Panorama

Gefahrgut-Zug entgleistKleinstadt entgeht Katastrophe

20.05.2011, 21:13 Uhr
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Der Gefahrgut-Zug entgleiste im Bahnhof der Stadt Müllheim. (Foto: dpa)

Im Bahnhof einer badischen Kleinstadt entgleist ein mit Gefahrgut beladener Güterzug. Wegen Explosionsgefahr werden umliegende Gebäude evakuiert. Aus den Waggons tritt ein entzündliches und gesundheitsschädliches Gemisch aus.

Es sind nur wenige Meter bis zum Bahnhofsgebäude. Die schweren Güterzugwaggons mit ihrer hochexplosiven und gesundheitsschädlichen Giftladung liegen direkt an der Bahnsteigkante. Die südbadische Kleinstadt Müllheim, rund 30 Kilometer südlich von Freiburg, erlebt nach einem Gefahrgutunfall auf der stark befahrenen Bahnstrecke Karlsruhe-Basel bange Stunden der Angst. Eine Katastrophe ist zum Greifen nah.

"Es gab einen Höllenlärm. Wir wussten alle nicht, was los ist", sagt eine junge Frau, die im Bahnhof gerade an der Theke des dortigen Bäckerladens stand. Ein aus 25 Waggons bestehender Güterzug fährt durch den Bahnhof der Kleinstadt. Auf dem Bahnsteig stehen zu diesem Zeitpunkt viele Menschen, die auf dem Zug warten.

Kurz vor dem Bahnhof lösen sich acht der Waggons vom Rest des Zuges, rasen unkontrolliert auf den Bahnhof zu. Nur wenige Meter davor entgleisen die Wagen, während der erste Teil des Zuges nach einer Notbremsung 800 Meter und damit kurz hinter dem Bahnhof zum Stehen kommt. Der Lokführer erleidet einen Schock.

"Es hätte jederzeit etwas passieren können"

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Der Bahnhof wurde unmittelbar nach dem Unfall abgesperrt. (Foto: dpa)

Die entgleisten Waggons reißen die Oberleitung mit, drei Waggons stürzen um. Zwei von ihnen sind mit Gefahrgut beladen. Es treten größere Mengen PVC-Pulver und Monoethylenglycol aus, erklärt ein Sprecher der Feuerwehr. Letzteres ist entzündlich und gesundheitsgefährdend.

"Es bestand lange Zeit die Gefahr, dass es zu einer Explosion und einem Brand kommt. Oder dass eine Giftwolke über unsere Stadt zieht", hält der Einsatzleiter der Feuerwehr, Michael Stöcklin, fest. Doch die Feuerwehr kann die Giftstoffe nach Stunden sichern, die Gefahr ist damit am Abend gebannt. Endgültige Entwarnung können die Behörden vier Stunden nach dem Unglück geben. Aber: "Es hätte jederzeit etwas passieren können", betont Stöcklin. In der Luft wurden seinen Angaben zufolge keine für den Menschen gefährlichen Giftmengen gemessen.

Polizei evakuiert Gebäude

"Wir hatten eine äußerst brisante Lage. Es ging uns darum, Menschen schnell in Sicherheit zu bringen", sagt der Einsatzleiter der für den Bahnverkehr zuständigen Bundespolizei, Kai Welzel. Rund 300 Menschen mussten Wohnungen, Büros und Geschäfte verlassen. Ein Wohngebiet liegt direkt an der Bahnstrecke.

Die Menschen verlassen das Gebiet, einige reagieren panisch. Für vier Stunden ist das Gebiet rund um den Bahnhof aus Sicherheitsgründen gesperrt. Erst am frühen Abend können die Betroffenen zurück in ihre Häuser. Die Waggons liegen zu diesem Zeitpunkt immer noch auf und neben den Schienen. Feuerwehrleute mit Atemschutzgeräten sind damit beschäftigt, die Chemie zu sichern.

Längere Streckensperrung

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(Foto: stepmap.de)

Zur Unglücksursache kann die Polizei keine Angaben machen. Die stark befahrene Schienenstrecke, eine der bedeutendsten Güterbahnstrecken Europas, muss komplett gesperrt werden. Der Verkehr bricht dort völlig zusammen. Tausende Bahnreisende sind betroffen. Sie müssen auf Busse umsteigen und erhebliche Wartezeiten in Kauf nehmen.

Weil die Bergung der Waggons schwierig ist und zudem die Oberleitung nicht mehr funktioniert, wird mit einer längeren Sperrung gerechnet. Zwei Spezialkräne der Bahn wurden angefordert. Die Bergungsarbeiten können wohl erst nach Mitternacht beginnen, so ein Sprecher der Bahn. Auch am Wochenende wird die Strecke voraussichtlich gesperrt bleiben, es wird zu Behinderungen im Regional- und Fernverkehr kommen.

Quelle: dpa