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Ob Kopftuch oder nicht, spielt in der liberalen Kölner Gemeinde keine Rolle.
Ob Kopftuch oder nicht, spielt in der liberalen Kölner Gemeinde keine Rolle.(Foto: dpa)

Liberale Strömung im Islam: Muslimische Gemeinde hat Frau als Imam

Viele Menschen haben Probleme mit dem Islam. Er ist ihnen zu streng, zu dogmatisch. Doch das geht auch vielen Muslimen so. Daher gründen sie eigene, überraschend liberale Gemeinden. In Köln gibt es sogar eine Imamin.

Sie widerspricht allen Klischees: Wenn die muslimische Gemeinde Rheinland in Köln zusammenkommt, ist vieles anders. Männer und Frauen beten zusammen. Der Imam - Vorbeter - ist eine Frau. Das hat echten Seltenheitswert in Deutschland. Man trifft sich nicht freitags in der Moschee, sondern familienfreundlich am Wochenende und in Räumen einer evangelischen Kirche. Es wird locker diskutiert, aktuell über islamistischen Terror, Vorurteile gegenüber Muslimen und Pegida.

 "Wir sind noch klein, werden aber schon genau beobachtet von den Traditionalisten", sagt Imamin Rabeya Müller. "Uns geht es um einen liberalen Islam, offen und realitätsbezogen. Und wir regen jeden an, kritisch zu denken, auch zu hinterfragen", sagt die Kölnerin, die Islamwissenschaften in Deutschland und islamische Theologie in mehreren asiatischen Ländern studiert hat. "Wir erheben keinen Absolutheitsanspruch."

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"Alle Sichtweisen auf den Islam, der im Grunde basisdemokratisch orientiert ist, haben ihre Daseinsberechtigung - außer sie haben mit Gewalt zu tun", betont die 58-Jährige, die es zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün ergänzt: "Hier ist jeder mit seinen Einstellungen und seinem Lebensstil willkommen. Wir sind in jeder Beziehung unabhängig. Ich persönlich bekomme hier auch echte religiöse Inspiration."

Drohungen von mehreren Seiten

Es gebe Anfeindungen: "Wir müssen uns Drohungen von radikaler und stark traditionalistischer Seite anhören, aber auch von Pegida-Anhängern." Und die kleine Gemeinde hat es nicht leicht, sich zu behaupten. "Das gängige Bild des Islam haben die großen konservativen Verbände seit Jahrzehnten geprägt. Es ist schwer, dagegenzuhalten."

Diesmal sind gut 30 Muslime aus dem Rheinland und Ruhrgebiet nach Köln gekommen. Auch in Berlin, Stuttgart und im hessischen Hofheim haben sich Ableger gebildet. Allmählich sprechen sich die Neugründungen herum. "Wir haben wachsenden Zulauf", sagt die Organisatorin der Kölner Gemeinde, Annika Mehmeti. Auffällig viele Frauen sind zum Austausch gekommen, einige Konvertiten. Kinder sind willkommen.

Sarah aus Bonn ist nach längerer Suche fündig geworden: "Ich habe viele Moscheegemeinden besucht, sie alle waren mir zu dogmatisch. Mit den Predigten konnte ich mich nicht identifizieren", erzählt die 22-Jährige. "Hier fühle ich mich heimisch, weil ich den Islam zeitgemäß leben will und nicht buchstabengetreu nach Regeln von vor 1400 Jahren."

"Es gibt einen liberalen Islam"

Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, ist es Zeit für das Mittagsgebet. Man muss improvisieren. Tische werden an den Rand geschoben, Teppiche ausgerollt, Schuhe fliegen in die Ecken. Manche bleiben auch zurückhaltend im hinteren Raumbereich stehen.

Einige Frauen holen Kopftücher aus ihren Handtaschen. Bekleidungsvorschriften gibt es nicht. Beten in Jeans, Leggings, Kleid, Pullover, Anzug - alles ist erlaubt, das Bild bunt. Zu den bekannten Gemeinde-Mitgliedern gehört die islamische Religionslehrerin Lamya Kaddor, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds (LIB). Die 36-Jährige ist derzeit als Expertin zu Salafismus und Radikalisierung von Jugendlichen sehr gefragt, dazu legt sie in der kommenden Woche auch ein Buch vor.

Der LIB, den sie mitgegründet hat, ist Träger der neuen muslimischen Gemeinden. Es wird temperamentvoll diskutiert, über Religionsfreiheit, den mörderischen Anschlag von Paris. Einige sind frustriert. Eine muslimische Studentin berichtet von latenter Ablehnung und alltäglicher "passiver Aggressivität" gegen sie. "Alles wird in einen Topf geworden, die Menschen merken einfach nicht, dass es unterschiedliche Islam-Strömungen gibt", klagt eine Marokkanerin aus Bonn. Als gemeinsames Ziel formuliert schließlich Lale Akgün: "Wir müssen selbstbewusst klar machen: Es gibt einen liberalen Islam. Den muss man nicht neu erfinden. Dafür stehen wir."

Quelle: n-tv.de

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