Panorama
Wenn ein Ire sich etwas in den Kopf gesetzt hat: John Teeling haben es die Iren zu verdanken, dass es auch heute noch Whiskey eines einheimischen Unternehmens mit Weltruf gibt.
Wenn ein Ire sich etwas in den Kopf gesetzt hat: John Teeling haben es die Iren zu verdanken, dass es auch heute noch Whiskey eines einheimischen Unternehmens mit Weltruf gibt.(Foto: Kilbeggan Distillery)

Das Gold der grünen Insel: Irlands Whiskey-Story

Von Thomas Badtke

Irland ist berühmt für saftiggrüne Wiesen, glückliche Kühe und lebenslustige Einwohner. Egal, wie schlimm das Leben spielt, der Ire lacht - und genehmigt sich einen im Pub. Es gibt wohl kein trinkfesteres Volk, als das der Iren. Und das hat jahrhundertealte Gründe.

Das Gold der grünen Insel: irischer Whiskey.
Das Gold der grünen Insel: irischer Whiskey.

"Das Gold der grünen Insel": Manch einer mag dabei - Werbung wirkt halt doch - an ein streichfähiges Milcherzeugnis denken. Ein anderer hat vielleicht den Topf Gold eines Kobolds im Sinn. Nur wenige denken bei diesem Satz an eine Flüssigkeit. Etwas, das wie vom Sonnenschein geküsst, gold- und bernsteinfarben schimmert. Etwas, das nach frisch gemähter Sommerwiese duftet, auf die sich kurz zuvor noch ein warmer Regenschauer ergossen hat. Ein leichter Hauch Meersalz liegt in der Luft, der sich mit der sauren Note von frischem Zitronenabrieb verbindet und den ein Anflug von süßer Vanille und eine Idee fruchtiger Johannisbeeren abrunden. Das ist das wahre Gold der grünen Insel: Irischer Whiskey.

Seit Jahrhunderten streiten sich die Iren und die Schotten, wer denn das "Wasser des Lebens" erfunden hat. Die Schotten führen einen Geistlichen aus dem 15. Jahrhundert ins Feld. Die Iren kontern mit ihrem Nationalheiligen St. Patrick, der sich neben anderen christlichen Mönchen um das 5. Jahrhundert herum zu Missionierungszwecken aufmachte. Mit im Gepäck sind auch das Wissen und die nötigen Geräte zur Herstellung von Arzneien und Parfüm. Aus der daraus hervorgehenden Destillationskunst entwickelt sich eines Tages als Ergebnis eine glasklare Flüssigkeit, das aqua vitae, Wasser des Lebens. "Uisce beatha" nennen es fortan die Iren. Das Wissen des Destillierens gelangt von den Klöstern zu den Bauern und in den folgenden Jahrhunderten entstehen so unzählige Heim-Destillerien. Von rund 2100 bis zu 2800 ist die Rede. Die Wahrheit dürfte - wie so oft - irgendwo dazwischen liegen: Etwa 2400 Destillerien gibt es zu Hochzeiten in Irland.

Kilbeggan: "The oldest Distillery of the world"
Kilbeggan: "The oldest Distillery of the world"(Foto: Kilbeggan Distillery)

Heute sind es noch drei aktive Destillerien: Old Bushmills in der nordirischen Grafschaft Antrim, Cooley in Riverstown bei Dundalk, und Midleton, rund 20 Kilometer von Cork entfernt. "Zudem gibt es mit der Locke's Distillery Kilbeggan noch eine vierte", sagt Eugen Kasparek, Whisky-Experte und "Master of Tasting" bei Whisky & Cigars in Berlin. Nachdem Cooley bereits seit Ende der 1980er Jahre die Lagerhäuser dort nutzt, kauft das Unternehmen wenig später noch eine alte Pot Still aus dem 19. Jahrhundert. "Mittlerweile werden 250.000 Flaschen pro Jahr produziert. Momentan sind aber noch keine Direktabfüllungen im Handel."

Aufstieg mit Hindernissen

Nicht einmal eine Handvoll Destillerien von einstmals mehr als 2000: Daran lässt sich bereits die bewegte Geschichte des irischen Whiskeys ablesen. Ein ständiges Auf und Ab. Bereits 1643 werden erste Steuern auf Whiskey erhoben. An Weihnachten 1661 folgt eine weitere. Das Schwarzbrennen boomt. Die Iren ziehen den selbst gebrannten "Poitin" dem "Parlamentswhiskey" vor, wie der Whiskey genannt wird, der mit einer erworbenen Lizenz gebrannt wird. Die älteste Lizenz besitzt Kilbeggan. Die Destillerie nennt sich deshalb auch "The oldest Distillery of the world". Bushmills verweist zwar mit einem Aufdruck auf seinen Flaschen auf das Jahr 1608, die damals ausgestellte Lizenz von König Jakob I. gilt aber für das gesamte County, nicht für eine bestimmte Destillerie. Die gibt es erst später.

Ein Teil der Kilbeggan Distillery, die heute zu Cooley gehört.
Ein Teil der Kilbeggan Distillery, die heute zu Cooley gehört.(Foto: Kilbeggan Distillery)

Aber selbst wer mit Lizenz brennt, muss Steuern bezahlen. Als der irische Whiskey den Engländern zu erfolgreich wird, führen sie kurzerhand eine Steuer auf gemälzte Gerste ein, um so den Preis für irischen Whiskey in die Höhe zu treiben. Die Iren wissen sich zu helfen, machen aus der Not eine Tugend und mischen gemälzte mit ungemälzter Gerste - heraus kommt ein bis heute geltendes Alleinstellungsmerkmal des irischen Whiskeys. Früher Ball of Malt genannt, heute unter Single Pot Stills verkauft. Gleichzeitig sind die Iren die einzigen - abgesehen von den Schotten bei Auchentoshan - die dreifach destillieren. Beides zusammen sorgt laut Whisky-Experte Kasparek dafür, dass der Whiskey "fruchtiger, feiner und leichter schmeckt", "die Biscuit-Honigtöne stehen im Vordergrund".

Der irische Whiskey ist damals in aller Munde, boomt nicht nur in Irland. Firmen wie Jameson oder Powers exportieren ihn bis nach Australien oder Amerika. Der Boom lockt aber auch Trittbrettfahrer an, deren gepanschter Whiskey dem guten Ruf des Originals schadet. Ein erster Hinweis darauf, dass der Niedergang begonnen hat.

Der tiefe Fall

Whisky-Experte Eugen Kasparek ist "Master of Tasting" bei Whisky & Cigars in Berlin.
Whisky-Experte Eugen Kasparek ist "Master of Tasting" bei Whisky & Cigars in Berlin.(Foto: Whisky & Cigars)

Zunächst verschlafen die Iren eine wesentliche Neuerung: Robert Stein erfindet 1826 ein Verfahren zur kontinuierlichen Destillation. Damit kann auch ungemälztes Getreide destilliert werden, die Geburtsstunde des Grain Whiskys. 1832 verbessert dann der Ire Aeneas Coffey Steins Verfahren noch einmal. Allerdings mögen die Iren den neuen Kornwhisky nicht. Coffey geht nach Schottland und es dauert nicht lange, bis der sogenannte Blended Scotch, ein aus Malt Whisky und Grainwhisky gemischter Whisky, seinen Siegeszug um die Welt antritt. Die Iren müssen dabei zuschauen. Als sie geraume Zeit später auf den Blends-Erfolgszug aufspringen wollen, sind die irischen Blended Whiskeys nur noch eine Randnotiz in einem gesättigten Markt.

Gleichzeitig gründet der katholische Priester Father Matthew 1838 in Irland die Abstinenzlerbewegung. Alkohol ist Teufelszeug und Whiskey ist Alkohol. Und da die Iren sehr gottesfürchtig sind, geht die Zahl der Trinker enorm zurück. Nicht nur die Destillerien leiden darunter, von 1838 bis 1844 geht die Zahl der irischen Pubs von 21.000 auf 13.000 zurück.

Cooley-Marken: Tyrconnell ist nach einem Rennpferd benannt, Connemara der einzige getorfte irische Whisky.
Cooley-Marken: Tyrconnell ist nach einem Rennpferd benannt, Connemara der einzige getorfte irische Whisky.(Foto: Cooley)

Danach geht es dann Schlag auf Schlag: Absatzeinbrüchen, die dem Ersten Weltkrieg geschuldet sind, folgen weitere, durch den irischen Unabhängigkeitskrieg Anfang der 1920er verursacht. Irischer Whiskey ist im Commonwealth verboten. Ein Riesenmarkt bleibt den irischen Destillerien damit verschlossen. Zudem bricht der US-amerikanische Markt durch die Prohibition weg, die erst 1933 endet. Zur Erholung bleibt aber kaum Zeit, denn der Zweite Weltkrieg steht bereits vor der Tür. So kommt eines zum anderen.

Nach Kriegsende machen sich die wenigen noch verbliebenen irischen Destillerien selbst das Leben schwer: Jameson und Powers, nur durch eine Flussbreite voneinander getrennt, konkurrieren bis aufs Blut. Es kommt zu Übernahmen und Zusammenschlüssen verschiedener Firmen: Cork Distillers entstehen, eine Vereinigung von vier Destillerien aus und um Cork. 1966 dann die große Wende in der irischen Whiskey-Geschichte: Die Cork Distillers und die beiden Erzfeinde Jameson und Powers gehen gemeinsam in der Irish Distillers Group (IDG) auf, der sich zudem 1972 noch Bushmills anschließt. In Irland gibt es damit ein Whiskey-Monopol.

Aus der alten Jameson Distillery mitten in Dublin ist ein Museum mit Restaurant und Hotel geworden.
Aus der alten Jameson Distillery mitten in Dublin ist ein Museum mit Restaurant und Hotel geworden.(Foto: Old Jameson Distillery)

Die IDG baut eine nagelneue Produktionsanlage in Midleton. Eine Industrieanlage ohne Charme zwar, aber dafür in der Lage, jede Art von Whiskey herzustellen, die nötig ist, um alle Marken der Gruppe bedienen zu können. Jameson und Powers werden in der gleichen Destillerie hergestellt. Vor Jahren ist das noch undenkbar. Der Erfolg gibt der IDG aber recht, er weckt aber auch Begehrlichkeiten.

In einem Übernahmekampf wird IDG vom Pernod-Ricard-Konzern geschluckt. Der unterlegene Bieter John Teeling, ein Ire, will sich mit der Niederlage aber nicht abfinden, schließlich kann es nicht sein, dass die Franzosen vollends über den irischen Whiskey bestimmen. Kurz darauf kauft er eine alte Destillerie und gründet Cooley. Bushmills muss von IDG/Pernod Ricard zudem wegen Wettbewerbsgründen an den weltgrößten Spirituosenkonzern Diageo verkauft werden. Und schon sind wir wieder in der Gegenwart - mit drei aktiven Destillerien und einem weiteren Gewehr bei Fuß. Kilbeggan gehört zu Cooley.

Klein, aber oho

"Heute gibt es alles in allem rund 85 bis 90 verschiedene 0,7-Liter-Abfüllungen aus Irland", sagt Whisky-Experte Kasparek. "Mit Sammlerabfüllungen sind es dann etwa 120", führt er weiter aus und vergleicht: "In Schottland sind es inklusive der unabhängigen und Destillerie-Abfüllungen mehr als 10.000 Bottlings."

Aber das relativ kleine Angebot hat auch Vorteile: Die Wachstumsraten des irischen Whiskeys am Weltmarkt sind enorm. "Irischer Whiskey ist heute sehr gefragt", resümiert Kasparek. Und das dürfte sich zum einen dank des allgemeinen Whisky-Booms weltweit auch so schnell nicht ändern. Zum anderen gelten die irischen Whiskey-Brenner als sehr innovativ: Auf Jameson soll etwa die Einführung des Wood-Finishings zurückgehen, also das Lagern in mehreren verschiedenen Fassarten. Powers wiederum hat als erster Whiskey in Flaschen abgefüllt. "Davor wurde Whiskey, egal, ob in Irland oder Schottland, immer in Fässern oder Tonkrügen verkauft", erläutert Kasparek. "Auch die Erfindung der Miniatur-Flaschen geht auf Powers zurück: die sogenannten 'Mini-Powers'."

So oder so bleibt festzuhalten: Irischer Whiskey - der sein "e" übrigens einfach einer anderen Sprachentwicklung zu verdanken hat: In Irland wurde aus "Uisce beatha" durch zahllose Übersetzungen in vielen Jahrhunderten Whiskey; in Schottland wurde aus "Uisge beatha" Whisky - ist heute wieder in aller Munde. Und im Gegensatz zum Produkt, das der genannte Slogan bewirbt, ist er das wahre Gold der grünen Insel. Sláinte!

Teil 1 des Whisky-Spezials: Japan

Teil 2 des Whisky-Spezials: Schottland

 

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen