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Führen wie im Rudel : Juul lernt von Wolfseltern

Eltern sollen klar sein, aber nicht autoritär, Verantwortung übernehmen, aber nicht alles bestimmen und dabei natürlich Liebe und Geborgenheit vermitteln. Erziehungsguru Jesper Juul empfiehlt etwas weniger Perfektion, dafür mehr Echtheit, so wie es die Leitwölfe machen.

n-tv.de: Ihr neues Buch heißt "Leitwölfe sein". Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Erziehungsratschläge mit Wölfen zu verbinden?

Jesper Juul: Ich bin von dem Begriff des Leitwolfes ausgegangen, weil ich das Bedürfnis hatte, die überholte Polarisierung zwischen der autoritären und der sogenannten freien Erziehung hinter mir zu lassen. Mehr als 30 Jahre lang habe ich versucht, sowohl die Rolle der Eltern als auch die Bedürfnisse der Kinder mit dem Begriff des Leuchtturms zu beschreiben. Aber irgendwie ist das Bild eines Wolfes wärmer und vielleicht näher an den Menschen.

Was macht ein Wolfsrudel zu einer guten Familie?

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul.
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul.(Foto: Anja Kring)

Die entscheidende Qualität von Tierfamilien ist, wie die Eltern ihren Jungen beibringen, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Das ist nötig, damit sie unabhängig werden können. In diesem Prozess stehen die erwachsenen Tiere für Erfahrung und sie schaffen Vertrauen. Gleichzeitig ist ihnen immer klar, was wann gebraucht wird. Das Leben menschlicher Eltern ist weit weniger einfach und berechenbar. Aber wenn es mir gelänge, Eltern dazu anzuregen, zunächst an Vertrauen zu denken und erst danach an Erfolg und Leistung, wäre ich ein glücklicherer Mann.

Sie halten Führung und Machtausübung streng auseinander. Was ist der Unterschied?

Eltern üben Führung genauso aus wie Macht, ob sie wollen oder nicht. Aber die moderne Form von Führung in allen Bereichen des Lebens muss Einfühlungsvermögen beinhalten. Nur so wird es sich für beide Seiten zufriedenstellend anfühlen.

Wie definieren Sie in diesem Zusammenhang persönliche Autorität?

Es ist nicht einfach, persönliche Autorität mal eben zu definieren. Wenn wir in die Welt der Musik schauen, unterscheiden die meisten Menschen zwischen demjenigen, der Noten lesen und demjenigen, der Musik machen kann. Um zu musizieren, muss man sein Selbst einbringen. In diesem Sinn ist persönliche Autorität das, was aus uns heraus kommt, das unsere Werte widerspiegelt, was wir wollen und nicht wollen, und zwar auf eine Weise, in der andere Menschen unser Menschsein erkennen können.

Wie können Eltern persönliche Autorität erwerben?

Juuls neues Buch ist bei Beltz erschienen und kostet 16,95 Euro.
Juuls neues Buch ist bei Beltz erschienen und kostet 16,95 Euro.(Foto: Beltz Verlag)

Es geht darum, sein inneres Elternteil zu finden und nach und nach so authentisch zu werden, wie es geht. Um das zu erreichen, gibt es nur einen Weg: Beziehungen zu anderen Menschen. Vor allem zu denjenigen, die wir lieben. Unsere eigenen Kinder bieten uns die besten Inspirationen, wenn sie etwas tun oder nach etwas fragen. Sie wollen etwas über uns wissen, denn dann fühlen sie sich sicher und geliebt. Das Gleiche gilt für jede Liebesbeziehung oder enge Freundschaft zwischen Erwachsenen. Sie treffen unsere empfindlichsten Punkte und hinterfragen ständig unsere Grenzen und Überzeugungen. Für die meisten von uns dauert es viele Jahre, uns selbst kennen zu lernen. Aber unsere Kinder brauchen keine Perfektion, sie müssen nur fühlen, dass wir ernsthaft nach uns selbst suchen und nicht nur nach einfachen oder fertigen Lösungen. Wenn unsere Kinder dann davonziehen, sind auch wir gewachsen und in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen.

Wie unterscheiden sich Männer von Frauen, also auch Väter von Müttern darin, persönliche Führung auszuüben?

Nach meiner Erfahrung nur sehr wenig. Oder, um es anders zu sagen, von Natur aus kaum, aber natürlich in vielerlei Hinsicht durch Kultur, Geschichte und Sozialisation. Gerade scheint es so, als ob Mütter mehr für Zärtlichkeit, Gefühle und Sorgen zuständig sind und Männer mehr für sachliche Dinge und das Machen. Aber wie Sie wissen, gibt es davon so viele Abweichungen, dass es in jeder Hinsicht schwierig ist, zu kategorisieren und zu verallgemeinern.

Können Sie trotzdem sagen, ob es Probleme gibt, mit denen Mütter oder Väter mehr zu kämpfen haben?

Die meisten Mütter, die ich kennenlerne, haben zwei hausgemachte Probleme. Das eine ist die Unfähigkeit, ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu erkennen und ernst zu nehmen und die daraus folgende Unfähigkeit, sie ihren Kindern zu vermitteln. Das andere ist der unrealistische Wunsch, die Väter ihrer Kinder so zu manipulieren, dass sie ein wenig mehr wie die Mütter werden, anstatt sie dabei zu unterstützen, sich zu männlichen Vätern zu entwickeln. Diese beiden Tendenzen berauben die Kinder wichtiger persönlicher und sozialer Qualitäten.

Und was bereitet Vätern Probleme?

Für viele Väter ist es hingegen anspruchsvoll und schwierig, sich ihrer emotionalen und fürsorglichen Seite zu öffnen. Also den Teilen, die früher als weiblich angesehen wurden. Inzwischen wissen wir von Tausenden Vätern aus allen Lebensbereichen, dass diese Qualitäten oft dicht unter der Oberfläche liegen und dass ein kleines Kind die beste Hebamme oder der beste Vermittler dafür ist. Viel besser als weibliche Partnerinnen oder Mütter.

Warum ist Ihnen der Unterschied zwischen Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein so wichtig?

Aus dem gleichen Grund, warum die Unterscheidung zwischen Lungenentzündung und Erkältung oder zwischen Rosen und Tulpen wichtig ist: Sie brauchen sehr unterschiedliche Anreize und Pflege und man kann sich nicht auf die gleiche Weise um beide kümmern. Seit mehr als zwei Generationen haben Europäer die Tendenz, den gleichen entscheidenden Fehler wie die Amerikaner zu machen: Sie sind bestrebt, die Entwicklung von Selbstwertgefühl zu unterstützen, aber am Ende fördern sie nur das Selbstbewusstsein und vernachlässigen das Bedürfnis nach einem gesunden Selbstwertgefühl. Wenn Kinder nur mit sehr wenig oder ungesundem Selbstwertgefühl aufwachsen, mangelt es ihnen an einem effizienten sozialpsychologischen Immunsystem. Das macht sie angreifbar und verletzlich für alle zerstörerischen Faktoren in ihrer Umgebung. In den vergangenen zehn Jahren sind Wettbewerb und Leistung zu den wichtigsten Werten bei der Bildung geworden, und mit ein bisschen Glück und vielen Impulsen und Unterstützung entwickeln Kinder ein starkes Selbstbewusstsein, was ein großes Kapital ist. Wenn jedoch gleichzeitig die Entwicklung ihres Selbstwertgefühls vernachlässigt wird, zahlen sie lebenslang einen Preis dafür: in Form von unbefriedigenden persönlichen und beruflichen Beziehungen, unbefriedigender psychischer Gesundheit oder mangelnder Fähigkeit, persönliche Traumata zu überwinden.

Mit Jesper Juul sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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