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Will ihr Leben jetzt endlich selbst in die Hand nehmen: Natascha Kampusch.
Will ihr Leben jetzt endlich selbst in die Hand nehmen: Natascha Kampusch.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 19. Juli 2016

"Er hat Adolf Hitler bewundert": Kampusch spricht über Priklopil

Zehn Jahre sind vergangen, seit Natascha Kampusch ihrem Martyrium in der Gewalt des Entführers Wolfgang Priklopil entkommen konnte. Nun zieht sie über ihre Zeit in Freiheit Bilanz. Doch sie richtet den Blick auch noch einmal weiter zurück.

Fast exakt zehn Jahre ist es her, dass Natascha Kampusch die Flucht gelang. Am 23. August 2006 entkam sie nach knapp achteinhalb Jahren in Gefangenschaft - genau 3096 Tagen - ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil. Er hatte sie als Zehnjährige 1998 auf dem Schulweg entführt und anschließend jahrelang eingekerkert, misshandelt und missbraucht. In einem Interview mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) sprach die mittlerweile 28-Jährige nun noch einmal über die Zeit in der Gewalt des Entführers, aber auch über ihr heutiges Leben in Freiheit.

Sie sei jetzt bereit, ihr "Leben selbst in die Hand zu nehmen", so Kampusch in dem ORF-Gespräch. Sie wolle die Matura, das österreichische Abitur, nachholen, und nehme auch Gesangs- und Reitstunden. Zudem hat Kampusch ihr zweites Buch geschrieben. Sie wolle ihre Geschichte selbst erzählen, betonte die 28-Jährige. "10 Jahre Freiheit" heißt das Werk, das im August erscheinen wird.

Rückkehr an den Ort des Schreckens

Darauf angesprochen, ob sie sich denn eine Beziehung vorstellen könne, erwiderte Kampusch: "Ich denke, ich bin schon ein Mensch, der beziehungsfähig ist." Jetzt beginne erst die Phase, in der sie wirklich versuche, sich zu entfalten. "So richtig frei" wäre sie in den vergangenen zehn Jahren nur in wenigen Momenten gewesen. "Es war auch ein Gefängnis, in das ich zurückgekehrt bin. Ein Gefängnis der Urteile und Verurteilungen", erklärte Kampusch.

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Besonders schwierig seien dabei die stetigen Anfeindungen auf offener Straße gewesen. Das Gerücht, sie habe während ihrer Gefangenschaft ein Kind bekommen und es getötet, hielt sich hartnäckig. Eine ältere Frau habe deshalb sogar einmal in aller Öffentlichkeit versucht, sie zu schlagen. "Aber was hätte ich denn davon zu lügen?", fragte Kampusch.

Immer wieder kehrt sie auch in das Haus von Wolfgang Priklopil zurück. Einmal in zwei Monaten komme sie dort hin, wenn zum Beispiel Reparaturen fällig seien, berichtete Kampusch. Das Haus wurde ihr als Entschädigung für das Erlittene zugesprochen. Sie selbst sehe es jedoch als Fluch.

Verlies zugeschüttet

"Es geht mir meistens schlecht, wenn ich hierher komme", sagte Kampusch. Trotzdem habe sie fast nichts an der Einrichtung verändert, um das Geschehene besser verarbeiten zu können. Einzig das Kellerverlies, ihr jahrelanges Gefängnis, musste sie auf eigene Kosten nach behördlichen Vorgaben zuschütten lassen. Ihr Plan, das Haus einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung zu stellen, sei bisher an der Bürokratie gescheitert.

Auch zu Priklopil äußerte sich Kampusch in dem Interview: "Er hat Adolf Hitler bewundert und wollte, dass es mir so geht wie den Nazi-Opfern. Er hat mir wenig zu essen gegeben, wenig Kleidung, hat mich gedemütigt, schwere Arbeiten verrichten lassen und mir eine Glatze geschoren." Ab etwa 2004 wäre sich der Entführer sicher gewesen, dass man sie nicht wieder erkenne. Sein Plan sei es gewesen, sie zu seiner Frau zu machen: "Er hat wohl gedacht, dass er das irgendwie vertuschen kann, sein Verbrechen, und dass ich dann oben ganz normal lebe und ihn dann vielleicht mit falschen Dokumenten heirate oder sowas. Ich habe dann zum Schein das Ganze gut gefunden, damit ich irgendwann einmal eine Chance bekomme wegzulaufen."

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Quelle: n-tv.de

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