Panorama
Sie haben den Friedhof verwirklicht:  Kaie Haas, Ute Greiling, Hilde Hehringer und Usah Zachau (v.l.).
Sie haben den Friedhof verwirklicht: Kaie Haas, Ute Greiling, Hilde Hehringer und Usah Zachau (v.l.).

Erster Lesbenfriedhof in Berlin: Letzte Ruhe unter Schwestern

Von Volker Petersen

Homosexuelle Frauen weihen in Berlin den ersten eigenen Friedhof nur für Lesben in Deutschland ein. Auch nach dem Tod wollen sie "unter Schwestern" sein, sagen sie. Mit Abgrenzung habe das nichts zu tun.

Bei der Einweihungszeremonie erzählen die Organisatorinnen, wie man einen Friedhof eröffnet.
Bei der Einweihungszeremonie erzählen die Organisatorinnen, wie man einen Friedhof eröffnet.

Grabsteine, viele alte Bäume und Ruhe: Der Georgen-Parochial-Friedhof im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sieht auf den ersten Blick ganz normal aus. Doch etwas ist seit diesem Sonntagmorgen anders. Rund 50 Frauen haben sich in einer Ecke des Areals versammelt, eine Frau mit kurzen, grauen Haaren hält eine Ansprache: "Liebe Gästinnen und Gäste", liest sie vom Blatt ab. "Es wird möglich sein, nach dem Tod unter Schwestern zu sein." Sie lächelt, genau wie viele der Frauen, die um sie herum auf Klappstühlen sitzen. Für sie ist dieser Sonntag ein Feiertag. Sie weihen den ersten Friedhof nur für Lesben in Deutschland ein.

Ein Friedhof nur für Lesben? Die Frage, was das soll, ist Astrid Osterland in den vergangenen Tagen sehr häufig gestellt worden. "Wir wollen uns nicht abgrenzen", sagt sie kurz vor der Zeremonie zu n-tv.de, das ist ihr wichtig. Es ginge um etwas ganz anderes. "Wir wollen nur nach dem Tod mit denen bestattet werden, die wir kannten und die wir geliebt haben", sagt die agile 69-Jährige. Das sei vergleichbar mit Familiengräbern, die es schon immer gegeben habe.

Man kennt sich

Denn die Berlinerinnen, die sich hier treffen, kennen sich schon lange. Viele der Damen haben graue Haare, während der Ansprachen applaudieren sie immer wieder, manche johlen. Dieser Friedhof scheint für sie ein Triumph zu sein, nach Jahren der Ausgrenzung und Diskriminierung, die alle Frauen erfahren haben dürften. Fotografieren solle man einzelne Frauen bitte nicht, sagt Osterland. Man wisse ja nicht, wie sicher sie seien.

Die Sappho-Frauenwohnstiftung hat die "Trägerinnenschaft" übernommen, wie in einer vorab veröffentlichten Pressemitteilung zu lesen war. Die Stiftung ist nach einer Dichterin von der legendären griechischen Insel Lesbos benannt. 1997 gegründet, organisiert sie günstigen Wohnraum oder hilft bei der Gründung lesbischer Hausgemeinschaften. Ein eigener Friedhof sei da nur der nächste Schritt, sagt Osterland.  Auf die Beine gestellt haben das Projekt  Frauen aus dem eng mit der Stiftung verbandelten Verein "Safia - Lesben gestalten ihr Alter". 80 Grabstellen für Urnen- und Erdbestattung gibt es auf dem 400 Quadratmeter großen Areal. 15.000 Euro sammelten die Frauen, um ihren Friedhofsbereich herzurichten.

Auch Ruth Eschmann vom Vorstand der Sappho-Stiftung will von Abgrenzung nichts wissen. Sie ist eigens aus Wuppertal zur Friedhofseröffnung nach Berlin gereist. "Bei uns ist es eine Wahlverwandtschaft", sagt sie. So etwas gebe es in anderen Bereichen ja auch. "In Düsseldorf gebe es den Nordfriedhof, der nur  "Millionärshügel" genannt werde, weil dort nur reiche Leute bestattet wurden. Fans des Fußballklubs Schalke 04 können sich in Gelsenkirchen auf dem "Fanfeld" bestatten lassen - in Sichtweite zur Veltins-Arena. "Wir nehmen nur das für uns in Anspruch, was andere auch machen", hakt Osterland ein. Sechs verbindliche Anfragen gebe es bereits, sagt sie. Darunter ihre eigene.

Auch Usah Zachau, Kurzhaarfrisur, Jeans und rotes Käppi, hat die Friedhofsgründung mit vorangetrieben. Ihr fällt es schwer, auf die Redner-Bank zu klettern. Als sie es doch geschafft hat, schnappt sie sich das Mikrofon, sagt "Alte Lesbe!" und kichert. Die Frauen auf den Klappstühlen schmunzeln. "Ich liebe Friedhöfe!", eröffnet sie. Sie erzählt, wie sie als Kind auf Friedhöfen spielte, nach dortigen Besuchen stets ein großes Eis spendiert bekam. Dieser Friedhof soll ein Ort der Lebenden sein, propagiert sie. Es klingt fast ein bisschen wie auf einem katholischen Gemeindefest.   

Pfarrer: "Ein Stück Bestattungskultur"

Die Kirche sieht daran nichts Schlechtes.  "Das ist ein Stück Bestattungskultur", sagt Pfarrer Peter Storck vom "Evangelischen Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte". Im benachbarten Stadtteil Kreuzberg gebe es beispielsweise ein Gemeinschaftsgrab für Obdachlose - der Friedhofsbereich nur für Lesben sei im Grunde genauso etwas, erklärt er. "Wir fördern immer Gemeinschaftsgräber", sagt er. "Denn wir befürchten, dass einzelne und anonyme Gräber menschenunwürdig sind." Und dafür brauche man Orte. Den stellt er auf dem evangelischen Friedhof zur Verfügung - der überwiegend ein ganz normaler Friedhof bleibt, wie er betont. Platz ist genug auf Berliner Friedhöfen. Seit Jahren sinkt die Sterberate in der Hauptstadt - trotz steigender Einwohnerzahl. Friedhöfe schließen reihenweise ihre Pforten.

Wie eine Beerdigung auf dem neuen Friedhof ablaufen soll, werde man sehen, sagt Osterland. "Wir fragen jedenfalls nicht nach einem religiösen Bekenntnis". Aber auch ein christliches Begräbnis sei denkbar. Jede so wie sie möchte. Auf ihrem Friedhof möchten sich die Frauen nicht nur zu Beerdigungen treffen. Auch Lesungen oder Konzerte möchten sie dort veranstalten.  Nur anonyme Bestattungen sollen nicht möglich sein. "Wir wollen die Sichtbarkeit von jeder Frauenliebenden erhalten", sagt eine Rednerin. "Denn wir sind stolz darauf, dass wir Frauen und Lesben sind". Und das gilt nun auch über den Tod hinaus.

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Quelle: n-tv.de

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