Panorama
Jule und Anni zeigen bei "Im Gegenteil" vollen Einsatz.
Jule und Anni zeigen bei "Im Gegenteil" vollen Einsatz.
Montag, 17. März 2014

"Im Gegenteil" verkuppelt: Hippe Großstädter suchen Liebe im Netz

Von Saskia Nothofer

Kann man online die große Liebe finden? Ja, glauben zwei junge Frauen und gründen das Online-Magazin "Im Gegenteil". Das Ergebnis ist eine Singlebörse, die ganz anders funktioniert als kommerzielle Portale. Doch wie?

Wenn die große Liebe im realen Leben nicht auftaucht und sämtliche Beziehungsversuche scheitern, versuchen viele Menschen ihr Glück im Internet. Die Liste der Online-Partnerbörsen scheint endlos: Parship, Friendscout24 oder ElitePartner - sie alle sind voll von paarungswütigen Singlefrauen und -männern. Das Prinzip der Seiten ist simpel: Aussehen, Interessen, Wohnort und je nach Freizügigkeit auch andere Details werden abgefragt und auf dem Profil zusammengefasst. Was nicht fehlen darf: ein Foto.

Für diejenigen, die von den klassischen Singlebörsen genug haben, gibt es eine Alternative: das Online-Magazin "Im Gegenteil". Gezeigt werden die Liebe-Suchenden dort in ihrer heimischen Umgebung - ehrlich, ohne Beschönigungen und ohne schlecht retuschierte Fotos. Die Gründer der etwas anderen Partnervermittlung sind Jule und Anni aus Berlin, beide um die 30, modern und nach eigener Aussage Hobbypsychologinnen mit der Passion zum Verkuppeln. Porträtierten die zwei zu Beginn ihres Projekts nur Singles aus Berlin, weiten sie ihr Angebot nun auch auf andere Städte aus. Menschen aus Hamburg und Rostock stehen schon zum Daten bereit, bald soll die Suche nach der großen Liebe auch um Köln, München und Wien erweitert werden.

Doch was genau unterscheidet diese Seite von den bekannten Dating-Portalen? Ein entscheidender Pluspunkt ist Ehrlichkeit. Die Singles gestalten ihre Darstellung nicht selbst, sondern werden von Jule und Anni in Szene gesetzt. Da die Berlinerinnen jeden ihrer Kandidaten persönlich zu Hause besuchen und durch geschickte Fragen einiges aus ihnen herausquetschen, entstehen authentische Großstadtsingle-Porträts. Indiskretion gibt es nicht, allzu pikante Details aus dem Privatleben kommen nicht zur Sprache. "Massenware ist out", betonen Anni und Jule, ihre Singles seien alle mit dem Prädikat "Top-Ware" versehen.

Hipster-Show?

Ein Manko: Auf den ersten Blick wirken die Singles alles andere als durchschnittlich oder bodenständig. Eher glaubt man, urbanen Hipstern dabei zuzuschauen, sich selbst und ihre schicken Wohnungen zur Schau zu stellen und dabei noch ihre frisch gegründeten Start-ups zu präsentieren. Unternehmer, Designer oder Fotografen - hippe, erfolgreiche und schöne Menschen kommen gut an. Doch der erste Eindruck täuscht: Liest man die Porträts genau durch, kommen Schwächen ans Licht. Außerdem ist Inszenierung in gewissem Maße erlaubt: Schließlich wird der Club auch nicht in Jogginghose und ohne Make-up angesteuert. Doch eins fällt auf fast allen Profilen auf: angesagte Jobs. Zu den Jungunternehmern, Designern und Fotografen gesellen sich PR-Beraterinnen, Musiker und Journalisten - Studenten oder Bankangestellte sind rar gesät.

Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen ist die Entstehungsgeschichte der Seite. Denn wie findet man Menschen, die Single sind und sich im Internet  - auf einer völlig unbekannten Seite - auf Liebessuche begeben? Geht man auf die Straße und sucht potenzielle Kandidaten? Nein, man sieht sich im eigenen Freundeskreis um. So geschehen auch bei Jule, die eigentlich Fotografin und Autorin ist, und Anni, die als Künstlermanagerin und DJane ihr Geld verdient. Dass die für den Launch der Seite gefundenen Freunde sich mit ähnlich angesagten Jobs über Wasser halten, liegt nahe. Hinzu kommt der Standort Berlin: Die Hauptstadt ist bekannt dafür, vor allem freischaffenden Menschen - egal, ob Musiker, Schauspieler oder Unternehmer - eine geeignete Location zu bieten.

Andrang trotz öffentlicher Darstellung

Die Porträts der Singles sind für alle Welt sichtbar im Netz. Denn im Gegensatz zu den bekannten Singlebörsen ist das Online-Magazin frei zugänglich, eine Registrierung nicht notwendig. Peinlich sollte den Großstädtern die öffentliche Partnersuche also auf keinen Fall sein. Zusätzlich werden die Porträts auch über Facebook verbreitet - Privatsphäre? Fehlanzeige. Optional können die Singles dabei ihr privates Facebook-Profil gleich mit verlinken - das ist Partnersuche 2.0. Während bei "Im Gegenteil" quasi mit den Singles geworben wird, melden sich die Suchenden bei den gewöhnlichen Online-Börsen noch immer eher verschämt an und versuchen oftmals, ihre Aktivitäten geheim zu halten - ganz besonders vor dem beruflichen Umfeld.

Die Öffentlichkeit der Singleprofile kann zwar als Nachteil bewertet werden, doch sie hat auch einen entscheidenden Vorteil. Da es nicht nötig ist, ein eigenes Profil zu erstellen, trauen sich möglicherweise mehr Interessierte, die Jungs und Mädels anzuschreiben. Einzig Name (Vorname reicht aus) und E-Mail-Adresse müssen preisgegeben werden, das Anhängen eines Fotos ist optional. Ob das Objekt der Begierde tatsächlich antwortet, ist ein anderes Problem. Zudem ist das Online-Magazin kostenlos, während andere Dating-Portale gerne deftige Mitgliedsbeiträge verlangen.

Vor Bewerbungen um ein Porträt kann sich die Seite mittlerweile kaum mehr retten. Seit dem Start im November vergangenen Jahres haben sich über 800 Singles bei Anni und Jule beworben, die Wartezeit bis zur Entstehung eines Profils beträgt bis zu einem halben Jahr. Die weiblichen Interessenten sind mit einem Anteil von 60 Prozent leicht in der Überzahl. Natürlich sind auch Schwule und Lesben in die Suche einbezogen, "allerdings ist die Seite in der Gay-Szene noch nicht sehr bekannt - was auch zu einer niedrigeren Zuschriftenquote führt", erklärt Anni.

Diese variiert generell sehr stark. "Das kann man schlecht beziffern", sagt Anni, "zwischen 5 und 100 Zuschriften ist alles dabei". Die Anzahl der Rückmeldungen sei zudem absolut nicht vorhersehbar. "Manchmal bekommt der Nerd-Junge mehr Mails als das Model." Das Einzige, das man bemerken könne, sei jedoch, dass Männer zwischen 30 und 35 Jahren die meisten Zuschriften erhielten. "Es sind die richtig coolen Frauen, die sich auf unserer Seite herumtreiben, die, die keine Lust mehr auf unerwachsene Männer haben", erklärt Anni.

Helfen Singlebörsen wirklich?

Weltweit sind Anni und Jule die ersten, die eine derartige Singlebörse ins Leben gerufen haben. Weder die Amerikaner noch die Briten noch sonst eine Nation ist der Idee der beiden Berlinerinnen zuvorgekommen. Natürlich gibt es Imitationen des Projekts, eine Konkurrenz stellen diese aber noch lange nicht dar. "Die Qualität der Texte und der Fotos ist miserabel", sagt Anni. Außerdem könne man merken, dass ihre Nachahmer wenig Arbeit in die Seiten steckten und sich nicht Vollzeit damit beschäftigten.

Doch wie sieht es überhaupt mit der Erfolgsquote aus? Entstehen durch Online-Partnerbörsen tatsächlich glückliche langjährige Beziehungen? Leider gibt es noch keine aussagekräftigen Statistiken über den Erfolg der Dating-Portale. Einzig die Zufriedenheit über die Dienste und die Datensicherheit der Singlebörsen wurden bisher unter die Lupe genommen.

"Im Gegenteil" hat immerhin bereits Erfolge zu vermelden. Trotz der erst kurzen Existenz sind schon rund 25 Prozent der Singles vergeben - wie lange deren Liebe halten wird, ist ungewiss. Fest steht: Online-Dating bleibt Online-Dating und kann keine Wunder vollbringen. Bei einem ersten Treffen treten zwei sich völlig fremde Menschen gegenüber, die sich anhand eines Profils ein Bild des jeweils anderen machen konnten. Dass es tatsächlich funkt, ist Glückssache - wahrscheinlicher als auf der Tanzfläche im Club mit Sicherheit nicht. Einen Versuch ist es trotzdem wert, schaden kann es kaum. Genau das dachte sich auch Gründerin Jule, die mittlerweile selbst mit Hilfe ihrer Seite nach der großen Liebe sucht.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen