Panorama
(Foto: dpa)
Mittwoch, 25. März 2015

"Nur Wählerstimmen abgreifen?": Merkels Trauergipfel

Von Julian Vetten, Seyne-les-Alpes

Sie können nicht helfen, kommen trotzdem und halten dann alle auf: Politiker, die nach Tragödien an Unglücksorte reisen, haben keinen guten Ruf. Dass Kameras gar nicht so wichtig sind, und es manchmal um mehr geht, beweisen Angela Merkel und ihre Kollegen.

Unruhig scharren die Reporter mit den Füßen. Es sind noch einmal mehr geworden seit dem frühen Morgen, angezogen vom Ereignis des Tages: Angela Merkel will die Basisstation der Rettungskräfte in der Nähe des Örtchens Seyne-les-Alpes besuchen und zusammen mit François Hollande und Mariano Rajoy den Helfern für ihren Einsatz beim größten Unglück in der jüngeren Geschichte der europäischen Luftfahrt danken. Sauber nach Uniformen getrennt stehen die Männer und Frauen von Gendarmerie, Bergrettung, Armee und Rotem Kreuz in Reih und Glied und frieren bereits seit einer guten Stunde im schneidenden Wind vor sich hin, während von den drei Staatschefs jede Spur fehlt.

Video

Zeit genug, um in all dem Trubel kurz über Sinn und Unsinn von Politikerbesuchen an Unglücksorten nachzudenken: "Die wollen doch nur ihre Köpfe in die Kameras halten und Wählerstimmen abgreifen", ereifert sich jedenfalls ein älterer Mann, der auf der höhergelegenen Landstraße Stellung bezogen hat und mit seinem Fernglas beste Sicht auf das komplette Gelände hat. Er ist einer von ganz wenigen Schaulustigen, die sich nach Seyne verirrt haben, dafür aber umso meinungsstärker: "Die ganzen Jungens da unten könnten schon längst wieder was sinnvolles machen – aber nein, sie werden ja für die Zeremonie gebraucht."

Ein bildgewaltiger Auftritt

Die indes ist sorgfältig geplant: Unweit der wartenden Rettungskräfte hat sich eine Traube von vielleicht zehn lokalen Würdenträgern versammelt, alle in Schwarz gekleidet. Der Bürgermeister von Seyne, erkennbar an seiner Schärpe, scheint aufgeregt mit einem Kollegen zu diskutieren. Sein heftiges Gestikulieren versetzt die knapp 50 Meter hinter eine Absperrung verbannten Journalisten in Aufregung: Hat das etwas zu bedeuten? Kommen Merkel und Hollande am Ende vielleicht doch nicht?

Fast im selben Moment erfüllt ein tiefes Brummen die Luft. Es tönt massiver als die Rotoren der wendigen Rettungshubschrauber, an das man sich hier längst gewöhnt hat – und tatsächlich: Aus Richtung der Absturzstelle von Flug 4U9525 nähert sich ein plumper Transporthubschrauber des französischen Heeres in Tarnfarben, dicht gefolgt von einem stahlgrauen Luftwaffen-Heli. Mit ohrenbetäubendem Lärm nähern sich die beiden Ungetüme dem Boden und werden von den heftigen Windböen hin und her geschleudert. Dann ist es geschafft, ein Offizier in Gardeuniform springt aus dem Cockpit, klappt eine Treppe für seine staatstragenden Passagiere aus und salutiert zackig. Die Fernsehkameras fangen den bildgewaltigen Auftritt von Merkel und Hollande dankbar ein.

"Das kam von Herzen"

Nach einem kurzen Statement und einer Umarmung für Spaniens Ministerpräsident Rajoy, der gerade noch rechtzeitig mit dem Auto eingetroffen ist, marschieren die drei Staatschefs und ihre Entourage schnurstracks zu den aufgereihten Helfern. "Es ist ein Zeichen unglaublicher Freundschaft und Hilfe, wir sind sehr dankbar", halten die Mikrofone offiziell von Merkel fest. Was soll sie auch anderes sagen, möchte man da fast einwerfen und dem alten Mann mit dem Fernglas insgeheim Recht geben – wäre da nicht die junge Frau von der Polizei, die ein paar Stunden nach Merkels Besuch rauchend am Rande des Absperrkordons steht und eine viel persönlichere Geschichte zu erzählen hat: "Sie hat mich gefragt, wie lange ich da oben war. Ich habe gesagt, gestern Abend und heute Morgen, und dass es echt nicht einfach ist, der Anblick und alles. Dann hat sie mich lange angesehen und 'Danke' gesagt. Das kam von Herzen, ich habe es gespürt. Das war wichtig für mich."

Fast 40 Minuten nehmen sich die drei Staatschefs für die knapp 30 Helfer Zeit und geben damit quasi en passant die Antwort auf die zwischenzeitlich gestellte Frage nach Sinn und Unsinn von Katastrophenbesuchen. Merkel, Hollande und Rajoy absolvieren hier kein Pflichtprogramm für die ohnehin größtenteils auf Abstand gehaltenen Kameras, sie nehmen wirklich Anteil am Schicksal der Opfer und Retter.

Später, nachdem sich Merkel im nahen Le Vernet in ein Kondolenzbuch eingetragen hat, findet die offizielle Erklärung der Regierungschefs in Seyne statt. "In Gedanken sind wir bei den Angehörigen der Opfer. Es wird alles getan, um das Geschehene so weit wie möglich aufzuklären", gibt die Kanzlerin gewohnt nüchtern zu Protokoll. Zumindest eine junge französische Polizistin weiß an diesem Abend, dass sie genau das eben nicht ist.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen