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In oftmals viel zu überfüllten Schlauchbooten machen sich Flüchtlinge auf den Weg nach Europa.
In oftmals viel zu überfüllten Schlauchbooten machen sich Flüchtlinge auf den Weg nach Europa.(Foto: REUTERS)

Bootseinsatz im Mittelmeer: "Jugend Rettet" hat Flüchtlingssterben satt

Von Juliane Kipper

Das Sterben und das Flüchtlings-Drama im Mittelmeer können sie nicht mehr weiter tolerieren. Zwei junge Leute gründen deshalb die Initiative "Jugend Rettet" und planen im Juni in Seenot geratenen Menschen zu helfen - mit einem eigenen Boot.

Fast 4.000 Flüchtlinge kommen 2015 im Mittelmeer ums Leben. Das Foto des ertrunkenen Aylan am Strand geht vergangenen September um die Welt. Täglich geraten Flüchtende auf dem Mittelmeer in Seenot. Lena Waldhoff und Jakob Schoen sind die Bilder von verzweifelten und erschöpften Flüchtlingen in Schlauchbooten leid. Auch die ständigen Schuldzuschiebungen der Politiker können sie nicht mehr hören.

Als im April vergangenen Jahres wieder ein überladenes Schlauchboot kentert und knapp 800 Menschen ertrinken, beschließen sie, selbst aktiv zu werden: Der Abiturient und die Studentin gründen "Jugend Rettet". Weil im Frühjahr wieder viele Flüchtlinge über die Mittelmeerroute kommen werden, geben sie sich einen eng kalkulierten Zeitplan. Ab Juni wollen sie mit einem eigenen Boot im Mittelmeer einsatzbereit sein. "Es wird immer suggeriert, dass man gegen die Situation dort nichts machen kann. Alle sind ständig ganz schockiert. Aber man kann sehr wohl etwas dagegen machen" sagt die 24-Jährige n-tv.de

Die Idee, dass unabhängige Flüchtlingsinitiativen die Seenotrettung übernehmen, ist nicht neu. Bereits seit dem vergangenen Jahr ist Seawatch als private Flüchtlingsinitiative auf dem Mittelmeer unterwegs. Für "Jugend Rettet" waren die Seawatch-Leute Vorbild und Ansprechpartner. Im Gegensatz zu ihnen will "Jugend Rettet" aber nicht nur Flüchtlingsboote lokalisieren und die Küstenwache informieren. Die jugendlichen Retter wollen die Flüchtlinge direkt an Bord nehmen und unmittelbar ärztlich versorgen.

Spendensammeln für ein eigenes Boot

Gemeinsam mit anderen jungen Leuten wollen Waldhoff und Schoen dort, wo die Regierungen der Europäischen Union ihrer Meinung nach versagen, humanitäre Hilfe leisten. Doch dafür brauchen sie Geld. Und davon viel. Auf ihrer Website läuft deswegen gerade die erste von drei Spendenphasen. Jeder kann dort ein paar Zentimeter Boot kaufen. Bereits 16.500 Euro sind zusammen gekommen  und damit knapp zwei Meter des Schiffes finanziert. Zurzeit ist die Lage auf dem Schiffsmarkt günstig. Boote sind für relativ wenig Geld zu haben. Doch was, wenn nicht genug Spenden zusammenkommen? Dann haben sie einen Plan B. Entweder sie verlängern den Spendenzeitraum oder sie weichen zunächst vielleicht mit einem kleineren Boot auf eine andere Route im Mittelmeer aus.

Bevor das Team von "Jugend Rettet" mit seinen Hilfsaktionen auf dem Mittelmeer starten darf, müssen sie Kontakt mit dem Koordinierungszentrum des Maritim Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom aufnehmen. Die Leitstelle arbeitet weltweit in einem internationalen Verbund und wird von den Küstenstaaten betrieben. Im Seenotfall koordinieren sie die zur Verfügung stehenden Kräfte.

Inmitten der staatlichen und erfahrenen Retter, zum Beispiel der Marineverbände, könnte ihre Flüchtlingsinitiative eine Sonderposition einnehmen. "Das MRCC wird Rücksicht auf unsere Situation nehmen. Sie werden uns nicht wie ein Marineschiff behandeln, das wesentlich schneller und größer ist. Sondern sie werden uns eher zu einem nächstgelegenen Hafen schicken. Dort werden die Menschen dann übergeben", erklärt Waldhoff.

Aber darüber wollen sie sich Gedanken machen, wenn es soweit ist. Jetzt geht es zunächst darum, genug Geld zu sammeln und in verschiedenen Städten Botschafterteams zu bilden. Am geringsten ist ihre Sorge, nicht genügend Altersgenossen für ihre Idee begeistern zu können. Denn der 19-jährige Schoen ist sich sicher: Wird ihnen die Chance zur Partizipation gegeben, kann man junge Leute auch für politische Projekte begeistern. Und Waldhoff fügt hinzu: "Wir wollen den Jugendaspekt als Druckmittel benutzen. Wenn wir das ohne Erfahrung schaffen, dann gibt es keine Ausrede für das Versagen von staatlichen Akteuren."

Quelle: n-tv.de

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