ein Angeklagter wirklich schwerste Beeinträchtigungen der Einsichtsfähigkeit und der Steuerungsfähigkeit hat oder nicht. Oft erweise sich der Rückgriff auf die Kindheit lediglich als Schutzmechanismus oder als Verteidigungsstrategie. Das wäre dann einer dieser schwierigen Punkte in einem Prozess, an dem ein Sachverständiger hinzugerufen werden muss.

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Quelle: n-tv.de

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