Intime Fotos von PatientinnenGynäkologe spricht von dunkler Seite

Die Geschichte des Joachim K. liest sich wie ein schlechter Horrorfilm. Jahrelang nutzte der Gynäkologe das Vertrauen von Patientinnen schamlos aus und machte unbemerkt Intimfotos und Videos von den nackten Genitalien Tausender Frauen. Jetzt steht er vor Gericht und sucht Erklärungen.
Er sollte der Arzt sein, dem die Frauen vertrauen können. Doch Dr. Joachim K. hat das Vertrauen seiner Patienten schändlich missbraucht. In einer Schublade versteckte der Gynäkologe eine Kamera, die er je nach Bedarf auf den Untersuchungsstuhl oder in die Umkleidekabine richtete. Zuletzt drückte er täglich Dutzende Male auf den Auslöser. Unbemerkt machte er so jahrelang Zehntausende Intimfotos von den nackten Genitalien der Patientinnen, an denen er Handlungen durchführte, die scheinbar der Untersuchung, tatsächlich aber wohl seiner sexuellen Erregung dienten.
Dafür muss sich Joachim K. nun vor dem Landgericht Frankenthal verantworten. Ihm wird nicht nur eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches in 1484 Fällen vorgeworfen. Der 58-Jährige muss sich außerdem wegen sexuellen Missbrauchs verantworten. Insgesamt wurden 36.146 Fotoaufnahmen und 62 Videodateien sichergestellt. Von einem bundesweit einmaligen Kriminalfall sprechen die Ermittler.
Vor Gericht bat der Mann um Entschuldigung. "Ich schäme mich", sagte der 58-Jährige vor dem Landgericht Frankenthal. Zum Motiv für sein Handeln sagte der Gynäkologe, der seine Praxis im rheinland-pfälzischen Schifferstadt hat, es gebe eine dunkle Seite in ihm.
Der Fall kam im September 2011 ans Licht. Arzthelferinnen hatten Verdacht geschöpft, weil der Chef sie während der Behandlung nie dabeihaben wollte. Im Juli 2011 entdeckten die Mitarbeiterinnen des Frauenarztes schließlich die Digitalkamera, die Joachim K. versehentlich in einer Schublade vergessen hatte. Auf der Kamera sahen die Mitarbeiterinnen, die seit über zwei Jahrzehnten in der Praxis angestellt waren, unzählige Aufnahmen von Vaginas. Dass es dafür keine medizinische Notwendigkeit gab, war ihnen schnell bewusst, dennoch vergingen weitere Wochen, bis die Frauen den Mut fanden, ihren Chef anzuzeigen.
Die eigene Tochter?
Wie der "Spiegel" berichtet, soll unter den Betroffenen auch seine erwachsene Tochter sein, die den Vater nicht angezeigt hat, Mädchen zwischen 13 und 14 Jahren, betagte Frauen, Schwangere, sogar eine, die aufgrund einer am selben Tag erlittenen Fehlgeburt in die Praxis gekommen war, sowie viele, die seit 20 Jahren die Praxis aufsuchten. Die meisten Patientinnen zeigten sich den Ermittlern gegenüber schockiert, als sie von dem Missbrauch erfuhren. Ein Großteil von ihnen habe sich danach in therapeutische Hilfe begeben müssen, wie Vernehmungsbeamtinnen in den Akten notierten. Im Nachhinein sei es ihnen unerklärlich, wie der Arzt, dem sie vertrauten, unbemerkt so agieren konnte.
Der Großteil der Betroffenen schöpfte keinen Verdacht. Nur die extrem horizontal eingestellte Position des Behandlungsstuhls fiel einigen Patientinnen auf. Selbst irritierende Abläufe hielten sie für normal. So soll Joachim K. Behandlungsinstrumente oft länger als notwendig benutzt haben, was einigen Frauen unangenehm war. Nur in seltenen Ausnahmefällen erlaubte er Partnern oder Kindern der Patientinnen den Zutritt zum Behandlungszimmer.
50 Fotos pro Tag
Bisher gab Joachim K. zu, fast täglich 50 Fotoaufnahmen von bis zu zehn Frauen in seiner Praxis gemacht zu haben. Die Videos will er eigenen Angaben zufolge aus medizinischer Notwendigkeit angefertigt haben. Sexuell erregt hätten sie ihn nicht, sagte er einem Gutachter. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Ermittler jedoch Objekte, die eine andere Sprache sprechen: Literatur über Fetische sowie eine Tasche gefüllt mit getragener Frauenunterwäsche, die er im Sankt Vincentius Krankenhaus in Speyer von Patientinnen gestohlen hatte, als er dort als Belegarzt arbeitete. Joachim K. räumte zudem ein, dass er seine Opfer anfangs noch nach bestimmten Kriterien ausgewählt habe: "Nicht zu alt, nicht zu faltig, gute weibliche Formen, im Intimbereich rasiert." Doch schnell wurde er wahllos, fotografierte alle Typen von Frauen - vorausgesetzt, sie waren attraktiv.
Im Fall einer Verurteilung droht ihm eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. Die Zulassung war ihm bereits während der Ermittlungen entzogen worden. Die Staatsanwaltschaft beantragte zudem Berufsverbot.