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Ein Analphabet schreibt Sätze zur Übung in ein Schulheft.
Ein Analphabet schreibt Sätze zur Übung in ein Schulheft.(Foto: picture alliance / dpa)

Millionen Analphabeten in Deutschland: In einer Welt ohne Lesen und Schreiben

Von Solveig Bach

Jeder siebte erwachsene Deutsche zwischen 18 und 64 Jahren kann nicht richtig lesen und schreiben. Viele von ihnen verbergen diese Tatsache wie einen furchtbaren Makel. Dabei zeigen sie im Alltag oft erstaunliche Fähigkeiten.

Bei der Unesco gilt Deutschland als alphabetisiertes Land. Umso größer war der Schock, als 2011 Hamburger Wissenschaftler herausfanden, dass statt der vermuteten drei bis vier Millionen beinahe doppelt so viele Menschen in Deutschland nicht lesen und schreiben können: 7,5 Millionen erwachsene Männer und Frauen. Einer von ihnen ist Herbert K.

Der 56-Jährige sitzt nachmittags kurz vor vier in seiner Küche in einem hübschen Einfamilienhaus in einem mecklenburgischen Dorf. Auf dem Hof scharren ein paar Hühner, Spitz Ali bellt sich die Seele aus dem Leib. K. setzt Kaffeewasser auf, im Fernsehen läuft eine Kochsendung. Seit kurzem ist er Frührentner.

Irgendwie war es vorbei

Wenn Herbert K. erzählt, warum er nicht Lesen und Schreiben gelernt hat, klingt das nicht bitter. Er scheint nur ein wenig verwundert, wenn er so darüber nachdenkt. Vier Monate nach seiner Einschulung 1965 hat Herbert eine Blinddarmentzündung. Er muss operiert werden, es gibt Komplikationen. Als er nach einem Dreivierteljahr wieder kommt, "war die erste Klasse weg". Herbert fängt nochmal von vorn an, aber irgendwie war es "vorbei". Aus unerfindlichen Gründen schafft es niemand mehr, einem Achtjährigen die Welt der Buchstaben und Wörter zugänglich zu machen. Schon kurz darauf landet er auf der Sonderschule, sie sind 20 Kinder in der Klasse, kaum einer kann schreiben.

Wie viele dieser Geschichten Margret Müller in den 26 Jahren gehört hat, in denen sie in der Erwachsenenbildung tätig ist, weiß sie nicht mehr. Krankheit ist gar kein so seltener Grund, dass die Alphabetisierung in der Kindheit irgendwie nicht gelingt. Manche Kinder haben aber auch so starke seelische Probleme, dass "Lernen einfach nicht angesagt ist". Das kann Gewalt in der Familie sein oder Eltern, die ein Alkoholproblem haben. Immer wieder trifft sie auch auf Erwachsene, die in Krisengebieten oder anderen Ländern aufgewachsen sind. Manchmal ist Überleben einfach wichtiger als Lernen. Müller unterrichtet beim Berliner Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe (AOB) Männer und Frauen, die lesen und schreiben lernen möchten.

Ihre Schülerinnen und Schüler sind zwischen 17 und 79 Jahre alt. In kleinen Gruppen kann man hier als Erwachsener sein persönliches Lernziel erreichen. Das kann sein, ein Buch lesen zu können, es kann aber auch der Wunsch sein, einen Brief zu schreiben. Der AOB sucht mit jedem Einzelnen den Punkt, wo das Lernen ins Stocken kam und bietet Material und Themen an, um es noch einmal in Gang zu bringen. Oft wissen die Lerner, wie sie hier genannt werden, gar nicht mehr, was sie tatsächlich können. "Sie sagen, ich kann es gar nicht, lesen dann aber langsam und schreiben auch, nur eben mit vielen Fehlern. Viele sind dann erstaunt, dass sie das überhaupt hinkriegen." Wer den Weg in die Unterrichtsräume in Berlin-Kreuzberg findet, hat oft einen langen Leidensweg hinter sich. Erwachsen zu sein und nicht richtig Lesen und Schreiben zu können, dafür schämen sich viele.

Mündliche Prüfungen und prekäre Jobs

Für Herbert K. war das nie ein Problem. Nach der achten Klasse wird er Bäcker, dass er Analphabet ist, ist kein Geheimnis. Alle Prüfungen kann er mündlich ablegen. Zehn Jahre lang arbeitet er in dem Beruf, bis ihn eine Mehlstauballergie zum Wechsel zwingt. Danach macht er an den Wochenenden eine weitere Ausbildung zum Forstarbeiter. Nach zehn Jahren wird seine Arbeitsstelle wegrationalisiert. Von da an hält er sich und die inzwischen fünfköpfige Familie mit geringfügigen Beschäftigungen über Wasser. Manchmal hat er drei Jobs gleichzeitig.

In Herbert K.s überschaubarer Welt wissen die meisten, dass er nicht lesen und schreiben kann. Er macht den Führerschein, indem er die Kurse der örtlichen Fahrschule absolviert. Zur Prüfung fährt er nach Schwerin, wo ein Prüfer ihm die Fragen vorliest und Herberts Antworten ankreuzt. K. hat null Fehler und besteht im ersten Anlauf. Kommen Behördenbriefe, fährt Herbert K. damit zum Amt und fragt sich bis zu der Stelle durch, die etwas von ihm will. Die meisten Zahlungen laufen per Dauerauftrag oder Lastschrift von seinem Konto. Wie man am Automaten Geld abhebt, hat ihm seine Tochter gezeigt. "Wenn man was Verkehrtes drückt, kommt kein Geld raus." Er kauft immer im selben Supermarkt ein, einen Einkaufszettel braucht er nicht. "Das habe ich alles im Kopf."

Selbstbewusstsein statt Scham

So wie sich Herbert in seinem Leben eingerichtet hat, machen es viele Analphabeten. Doch in einer Welt, die irgendwie voraussetzt, dass man lesen und schreiben kann, kommt der Stress hinzu, nicht enttarnt zu werden. Margret Müller weiß um die Vermeidungsstrategien ihrer Teilnehmer. "Wenn sie in Situationen kommen, in denen sie schreiben müssen, sagen sie beispielsweise, sie haben ihre Brille vergessen, ich kann das jetzt nicht lesen. Oder sie wickeln sich die Hand ein, wenn sie irgendwo hingehen, wo sie vermutlich schreiben müssen. Dann ist sichtbar, dass sie nicht schreiben können." Andere nehmen die Sachen mit nach Hause, "um das in Ruhe zu machen". Oder sie haben Verbündete – Ehepartner, Freunde oder Kollegen, die Bescheid wissen.

Mit jedem Besuch im AOB verändern sich die Lernenden ein wenig. Die zwei Mal 90 Minuten in der Woche sind nicht nur Lernzeit, sondern auch Raum, sich einen Teil des eigenen Lebens genau anzuschauen. Magret Müller ist immer wieder bewegt, was nach zwei bis drei Jahren mit den Menschen passiert, die in ihren Klassen sitzen. "Sie können gut einschätzen, was sie gelernt haben, was sie jetzt können oder wo noch Lücken sind und wie sie damit umgehen." Die Erfahrung, Lesen und Schreiben gelernt zu haben, verwandelt die Menschen. "Die Auseinandersetzung damit macht, dass sie besser mit sich leben können."

Herbert hat in all den Jahren nie darüber nachgedacht, wie es wäre, richtig Lesen und Schreiben zu können. Für ihn ist das Thema erledigt. "Hier brauche ich das nicht. Ich nehme das jetzt mit ins Grab."

Quelle: n-tv.de

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