Panorama

"Spiegel"-Redakteur war nicht im Keller: Henri-Nannen-Preis aberkannt

Einem Autor des "Spiegel" wird der renommierte Henri-Nannen-Preis wieder aberkannt, weil er in seiner Reportage offenbar falsche Tatsachen vorgaukelte. Der ausgezeichnete Text spielt im Keller des bayerischen Ministerpräsidenten, den der Journalist aber offenbar nie betreten hat.

Kriterien nicht erfüllt: Pfisters Text mag gut geschrieben sein, für einen Teil der Jury hat er aber falsche Eindrücke geweckt.
Kriterien nicht erfüllt: Pfisters Text mag gut geschrieben sein, für einen Teil der Jury hat er aber falsche Eindrücke geweckt.(Foto: dpa)

Die Jury des Henri-Nannen-Preises hat dem "Spiegel"-Redakteur René Pfister den Reportage-Preis aberkannt. Pfister hatte die Auszeichnung am Freitag für seinen Artikel mit dem Titel "Am Stellpult" erhalten. Darin porträtiert er den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer am Pult seiner Modelleisenbahn. Er war an dem Ort selbst allerdings nicht gewesen, wie er schon während der Preisverleihung auf Nachfrage von Moderatorin Katrin Bauerfeind einräumte.

"Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss", heißt es in einer Erklärung, die die Jury nun veröffentlichte.

Das Gremium betonte aber, dass es keinen Zweifel an der Korrektheit von Pfisters Fakten habe. "Von einer 'Fälschung' kann keine Rede sein. Wenn aber eine Reportage als die beste des Jahres ausgezeichnet und damit als vorbildlich hervorgehoben werden soll, muss sie besondere Anforderungen erfüllen. Pfisters Text erfüllt diese Anforderung nach Ansicht der Jury-Mehrheit nicht", heißt es. Pfister hatte vor der Entscheidung offenbar keine Gelegenheit, inhaltlich dazu Stellung zu nehmen.

Nannen-Enkelin empört

Eine Enkelin von "Stern"-Grüner Henri Nannen hatte in der Zeitung über die Preisvergabe geschrieben und von einem "handfesten Skandal" gesprochen: "Pfisters Text ist ein Betrug an der Wahrheit, ist Verrat dessen, woran Journalisten mindestens zu glauben vorgeben." Ihrem Bericht zufolge hatte Pfister sich auf mehrere Gespräche mit anderen "Spiegel"-Redakteuren berufen. "Der Text erweckt meiner Meinung nach nicht den Eindruck, als sei ich zu einem konkreten Zeitpunkt selbst mit Seehofer in dem Keller gewesen. Es ist die Schilderung dessen, was ich in langer Recherche über Seehofer und seine Modelleisenbahn zusammengetragen habe", zitiert sie den Preisträger.

Der "Spiegel" reagierte in einer Stellungnahme mit Unverständnis auf die Entscheidung. Die Informationen in dem Text beruhten auf Gesprächen mit Seehofer. "An keiner Stelle hat der Autor behauptet, selbst in dem Keller gewesen zu sein", heißt es in einer Mitteilung des Magazins. "Die Fakten der Eingangspassage sind zudem unbestritten." Bereits in der Vergangenheit seien Geschichten ausgezeichnet worden, die szenische Rekonstruktionen enthielten. Jede Reportage bestehe eben nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem. Dass die Jury Pfister vor ihrer Entscheidung nicht angehört habe, widerspreche zudem den Regeln der Fairness.

Es ist das erste Mal in der Geschichte dieser renommierten Ehrung, dass ein Preisträger die Auszeichnung zurückgeben muss. Einen Nachrücker wird es nach Angaben des "Hamburger Abendblattes" nicht geben. Diesmal wird somit in der Kategorie Reportage kein Preis verliehen.

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Quelle: n-tv.de

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